In der Vergangenheit hatte das Wort viel dunklere Bedeutungen als heute. Dem Philosophen René Descartes galt alles Natürliche als primitiver Automat, wertlos im Vergleich zur göttlichen Seele des Menschen. Generationen von Ingenieuren verachteten Natur, weil sie ihnen ekelhaft und unordentlich erschien, wie Max Frischs Homo Faber, der im Regenwald verächtlich ausruft: "Wo man hinspuckt, keimt es!" Ideologen haben Natur politisch missbraucht. Im Nationalsozialismus spielte der Naturbegriff eine zentrale Rolle, um Rassenwahn und Genozid zu rechtfertigen. "Das Wörtchen Natur ist der Liebling des Terrors", schrieb der deutsche Philosoph Günther Anders in den fünfziger Jahren.

Der englische Philosoph und Forscher Robert Boyle hat im 17. Jahrhundert Dutzende verschiedene Bedeutungen von Natur aufgelistet und erörtert, ob man ganz auf den Begriff verzichten sollte, weil er so unklar ist. Heute ist das Wort weitgehend auf eine Bedeutung reduziert: Natur ist eine Sphäre, die am besten getrennt vom Menschen funktioniert. In zahllosen Kontroversen, von der Gentechnik bis zum Klimawandel, geht es darum, die gute Natur vor dem weniger guten Menschen zu schützen – vor dem, der ihre Ruhe stört, der sie aus einem harmonischen Gleichgewicht bringt.

Doch schon in der Vergangenheit stimmte die Idee einer menschenleeren Wildnis oftmals gar nicht. Bei näherem Hinsehen entpuppen sich manche Ikonen des Naturschutzes, wie die Nationalparke in der amerikanischen Prärie, als Artefakte. In ihrem Buch Rambunctious Garden hat die Autorin Emma Marris nachgezeichnet, wie dicht die Steppen Nordamerikas von indigenen Völkern besiedelt waren und von ihnen genutzt wurden, lange bevor die Europäer einfielen. Dann starben Millionen Ureinwohner an den Infektionskrankheiten, die mit der ersten Welle der Eroberer ins Land kamen. Spätere Siedler, die in die entleerten Landschaften vordrangen, wähnten sich in unberührter Natur. Noch später kamen Städter hinterher, die begannen, die vermeintlich einsame Wildnis in philosophischen Abhandlungen und ästhetischen Fotografien zu idealisieren. 

Menschenleer war der Amazonas praktisch nie

Auch der Amazonas, Inbegriff unberührter Natur, war in der Geschichte offenbar deutlich weniger menschenleer als gedacht. Im Boden unter den gerodeten Regenwäldern finden Archäologen uralte Straßennetze und Siedlungen – Spuren vergangener Zivilisationen, die nach ihrem Untergang von Wald überwuchert wurden. Im Mittelmeerraum haben Menschen weit vor der Industrialisierung die Natur tief greifend verändert. Die kargen Landschaften von heute sind mitnichten ein Naturprodukt. Nach der letzten Eiszeit war das Gebiet von Griechenland über Zypern bis tief hinein in den heutigen Irak von mächtigen Wäldern bewachsen. Doch sie wurden sukzessive für Landwirtschaft, Schiffsbau und Metallverarbeitung dezimiert. Viele der Wüsten und Halbwüsten im Nahen Osten sind das Ergebnis jahrhundertelanger Übernutzung.

Anfang 2014 protestierten in Kenia Tausende Mitglieder des Sengwer-Stammes, die vom Jagen und Sammeln leben, dagegen, dass sie aus ihrer Heimat vertrieben werden sollen, um ein Naturschutzgebiet zu schaffen. Sie argumentieren, dass ihr Volk den Wald, um den es geht, seit langer Zeit durch ihre Lebensweise geprägt habe und es auch dort längst keine unberührte Natur mehr gebe.

