Sport ist meistens gut für die Gesundheit, aber eben nicht immer. Manchmal kann er sogar tödlich sein

Ob eine Arznei nutzt oder schadet, hängt von der Dosierung ab. So ist es auch beim Sport: Im rechten Maß hält Bewegung gesund und schützt vor Krankheiten. Wer es übertreibt, riskiert damit im schlimmsten Fall sein Leben. So erging es dem griechischen Laufboten Pheidippides, dem Urvater des modernen Marathonlaufs. Der Legende nach rannte der Bote um 490 vor Christus zu Fuß von Marathon nach Athen, um die Botschaft vom Sieg über die Perser zu verkünden. "Freut euch, wir haben gewonnen", waren angeblich seine letzten Worte, bevor er vor Erschöpfung zusammenbrach und starb.

Wäre Pheidippides heute obduziert worden, hätte der Pathologe wohl "plötzlicher Herztod" auf den Totenschein geschrieben. Während moderate Bewegungseinheiten das Herzinfarktrisiko senken, kann zu intensives Training dem Herzen nachhaltig schaden. Bei hoher Belastung pumpt es bis zu 35 Liter Blut pro Minute durch den Kreislauf, das ist fast siebenmal so viel wie im Ruhezustand. Dauert die Belastung eine halbe oder auch eine Dreiviertelstunde an, ist das kein Problem. Nach mehr als ein bis zwei Stunden allzu intensivem Ausdauersport können die Vorhöfe und die rechte Herzkammer aber so stark anschwellen, dass sich im Herzmuskel feine Risse bilden, schreiben die amerikanischen Kardiologen James O’Keefe und Carl Lavie in ihrem Aufsatz Run for your life ... at a comfortable speed and not too far im Fachjournal Heart. Normalerweise seien diese Miniverletzungen schon nach einer Woche wieder abgeheilt. Wer sein Herz aber über Jahre und Jahrzehnte hinweg auf diese Weise überfordere, riskiere bleibende Gewebeschäden und Verhärtungen im Herzmuskel. Das könne zu chronischen Herzleiden wie Herzrhythmusstörungen führen und im schlimmsten Fall zum plötzlichen Herztod.

Doch keine Angst: Besonders oft kommt das nicht vor. In Deutschland sterben jedes Jahr mehr als 100 000 Menschen an einem plötzlichen Herztod, davon aber nur einige Hundert beim Sport. Statistisch betrachtet, haben junge Athleten zwar ein etwa 2,5-mal höheres Herztodrisiko als Nichtsportler. Das muss aber nicht bedeuten, dass Sport ihr Herz krank gemacht hat. Es könnte auch daran liegen, dass ihr Herz bereits krank war und durch den Sport akut überlastet wurde.

Herztests zur Sicherheit

Vorhandene Schäden am Herzen können ein Problem für Menschen sein, die nach langer Zeit wieder aktiv werden wollen. Sie ahnen nichts davon, dass ihr Herz inzwischen nicht mehr richtig funktioniert. Doch wenn sie das Sofa gegen den Fußballplatz tauschen, kann ihre Herzkrankheit zum Tod führen.Wer also mit dem Sport wieder anfängt, sollte sich sicherheitshalber ärztlich untersuchen lassen, um Herzerkrankungen und andere chronische Leiden auszuschließen.

Und wer unter einem akuten Infekt leidet, sollte den Sport in dieser Zeit besser ganz sein lassen, da körperliche Belastung das Immunsystem zeitweise schwächt. Zunächst wird es zwar aktiviert, weil der Körper auf Anstrengung mit einer vorübergehenden Entzündung reagiert: Stresshormone wie Adrenalin und Kortisol werden freigesetzt, und die Zahl der körpereigenen Abwehrzellen (der weißen Blutkörperchen) steigt rapide an. Das ist weder ungesund noch gefährlich, sondern ein ganz normaler Schutzmechanismus des Körpers. "Die Abwehrzellen sind unter anderem dafür zuständig, die kleinen Schäden zu reparieren, die körperliche Belastung in der Muskulatur hinterlässt", sagt Holger Gabriel vom Lehrstuhl für Sportmedizin und Gesundheitsförderung der Friedrich-Schiller-Universität Jena. "Der Körper braucht sie, um sich von der Beanspruchung zu erholen."

Dann aber tritt der gegenläufige Mechanismus ein: Die Entzündung wird heruntergefahren, und die Zahl der Abwehrzellen sinkt wieder ab. Die verbliebenen büßen nach anderthalb bis zwei Stunden an Schlagkraft ein. Ihre Funktion wird gehemmt, und obendrein hindern die Stresshormone sie daran, sich frei und rasch durch die Blutbahn zu bewegen und rechtzeitig zu Infektionsherden zu gelangen.

Im Abwehrsystem entsteht eine Lücke, die Mediziner als open window bezeichnen. Gesunden macht das in der Regel nichts aus. Für Menschen, die bereits einen Infekt in sich tragen, ist das open window aber gefährlich. Es bietet Erregern die Chance, sich im Körper auszubreiten und sich in lebenswichtigen Organen wie dem Herzen einzunisten. "Wer krank ist und Sport treibt, riskiert eine Herzmuskelentzündung, die zu Herzinsuffizienz und Herzrhythmusstörungen führen kann", warnt Gabriel. Wenn man unter Schmerzen im Brustkorb, unregelmäßigem Herzschlag oder allgemeinen Schwächegefühlen leidet, sollte man das Training lieber ausfallen lassen. All das können nämlich Symptome eines Infekts sein, der sich im Herzen festgesetzt hat.

Auf den Körper hören statt ihn nur zu quälen

Erfahrene Sportler kennen die meisten Warnsignale, sie sind Seismografen des Körpers. Wer aber gerade erst mit dem Sport anfängt, weiß oft noch nicht, wo seine Grenzen liegen. Deshalb neigen Anfänger dazu, sich zu überfordern und dadurch auch nicht nur das Herz, sondern auch ihre Knochen, Sehnen und Gelenke zu überlasten. "Wenn die Muskulatur zu schwach ist, um Erschütterungen abzufedern, werden die Kräfte über die Sehnen auf den Knochen übertragen", so Holger Schmitt, Leiter des Zentrums für sporttraumatologische Chirurgie an der Atos-Klinik Heidelberg. "Die Sehnenansatzzone entzündet sich, und eine zu starke Beanspruchung kann zu Schädigungen des Knochens führen." Bei untrainierten Joggern komme es häufig zu Haarrissen im Schienbein, die den Knochen anfälliger für Brüche machten. Länger andauernde Überbelastung schädige auch die Gelenke, weil sich der Knorpel mit der Zeit abreibe.

Besonders belastend sind Ballsportarten, bei denen man häufig die Bewegungsrichtung wechseln oder springen muss. Wer seine Gelenke und Knochen schonen möchte, sollte Fahrrad fahren, schwimmen oder walken. Sportanfängern rät Schmitt, mit einem leichten Training zu beginnen und sich langsam zu steigern. Zusätzlich empfiehlt er regelmäßiges Krafttraining zur Stärkung der Muskulatur.

Der beste Schutz vor Verletzungen sei jedoch, den Körper bewusst und immer wieder neu wahrzunehmen. "Schmerz ist ein Indikator für Entzündungen und Verletzungen im Körper – ignoriert man ihn, werden sie unter Umständen zu chronischen Beschwerden."