Wissenschaftler wie Erle Ellis versuchen nun das zu leisten, was Alexander von Humboldt vor 200 Jahren mit den Naturlandschaften getan hat: Der Geograf entwickelt eine Systematik der unnatürlichen Vegetation der Erde. Die zentrale Rolle spielen darin nicht mehr "Biome", wie Forscher bisher Lebensräume nennen, sondern "Anthrome", Menschenräume. "Die Zukunft der Erde wird nicht mehr von angeblichen Grenzen der Natur abhängen, sondern von dem, was Menschen ersinnen und gemeinsam leisten können", sagt Ellis.

Ist das Anthropozän eine Art Freifahrtschein, die Zerstörungen von heute einfach fortzusetzen? Wohl kaum. Diese Zerstörungen können vielmehr passieren, weil die Menschheit bisher die Natur konsequent als das fremde Gegenüber ausgeblendet hat. Lebendiger Regenwald taucht in keiner Unternehmensbilanz auf, erst wenn Holz entsteht oder auf Rodungsflächen Palmöl angebaut wird, entsteht ökonomischer "Wert". UN-Klimakonferenzen und Unternehmen, die sich am nachhaltigen Wirtschaften versuchen, stecken derzeit in der Sackgasse, weil Umweltschutz als ökonomische Last gilt. "Es gibt ein falsches Verständnis von der Natur des Wertes und ein falsches Verständnis vom Wert der Natur", sagt Pavan Sukhdev, der früher Manager bei der Deutschen Bank war und seit 2008 dafür eintritt, die Grundprinzipien der Ökonomie radikal zu verändern. Für ihn sind Ökologie und Ökonomie im Anthropozän eins – und deshalb darf es nicht länger möglich sein, das Naturkapital der Erde zu ignorieren und zu verschleudern.

Die letzten Reste echter Wildnis sind im Anthropozän besonders schützenswert. Die Natur der Zukunft zu gestalten ist aber eine viel größere Aufgabe. Da geht es um vielfältige Landwirtschaft, um artenreiche Städte, um vollständig wiederverwertbare Elektrogeräte und vieles mehr. Selbst wenn der Plan der UN gelingt, bis zum Jahr 2020 17 Prozent der Landfläche und 10 Prozent der Meeresfläche unter effektiven Schutz zu stellen, wartet Größeres: dafür zu sorgen, dass auf 83 Prozent der Landfläche und 90 Prozent der Meeresfläche Nahrung, Produkte und Wohnraum so entstehen, dass sie nicht wie bisher zu Unmengen giftigen Abfalls sowie verarmten Landschaften und Meeresgebieten führen. Wenn dieser Wandel nicht gelingt, könnte das Anthropozän sehr kurz ausfallen.