Selbst das Weltklima haben die Menschen bereits weit vor unserer Zeit beeinflusst. Ende 2013 zeigten Forscher im Journal Nature, dass zwischen 800 vor Christus und 1400 die Konzentration des Treibhausgases Methan in der Atmosphäre um 17 Prozent gestiegen ist, was zu einer leichten Erwärmung beigetragen hat. Die Erklärung für den Anstieg sehen die Wissenschaftler darin, dass im selben Zeitraum in Asien der Reisanbau populär wurde. In den feuchten Reisfeldern entstehen große Mengen des Treibhausgases Methan.

Die früheren Veränderungen sind allerdings nichts im Vergleich zu dem, was heute geschieht. Allein zwischen 2000 und 2012 verschwand eine 1100 mal 1100 Kilometer große Waldfläche. Die CO2-Emissionen erreichten 2013 einen neuen Rekordwert von 36 Milliarden Tonnen, Forscher rechnen mit einer Erderwärmung um mehrere Grad in diesem Jahrhundert. Unsere Siedlungsgebiete wachsen und sollen in wenigen Jahrzehnten zusammengenommen die Größe Australiens einnehmen. Rechnet man die Biomasse aller lebenden Säugetiere überschlagsweise zusammen, entfallen heute 90 Prozent auf den Menschen und seine Nutztiere. In Labors von Biotechnikern entstehen immer neue Lebensformen, von genveränderten Nutzpflanzen bis hin zu Bakterien mit synthetisch erzeugtem Erbgut.

Paul Crutzen und das Anthropozän

Wegen der Fülle von negativen wie auch positiven Veränderungen spricht sich eine wachsende Zahl von Umweltschützern und Wissenschaftlern dafür aus, den Menschen nicht länger getrennt von der Natur zu denken. Es geht darum, anzuerkennen, dass Erdsystem und Mensch durch die vielen Eingriffe auf Gedeih und Verderb miteinander verbunden sind. Der Chemie-Nobelpreisträger Paul J. Crutzen hat den Perspektivenwechsel mit einem neuen Wort auf den Punkt gebracht, das die Umweltdebatte quasi auf den Kopf stellt.

Der gebürtige Niederländer ist ein großer, sprühender Geist in einem kleinen, gebrechlichen Körper. Seinen Nobelpreis hat Crutzen 1995 bekommen, weil er als einer der Ersten in den siebziger und achtziger Jahren die Gefahren erkannt hat, die von synthetischen Chemikalien für die schützende Ozonschicht der Erde ausgehen. Dieser Schock hat ihn dazu gebracht, alle Umweltveränderungen durch den Menschen systematisch zu erfassen. Als er im vergangenen Dezember im Kurfürstlichen Schloss von Mainz seinen 80. Geburtstag feierte, trug er einmal mehr eine lange Liste vor: gigantische Mengen von Stickstoff und Phosphor für die industrielle Landwirtschaft, gewaltige Agrar- und Stadtflächen und Milliarden Nutztiere, Millionen Tonnen Elektroschrott, die Überfischung der Meere.

Hören Sie endlich auf, vom Holozän zu sprechen. Wir sind im Anthropozän!
Paul Crutzen, Nobelpreisträger

All diese Veränderungen fasst er in einem neuen Begriff zusammen, den er im Jahr 2000 bei einer Tagung des Internationalen Geosphären-Biosphären-Programms erfunden hat. Seine Kollegen nannten damals in den Debatten immer und immer wieder als aktuelle geologische Erdepoche das Holozän, dessen Beginn vor 11.700 Jahren mit dem Ende der letzten Eiszeit angesetzt wird. Crutzen rutschte ungeduldig auf seinem Stuhl hin und her, bis ihm der Kragen platzte. "Hören Sie endlich auf, vom Holozän zu sprechen", rief er einem Redner zu, "wir sind nicht mehr im Holozän. Wir sind im ..., im ..., im ... Anthropozän!"

Im Saal wurde es still. Denn Crutzen hatte mit einem einzigen Wort die mentale Barriere zwischen Kultur und Natur abgeschafft: Die Menschheit kratzt nicht nur an der Oberfläche der Natur, sondern verändert sie tief greifend, global und langfristig – so sehr, dass sich das zu einer geologischen "Erdepoche des Menschen" summiert. Natur – das ist in Zukunft vor allem Menschenwerk. "Der Planet wird nie wieder derselbe sein", sagt Erle Ellis.