Im Anthropozän sind auch Städte kein Gegensatz mehr zur Natur. Ein gutes Beispiel dafür ist Berlin. In der Hauptstadt pfeifen Mauersegler durch die Straßen, für die hohe Gebäude dieselbe Heimat bieten wie die Klippen und Felsabhänge, an denen sie von Natur aus brüten. Gänsesäger überwintern dort, wo die warmen Abwässer von Gewerbegebieten die Flüsse auch im Winter offen halten. Die einst vom Aussterben bedrohten Wanderfalken nutzen den Turm des Rathauses zum Brüten und das Scheinwerferlicht des Fernsehturms am Alexanderplatz zum Jagen. Seltene und als gefährdet eingestufte Arten wie Sumpfohreulen, Neuntöter und Schwarzkehlchen nutzen den früheren Flughafen Tempelhof als Lebensraum. Für viele dieser Vogelarten bietet die Großstadt ein besseres Biotop als das intensivierte Agrar- und Gewerbeland im Umland.

In Berlin wächst Neu-Natur sogar aus den Fäkalien früherer Stadtbewohner. Rund um das Dorf Hobrechtsfelde am Nordrand der Stadt wurden zwischen 1910 und 1960 die Ausscheidungen von Millionen Menschen verteilt. Eine Weile funktionierte das Entsorgungssystem gut, es gelang sogar, auf den menschlichen Dungflächen Gemüse anzubauen und Fische zu züchten. Doch dann landeten zu viele Pharmazeutika, synthetische Waschmittel und Industrieabfälle auf den Rieselfeldern, und Großkläranlagen kamen in Mode. Zurück blieb eine massiv überdüngte Landschaft mit teils bizarrem Aussehen.

Wer nicht weiß, was hier früher passiert ist, steht staunend vor Resten von Betonbecken, rätselhaften Wällen und grellgrüner Vegetation. Nun wird ein Mix an robusten Weidetieren eingesetzt, um die größte Waldweide-Landschaft Europas zu kreieren: Englische Parkrinder, Schottische Hochlandrinder, Uckermärker, Konikponys und Fjordpferde verteilen sich in der 800 Hektar großen Landschaft. Sie verändern Biss für Biss, Tritt für Tritt die Vegetation. Ein lichter Wald soll entstehen, der teilweise wie eine Savanne wirkt. Feuchter, offener, artenreicher soll das Landschaftsbild werden. Allerweltsgräser sollen zurückgehen, seltene Arten wie Hirschkäfer und Braunkehlchen zunehmen. Einen fixen Idealzustand gibt es bei dem staatlich geförderten Projekt nicht. "Es funktioniert nach dem Prinzip Versuch, Irrtum, Umdenken", sagt Projektleiter Andreas Schulze.

Ähnlich experimentierfreudig geht es auf den früheren Truppenübungsplätzen Jüterbog-West und Döberitzer Heide zu. Die Gebiete sind in den vergangenen zwei Jahrhunderten von den Armeen Preußens, des Deutschen Reichs und der Sowjetunion genutzt worden. Seit dem Fall der Berliner Mauer und dem darauffolgenden Abzug der russischen Truppen liegen sie brach. Es zeigte sich, dass die geballte Gewalt von Panzern, Truppen und Geschützfeuer etwas Erstaunliches geleistet hatte. Unter der zeitgenössischen brandenburgischen Landschaft trat eine andere, ältere Landschaft hervor, eine offene Sandlandschaft, wie sie wohl nach der letzten Eiszeit typisch war, mit weiten Sandflächen und Dünen, weit entfernt vom Meer, ganz so, wie man dies auch aus der Sahara kennt.

Überleben nur noch Tiere, die sich dem Mensch anpassen?

Die Landschaften sind mit militärischen Hinterlassenschaften gespickt, mit Bunkern, Schutt und Altmetall. Dieser Lebensraum zieht viele Tier- und Pflanzenarten an, die anderswo selten geworden sind, von der Dünenspringspinne bis zum Ziegenmelker. Damit die offenen Flächen nicht zuwachsen, hat die Heinz-Sielmann-Stiftung in der Döberitzer Heide mongolische Przewalski-Pferde und Wisente ausgesetzt. Sie sollen aufkommende Sträucher fressen und so die Sandflächen offen halten. In Jüterbog-West erhalten Tierarten, die in der Agrarlandschaft selten geworden sind, technische Hilfe: Für den Wiedehopf, einen orange-weiß-schwarzen Vogel mit einem ausgeprägten Schopf, werden künstliche Brutröhren installiert. Viele der alten Bunker haben Naturschützer als Fledermausquartiere optimiert. In der Landschaft verteilt liegen alte Metallplatten, unter deren Extrahitze sich die Schlingnatter gerne aufhält.

