Soll der Bösendorfer-Saal neu erbaut werden, jener Konzertraum in Wien, in dem die Berühmtesten der Berühmten aufgetreten sind: Liszt, Brahms, Mahler, Wagner, Strauss? Das wird der österreichische Architekt Adolf Loos im Jahr 1912 gefragt. Seine Antwort: Dann wäre all die Musik verloren, die in diesem Raum gespielt wurde. "Im Mörtel des Saales wohnen die Töne und zittern und vibrieren mit", schreibt er, "das Material hat gute Musik eingesogen und wurde mit den Klängen unserer Philharmoniker und den Stimmen unserer Sänger imprägniert." Loos schreibt von "molekularen Veränderungen", vom "Mysterium der Akustik" und davon, wie empfindlich dessen "Seele" sei: "Man lasse durch acht Tage eine Militärmusik-Kapelle im Bösendorfer-Saal schmettern, und die berühmte Akustik des Raumes ist sofort beim Teufel."

Hundert Jahre später gibt es noch keinen Beweis für diese Aussage. Richtig ist: Töne sind Luftdruckschwankungen und können durchaus Wände zum Schwingen bringen. "Musik kann aber die Eigenschaften eines Raumes nicht verändern", sagt Tapio Lokki vom Department of Media Technology an der Aalto University in Finnland, "dazu ist die Energie der Klangwellen zu schwach." Lokki, der gerade für eine Methode ausgezeichnet wurde, Konzerträume objektiv miteinander zu vergleichen, nennt einen Grund, warum sich die Akustik von Räumen verändert: ihr zunehmendes Alter. "Holz trocknet, einige weiche Materialien wie Polster werden härter und reflektieren die Musik mehr, oder Oberflächen, auf denen sich Staub sammelt, können Höhen akzentuieren."

Sebastian Merchel vom Lehrstuhl für Kommunikationsakustik der TU Dresden stimmt dem zu: "Starke Nutzung kann die akustische Wirkung verändern. Vermutlich wäre der Effekt aber in einem Raum, der nicht für Musikkonzerte genutzt wird, gleich groß." Und Christoph Reuter vom Institut für Musikwissenschaft der Universität Wien sagt: "Es ändern sich schon je nach Größe des Publikums und dessen Kleidung die Nachhall- und Absorptionseigenschaften eines Konzertsaals drastisch – die Zuhörer beeinflussen die Raumakustik für die Dauer ihres Aufenthalts mehr, als es eine permanente Beschallung tun könnte."

Adolf Loos hat also die Wirkung des Schalls auf die Akustik von Räumen vermutlich überschätzt. Um es ganz genau zu wissen, müsste man zwei identische Räume bauen und einen davon über Jahrzehnte mit Musik beschallen, den anderen etwa mit dem Geschrei einer Kreissäge. Aber würde man Konzertsäle anders bauen, wenn dabei winzige Unterschiede zutage kämen? Der Freiburger Musikpsychologe Manfred Nusseck schlägt ein anderes Experiment vor: Man führe zwei Gruppen mit verbundenen Augen in einen großen Raum. Der einen erzähle man, es handle sich um einen Konzertsaal, und der anderen, es sei eine Fabrikhalle. Aufgefordert, die Akustik zu beschreiben, würden die Gruppen sehr unterschiedlich urteilen, "da jeder eine bestimmte Auffassung von solchen Räumen hat und sie in diesen Raum hineinprojiziert", so Nusseck. "Wenn ich mir eine Kirche anschaue, bin ich beeindruckt von der Akustik und dem Gefühl, das sie in mir auslöst. Aber das erwarte ich auch von einer Kirche. Sonst wäre ich enttäuscht."

Das letzte Konzert im Bösendorfer-Saal wurde 1913 gegeben – unter dem Motto "Muss es sein? Es muss sein!". Stefan Zweig beschreibt es in seinen Memoiren: "Als die letzten Takte Beethovens verklangen, verließ keiner seinen Platz. Wir lärmten und applaudierten, einige Frauen schluchzten vor Erregung, niemand wollte es wahrhaben, dass es ein Abschied war. Man verlöschte im Saal die Lichter, um uns zu verjagen."