Hunger und Nahrungsaufnahme werden auch homöostatisch geregelt, das heißt: Sind die Speicher leer, füllen wir sie wieder auf, indem wir essen. Laut Klaus sei die Mahlzeitenrhythmik ein Faktor, der für den Blutzuckerabfall und schließlich für die Nahrungsaufnahme entscheidend sei. Ernährungswissenschaftler sind sich zunehmend einig: Auf den Rhythmus kommt es an. "Regelmäßige Mahlzeiten sind entscheidender als die Uhrzeit", sagt Ökotrophologin Gesa Schönberger, die unsere Esskultur erforscht. Ob wir drei oder fünf Mahlzeiten zu uns nähmen, mache gesundheitlich keinen Unterschied. "Der Körper benötigt etwa vier bis fünf Stunden, um aufgenommene Stoffe abzubauen und neuen Bedarf anzumelden", sagt Schönberger. Entscheidend ist also, dass wir regelmäßig essen. Ob wir um sieben oder um elf Uhr damit anfangen, spielt keine Rolle. Das Frühstück, wie wir es kennen, ist Schönberger zufolge sehr stark kulturell geprägt.

Bier und Wein am Morgen

Es ist das Ergebnis einer jahrtausendelangen Entwicklung. Nachdem der Urmensch das Feuer entdeckt hatte, dauerte es noch eine ganze Weile, bis sich die morgendliche Essgewohnheit etablierte. Das erste Frühstück ist für rund 2.500 Jahre vor Christus in Ägypten belegt. Darauf deuten Wandinschriften hin, die Forscher in der Pyramide des Unas, des letzten altägyptischen Pharaos der 5. Dynastie, fanden. Die Texte erwähnen erstmalig drei Mahlzeiten. Wie ein altägyptisches Frühstück ausgesehen haben könnte, lässt sich Listen über Opfergaben entnehmen, die in Gräbern als Teil der Dekoration angebracht wurden. Daraus geht auch hervor, dass die alten Ägypter die erste Mahlzeit am Morgen Mundwaschung nannten, weil der Mund vorher rituell mit Wasser ausgespült wurde. Anschließend aßen sie verschiedene Arten von Gebäck und Brot, die Früchte des Christusdornes, Erdmandeln und Feigen. Statt Kaffee tranken sie schon zum Frühstück Bier und Wein. Gespeist wurde auf Schilfmatten, niedrigen Sesseln oder Hockern. Die genaue Uhrzeit des Frühstücks dokumentierten die alten Ägypter nicht. Es muss aber schon für sie von besonderer Bedeutung gewesen sein, immerhin gab es Beamte, die eigens für das Frühstück des Pharaos zuständig waren. Unser kaiserliches Frühstück ist, streng genommen, also ein pharaonisches.

Erstaunlich, dass sich Lebensmittelfirmen und Werbeindustrie das noch nicht zunutze gemacht haben, blähen sie doch die Bedeutung des Frühstücks gehörig auf. Die Supermarktregale quellen über mit Marmelade, Müsli und Frühstückscerealien. Mit "Es lebe das Frühstück" (Rama) oder "Zeit für Familie, Zeit fürs Frühstück" (Hohes C) laden die Hersteller ihre Frühstücksprodukte emotional auf. Gunther Hirschfelder, Kulturwissenschaftler an der Universität Regensburg, arbeitet auf dem Gebiet der ethnologischen Nahrungsforschung. Fragt man ihn, wie das Frühstück hierzulande zu dieser Bedeutung gelangte, so macht er deutlich: "Heutzutage wird Essen vor allem auf stofflicher Ebene beurteilt. Dabei ist es in erster Linie ein sozialer Akt." Das Frühstück werde als Ausdruck familiärer Einheit beworben: Glückliche Familien sitzen am Tisch, Mütter schenken Orangensaft ein, und Kinder löffeln ihre Cornflakes – das moderne Sinnbild eines kaiserlichen Frühstücks. "Das Frühstück vermittelt eine optimistische Haltung vom Tag", sagt Hirschfelder. Das sei auch der Grund, warum hedonistische Produkte, die dem Körper Gutes tun sollen, wie Functional Food oder Prä- und Probiotika, oftmals Frühstücksprodukte seien.

Dem Urmenschen dürfte das Frühstück, wie wir es heute pflegen, übrigens auch geschmeckt haben, zumindest die süßen Speisen. Unsere Vorliebe für Süßes ist nämlich angeboren und sicherte schon unseren Vorfahren das Überleben. So hatten etwa Früchte als schneller Energielieferant besondere Bedeutung in der frühzeitlichen Ernährung. Unsere Arme und Beine sind auch deshalb so lang, weil unsere Vorfahren auf Bäumen nach ihnen greifen mussten. Einzig der Latte macchiato und die Milch im Müsli wären dem Urmenschen nicht bekommen. Die Verträglichkeit des Milchzuckers Laktose hat sich erst vor schätzungsweise 7.500 Jahren durchgesetzt. Eines ist also sicher: Hätte der Urmensch ein Frühstück im heutigen Stil gegessen, wäre er mit gehörigen Flatulenzen auf die Jagd gegangen.