Wo wird das alles hinführen? Wird es auf der Erde künftig nur noch Arten geben, die sich menschlichen Lebensräumen anpassen können oder die wie Nutztiere direkt menschlichen Bedürfnissen dienen? Die Gefahr besteht, und Wissenschaftler warnen bereits davor, dass die sechste große Aussterbewelle im Gange ist. Doch je mehr Arten schwinden, desto deutlicher wird werden, dass von Bodenbakterien bis zu großen Fischen im Meer das ganze Spektrum von Biodiversität nötig ist, um die Erde für Menschen dauerhaft bewohnbar zu halten. In der Erdepoche des Menschen werden wir entdecken, wie sehr wir auf die Millionen anderen Arten angewiesen sind, mit denen wir den Planeten teilen.

Deshalb spielen nun auch Ingenieure und Biotechniker eine wichtige Rolle dabei, Technologien in den Dienst an der neuen Natur zu stellen. Zuchtprogramme in Zoos und Botanischen Gärten sind für viele Arten bereits heute die letzte Rettung. Tiere wie das Przewalski-Pferd, die Kihansi-Kröte oder das Arabische Oryx gibt es heute nur deshalb wieder im Freien, weil sie zuvor in menschlicher Obhut gewesen und von Tierärzten und Biologen behandelt worden sind. Pflanzensamen werden in gigantischen Sammlungen wie dem "Svalbard Global Seed Vault" für eine ferne Zukunft verwahrt und stehen später zur Verfügung, um die Arten wieder in die Umwelt zu entlassen oder zu menschlichen Zwecken zu nutzen. Eine eigene Disziplin von Biologen, die Restorations-Ökologen, kümmert sich darum, geschädigte und verarmte Habitate durch gezielte Eingriffe in einen ursprünglicheren Zustand zurückzuführen und zu neuem Leben zu erwecken. Gentechniker setzen nicht nur immer neue Lebensformen frei, sondern erkunden auch, ob sich längst ausgestorbene Arten wie das Mammut durch Klontechnik wiederauferwecken lassen. Seltene Tiere werden inzwischen mit einem dichten Netz von Kameras, Sensoren und Peilsendern überwacht, um Schutzmaßnahmen optimieren zu können. Zunehmend kommen im Naturschutz auch Drohnen zum Einsatz, etwa um illegale Holzfäller aufzuspüren oder seltene Tiere zu entdecken. Viele Entscheidungen über ökologische Fragen werden bereits heute vom Netz der optischen Sensoren im Weltall beeinflusst, die mit wachsender Auflösung ein Echtzeitbild unseres Planeten, seiner Vegetation, Chemikalien, Meeresströmungen und Verwerfungen erzeugen.

Nester aus Kippenresten

Unberührte Natur erweist sich im 21. Jahrhundert als Illusion. Doch die neue Natur, zu der Menschen, Tiere, Pflanzen und Technologien verschmelzen, ist ebenso voller Überraschungen und Abenteuer wie die klassische Natur. Bisher lagen die meisten Ökoforschungsstationen in den relativ kleinen letzten Wildnisgebieten. Biologen haben menschlich veränderte Phänomene eher gescheut. Nun entdecken sie Aufregendes: Vögel in Mexiko-Stadt nutzen Zigarettenstummel zum Nestbau, und das Nikotin vertreibt sogar Milben und andere Parasiten. In Japan klauben Raben Alukleiderbügel von Balkonen und bauen daraus Nistplätze. In New York wurde eine neue Froschart gefunden. Und an amerikanischen Straßen konnten Biologen der Evolution zusehen: Bei Klippenschwalben verkürzen sich die Flügel, seit sie begonnen haben, an Straßenbrücken zu nisten – Vögel mit kürzeren Flügeln können Autos besser ausweichen und überleben daher eher bis zur Fortpflanzung.