Gerda Jäker begriff nicht, warum die Pflegerin plötzlich einen Mundschutz hatte. Auch die grüne Plastikhaube, die Gummihandschuhe und den Einwegkittel hatte die junge Frau vorhin noch nicht getragen. "Das Labor hat angerufen", sagte sie nun mit ungewohnt ernster Miene. "Die Ergebnisse sind da, Sie haben einen Keim in der Wunde, wir müssen Sie isolieren, es ist MRSA."

Gerda Jäker erinnert sich noch gut an den Abend Ende März, als sie diese Diagnose bekam. Denn danach änderte sich alles für die 80-jährige Dame mit der Querschnittslähmung. Ursprünglich war sie wegen zweier wunder Stellen am Gesäß – Folgeerscheinungen des ständigen Liegens – ins Krankenhaus gekommen. Nun bereiteten ihr die Wunden nicht mehr nur leichte Schmerzen, sondern Todesangst. "Ich hatte in der Zeitung allerhand Schauergeschichten über diesen Keim gelesen", erinnert sie sich. "Ich dachte, jetzt endet alles und ich sterbe – ich habe drei Tage nur geweint."

Jäker hat die Infektion überlebt, doch von einer Heilung ist sie noch immer weit entfernt. Seit Wochen liegt sie in ihrem Einzelzimmer, in dem es immer leicht nach Desinfektionsmittel riecht. "Ich fühle mich wie im Gefängnis", sagt sie. Alles, was sie berührt, muss sofort sterilisiert oder entsorgt werden. Jeder, der ihr Zimmer betreten möchte, muss sich zunächst in Schutzkleidung hüllen. Selbst ihren Mann, ihre Töchter und ihre Enkel bekommt Jäker niemals unvermummt zu Gesicht.

Probleme wie aus Vorkriegszeiten

Wann Jäker wieder entlassen werden kann, wissen die Ärzte nicht. Die Wunden müssen erst keimfrei sein. Hier liegt das Problem: MRSA (die Abkürzung steht für Methicillin-resistenter Staphylococcus aureus) lässt sich nicht so leicht ausmerzen. Es gibt kaum noch Antibiotika, die gegen den Keim etwas ausrichten können.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Wissen 4/2014, das am Kiosk erhältlich ist.

Unheilbare Infektionskrankheiten, ratlose Mediziner – das erinnert an Vorkriegszeiten, an düstere Kapitel unserer Geschichte, als der Mensch Bakterien hilflos ausgeliefert war. Dank Antibiotika wähnen wir uns heute auf der erfolgreichen Seite im Kampf gegen die Keime. Doch das ist eine gewaltige Fehleinschätzung: Eine Studie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ergab jüngst, dass sich auf der ganzen Welt immer mehr resistente Keime ausbreiten, gegen die Antibiotika nicht mehr wirken. "Eine postantibiotische Ära, in der verbreitete Infekte und harmlose Verletzungen wieder tödlich sein können, ist eine sehr reale Möglichkeit für das 21. Jahrhundert", warnte die WHO. Doch Geschichten wie die von Gerda Jäker zeigen: Das postantibiotische Zeitalter hat schon längst begonnen. In der Europäischen Union erliegen Schätzungen zufolge jährlich mehr als 25.000 Menschen den Folgen einer Infektion mit resistenten Bakterien. Und bald könnten wir endgültig mit leeren Händen dastehen.

Die Bakterien werden stärker und stärker

Was tun wir ohne Antibiotika? Mit dieser Frage beschäftigen sich Menschen auf der ganzen Welt, sie ist zu einer der entscheidenden der gesamten Menschheit geworden. In ihren Laboren tüfteln Forscher an Alternativen zu herkömmlichen Bakterienkillern. Ihre Ideen sind mal vielversprechend, mal realitätsfern – und mal auch etwas ekelhaft. Aber sie vereint eine gemeinsame Vision: von einer Medizin, die ohne traditionelle Antibiotika auskommt. Von Therapien, die sogar gegen multiresistente Bakterien helfen – ohne neue Resistenzen hervorzurufen. Dafür gehen sie ganz neue Wege. So wollen sie die Keime zum Beispiel nicht mehr abtöten – was lange Zeit als Ideallösung galt.

Die Fähigkeit zur Resistenz ist für Bakterien eine Art Geheimwaffe. Dabei nutzen sie eine Schwäche aus: Selbst aggressive Antibiotika töten nie alle Keime ab, sondern nur etwa 99 Prozent. Meist überlebt eine kleine Gruppe von Außenseitern: Man kann sie sich vorstellen als ein widerständisches gallisches Dörfchen. Sie haben zwar keinen Zaubertrank, aber besondere genetische Eigenschaften, die ihnen die Fähigkeit verleihen, Antibiotika abzuwehren. Dieses übrig gebliebene, resistente Grüppchen von Bakterien erhält plötzlich jede Menge Platz, weil das Antibiotikum ihnen die Konkurrenz vom Leibe schafft. Das gallische Dörfchen wächst zur Millionenmetropole heran, und die Keime können ihre Resistenzgene – die Teile ihres Erbguts, die sie gegenüber Antibiotika unempfindlich machen – über spezielle Transportmechanismen an benachbarte Kolonien und sogar andere Arten weitergeben. So fördern Antibiotika nicht nur die Vermehrung resistenter Bakterien, sondern auch die Ausbreitung der Resistenzen selbst. Wo viele Antibiotika zum Einsatz kommen, etwa in der Tiermast und in Krankenhäusern, werden resistente Keime also geradezu gezüchtet. Höchste Zeit, umzudenken. Wenn Antibiotika nicht mehr wirken, brauchen wir originellere Behandlungsmethoden.

Eine davon ist eine neue Therapie gegen den Durchfallkeim Clostridium difficile. Er befällt meist Menschen, deren natürliche Darmflora geschwächt ist, etwa durch eine vorangegangene Antibiotikatherapie. Mangelt es an gutartigen Bakterienstämmen, können sich schädliche Clostridien leichter ausbreiten. Hier setzt die neue Methode an: Die Patienten erhalten "Stuhlspenden" – kleine Portionen von Fäkalien von gesunden Verwandten, in denen sich vor allem gute Bakterien tummeln. Sie werden in den entzündeten Darm geschleust. Geht alles gut, etablieren sich die neuen Bakterienstämme in ihrer neuen Umgebung und machen den Clostridien Konkurrenz.