Wir treffen einen bestens aufgelegten Heinz-Otto Peitgen im Fraunhofer-Institut für Bildgestützte Medizin in Bremen, das er bis Ende 2012 leitete. Auf einem Bord neben dem Tisch stehen zwei eigenartige Objekte, die an Korallen erinnern.

ZEIT Wissen: Herr Peitgen, was für Skulpturen sind das?

Heinz-Otto Peitgen: Das sind Ausgüsse von Organen, rechts steht der Ausguss einer menschlichen Leber.

ZEIT Wissen: Und die haben mit Chaostheorie zu tun?

Peitgen: Ja, mit ihrer Hilfe ist uns eine außerordentliche Verbesserung der Leberchirurgie gelungen. Nehmen wir an, jemand hat einen Tumor in der Leber, den man herausnehmen will. Dafür muss man in Gefäßstrukturen hineinschneiden. Schneidet man zu viel heraus, wird die Leber schwer geschädigt. Wir haben Softwaresysteme entwickelt, die auf der fraktalen Geometrie beruhen, einem Teilgebiet der Chaostheorie, und mit denen können wir die Schädigung der Leber bei Chirurgiepatienten individuell vorhersagen. Das ist eine unserer schönsten Leistungen, die sehr viele Menschenleben gerettet hat. Übrigens auch in Japan, wo das Problem noch komplizierter ist.

ZEIT Wissen: Inwiefern?

Peitgen: Es gibt Länder, in denen eine Lebertransplantation aus religiösen, aus ethischen Gründen nicht möglich ist, dazu gehört Japan. Dort darf man den Körper eines Toten nicht öffnen und schon gar nicht Organe entfernen. Deshalb entnimmt man von einem gesunden Menschen ein Stück Leber, um es in die Leber eines Kranken einzusetzen. Das geht, weil die Leber neben der Haut das einzige Organ ist, das sich von selbst regeneriert. Allerdings hat man nun ein doppeltes Risiko: Man muss die komplexen Gefäßsysteme in der gesunden und der kranken Leber so trennen, dass das, was übrig bleibt, noch voll funktionsfähig ist. Chirurgen aus Japan schicken die radiologischen Aufnahmen nach Bremen, und unser Expertenteam erzeugt mit einer speziell dafür entwickelten Software die optimalen Schnittpläne. Die werden als 3-D-Aufnahmen nach Japan zurückschickt, und die Chirurgen operieren anhand dieser Pläne.

ZEIT Wissen: Was kommt nach der Leberchirurgie?

Peitgen: Das Thema Brustkrebs fasziniert mich. Denn wie gehen wir heute mit Brustkrebs um, mit dieser Geißel der Frauen, was machen wir da? Mammografien, Projektionsaufnahmen der Brust. Die Bildung von Tumoren ist aber ein äußerst komplexes Phänomen, vor allem die Bildung von Metastasen. Ein so einfaches Verfahren wie die Mammografie dagegenzusetzen – das ist ein völliges Unverhältnis. Es kann überhaupt nicht sein, dass man ein so komplexes Problem wie die Tumorbildung mit so simplen Methoden wie einer Chemotherapie behandeln will. Das ist zu monokausal gedacht. Wenn wir das so angehen, ist es hoffnungslos, Krebs wirklich zu besiegen.

ZEIT Wissen: Ist das Ihr nächstes Projekt?

Peitgen: Ich bin hin- und hergerissen. Eigentlich möchte ich nicht unbedingt noch mal alte Dinge aufgreifen, Wissenschaft und Medizin. In den letzten Jahren hatte ich den Wunsch, an einen zeitgenössischen Komponisten einen Kompositionsauftrag zu vergeben, um ein Oratorium für Dietrich Bonhoeffer zu schreiben. Daran sitzen wir auch mit der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen immer noch.