Crutzens Idee breitet sich seitdem weltweit aus. Viele Wissenschaftler nutzen das Wort "Anthropozän" in ihren Veröffentlichungen bereits so, als wäre es die offizielle Bezeichnung unserer Zeit. Ob das Anthropozän künftig in Geologie- und Schulbüchern stehen wird, wird die Internationale Kommission für Stratigraphie entscheiden. Deren Aufgabe ist es, die Erdgeschichte in sinnvolle Zeitabschnitte zu unterteilen. Die Organisation lässt Crutzens Vorstoß bis 2016 prüfen. Geologen wie Charles H. Langmuir von der Harvard University und Wally Broecker von der Columbia University unterstützen das Vorhaben. "Der Aufstieg der menschlichen Zivilisation verändert die Geschichte des Planeten grundlegend", schreiben sie, "zum ersten Mal dominiert eine einzelne Spezies die gesamte Oberfläche, sitzt an der Spitze aller Nahrungsketten an Land wie im Meer und hat einen Großteil der Biosphäre für ihre eigenen Zwecke unter Kontrolle."

Der Mensch ist kein Eindringling mehr

Crutzen und seinen Mitstreitern geht es nicht darum, einfach nur den Status quo mit einem schicken neuen Wort zu schmücken, das den neuen Realitäten eine Art wissenschaftliche Legitimation verleiht. Der Chemie-Nobelpreisträger will nicht denen, die Lebensräume zerstören und das Klima verändern, das schlechte Gewissen nehmen. Im Gegenteil, er geißelt kurzsichtiges Wirtschaften und fordert: "Wir müssen dringend zu Hütern und Bewahrern des Erdsystems heranreifen." Den Schlüssel dazu sieht er eben darin, den Menschen nicht mehr als eine von außen kommende Kraft zu sehen, sondern als integralen Bestandteil der Natur.

Die Idee vom Anthropozän fasst die zahllosen rasanten Veränderungen auf der Erde – vom Plastikplankton bis zum Weltklimawandel – zusammen und verändert den Blick auf die Natur, die dabei entsteht. In dieser neuen Welt gibt es kein Innen und kein Außen mehr. Menschen sind keine von außen kommende Kraft, die ein natürliches System stören. Gerade wegen unserer vielen Eingriffe in die Umwelt sind wir Akteur und Teil des Erdsystems. Was wir früher Natur nannten, wird zur grünen Infrastruktur und letztlich zum grünen Sicherheitssystem der menschlichen Zivilisation. Auf einem urbanisierten Planeten ist der Amazonas so etwas wie der Central Park der Erde. Wildtiere wie Orang-Utans und Tiger bekommen den Status von Haustieren, weil sie in ihrem Überleben auf unser Management angewiesen sind. Moore und Regenwälder sind in dieser Sichtweise CO2-Speicher, polare Gebiete Klimaanlagen, Gletscher Süßwasserspeicher, Mangrovenwälder und Korallenriffe bilden die Infrastruktur des Küstenschutzes.

Zugleich wird das, was wir früher Kultur nannten, zum Bestandteil der Biosphäre. In dieser Logik sind nicht nur Äcker, sondern auch unsere vielen Siedlungen und Städte eigene Ökosysteme, die in Zukunft wie Regenwälder oder Moore als neue Art von Natur funktionieren müssen. Unsere Maschinen und ihre Produkte sind in dieser Perspektive Bewohner der Erde, die sich irgendwie in deren Stoffwechsel einfügen, also komplett wiederverwertbar werden müssen.

Natur und Kultur, Lebewesen und technische Objekte, Gewordenes und Erdachtes bilden im Anthropozän neuartige Hybride. So wie Erle Ellis’ Fundstück vom Strand zugleich Altmetall und Neunatur ist, verschwimmen auch in der Tierwelt die Grenzen. Der australische Leiervogel hat in seinen Balzgesängen immer andere Vogelarten imitiert. Seit er sein Habitat mit Menschen teilt, sind Handygeräusche, Kameraklicken und sogar das Rasseln von Motorsägen Teil seines Sound-Repertoires geworden. Auf YouTube gibt es exzentrische Beispiele dieser Entwicklung: Elche, die sich auf Trampolins vergnügen; ein Rabe, der immer und immer wieder auf einem Plastikdeckel ein Dach hinabsurft; ein Adler, der Parkrangern die Videokamera klaut und einen "Selfie" dreht.

Besiedelte Gebiete sind mitunter sogar artenreicher

Die Welt entfernt sich von den Idealen jener Umweltschützer, die von menschenleeren Räumen träumen, in denen Tiere und Pflanzen so leben wie vor einigen Tausend Jahren. Die letzten Reste unberührter Natur verschwinden jedoch, wenn in Zukunft selbst Pflanzen, die mitten in entlegenen Regenwaldgebieten wachsen, sich bei der Photosynthese aus Kohlenstoffatomen bilden werden, die zuvor durch Auspuffe und Schornsteine gewandert und über die Luft in alle Weltgegenden verteilt worden sind. Was uns in Zukunft bleiben wird, ist berührte Natur. Dieser Wandel kann nostalgisch machen und verstärkt den Drang, die letzten Wildnisgebiete zu erhalten. Doch zugleich steckt in der Anthropozän-Idee auch ein neuer ethischer Imperativ. Als "Ära der Verantwortung" haben die Umweltberater der Bundesregierung die neue Erdepoche bezeichnet. Crutzen selbst sieht es als unsere Aufgabe, dafür zu sorgen, "dass die Umwelt, in der meine Enkel leben werden, in einem besseren Zustand sein wird als die Umwelt heute". Dafür reicht es nicht, Natur in Reservate zu packen und einen Zaun darumzuziehen. Im Anthropozän muss letztlich der ganze Planet zu einem vielfältigen und dynamisch wachsenden Biosphärenreservat werden, Landwirtschaftsflächen, Nutzwälder, Städte und Industriegebiete eingeschlossen.

Ermutigend ist, dass besiedelte Gebiete sogar artenreicher sein können als menschenleere. So haben Wissenschaftler etwa in Nepal festgestellt, dass die Tigerpopulationen ausgerechnet dort wuchsen, wo die Zahl der Menschen am stärksten zugenommen hatte. Und in Australien beobachteten Forscher in einem Gebiet, das Aborigines verlassen hatten, einen krassen Rückgang von seltenen Arten. Ohne Menschen blieben die Buschbrände aus, an die sich diese Arten angepasst hatten.