Erst tut der Rücken weh, dann wird die Hüfte steif, irgendwann fallen die Zähne aus. Keine schöne Aussicht, doch der alternde Mensch weiß sich immerhin zu helfen. Was aber tut ein Löwe in der Savanne, wenn er keine Zähne mehr hat?

Auf dem Arbeitsmarkt haben selbst die Erfolgreichsten ein Verfallsdatum, werden aussortiert und abgelöst. Das mag kränken, ist in unserer Menschengesellschaft aber nicht lebensbedrohlich. Verliert dagegen ein Schimpansen-Alphamännchen seine Kräfte, geht es für ihn um die pure Existenz.

Und ja, natürlich hat das Älterwerden auch schöne Seiten. Großeltern spielen heute oft als liebevolle Betreuer und erfahrene Vorbilder eine wichtige Rolle für ihre Enkel. Bei Tieren ist es nicht anders: Auf die Weisheit von Elefanten-Matriarchinnen etwa sind ganze Herden angewiesen.

Auch alte Tiere leiden unter Arthritis und Diabetes

So fremd uns wilde Tiere erscheinen mögen, so viel haben wir mit ihnen in einem Punkt gemeinsam: Wir werden alle alt. Auch Tiere bewegen sich mit den Jahren langsamer, sie können Arthritis, Diabetes, Krebs, Herzschwäche und Osteoporose bekommen, manche leiden sogar unter geistiger Verwirrung. Alternde Tiere sehen und hören schlechter, das Fell geht ihnen aus, sie werden inkontinent, die Zähne brechen ab oder verfaulen, sie dösen viel.

Forscher beobachten schon seit Jahrzehnten in Wäldern, im Dschungel, in Steppen und in Ozeanen, wie Tiere sich im Alter verändern und wie sich ihre Rolle in der Gemeinschaft wandelt. So haben die Wissenschaftler nicht nur wichtige Erkenntnisse gewonnen, sondern auch rührende Geschichten von Tieren gesammelt, die, genau wie wir, einen Weg suchen, irgendwie mit dem Älterwerden zurechtzukommen.

Viele Tiere werden im Alter unfruchtbar, Weibchen in der Regel früher als Männchen. Aber auch dann leben sie noch lange weiter und bleiben oft Teil der Gemeinschaft. Biologen wundern sich darüber, weil die Natur hier in Einzelne investiert, die nicht mehr dazu beitragen können, dass Nachwuchs zur Welt kommt und der Fortbestand der Gruppe gesichert wird. Eine mögliche Erklärung für das Phänomen ist die sogenannte Großmutter-Hypothese. Diese besagt, dass Weibchen auch im höheren Alter noch wichtig für die Gemeinschaft sind: Sie kümmern sich um die Enkel, sodass die Mütter entlastet sind und zum Beispiel auf die Jagd gehen können. Bei Grindwalen ist das der Fall. Grindwal-Weibchen tauchen auf der Suche nach Nahrung mehrere Hundert Meter tief. Weil ihre Jungen solchen extremen Tauchgängen noch nicht gewachsen sind, lassen die Mütter sie an der Oberfläche zurück – in der Obhut älterer Weibchen. Die Großmütter gehen liebevoll mit den Nachkommen der eigenen Gruppe um und verteidigen sie vehement gegen Angreifer von außen. So tragen die Großmütter indirekt zum Erhalt der Gruppe bei.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Wissen 4/2014, das am Kiosk erhältlich ist.

Manchmal werden sie von der Herde sogar verpflegt: So haben Forscher ältere Löwinnen beobachtet, die von erlegten Tieren fressen durften, obwohl sie nicht selbst mitgejagt hatten.

Eine Zeit lang vermuteten Wissenschaftler, Tiere würden sich nur für ihre eigenen Nachkommen einsetzen und so den Fortbestand ihrer Gene sichern. Doch sie irrten sich. Ältere Languren-Weibchen zum Beispiel schützen bei Angriffen auch junge Tiere, mit denen sie nicht verwandt sind. Und zwar mit vollem Körpereinsatz, in Kämpfen riskieren sie bereitwillig Verletzungen. Anders als die Löwinnen bekommen die Affen-Weibchen dafür allerdings keinen Dank – die Jüngeren, selbst ihre eigenen Töchter, schnappen ihnen die Nahrung weg oder vertreiben sie von schattigen Plätzen, um sich dort selbst hinzulegen. Die Großmütter nehmen es hin und üben sich in Gelassenheit.

Für ihr Wissen und ihre Erfahrung werden die Älteren oft geschätzt. Manchmal erlange ein Tier sogar den Status des alten Weisen, schreibt die kanadische Zoologin Anne Innis Dagg von der University of Waterloo in ihrem Buch The Social Behavior of Older Animals, für das sie Forschungsergebnisse aus mehreren Jahrzehnten gesammelt hat. Alte Elefanten sind für die Gemeinschaft so wichtig, dass manchmal die Stabilität ganzer Herden ins Wanken gerät, wenn mehrere erfahrene Alttiere von Wilderern getötet werden. Die Gruppe verliert dann ihr kulturelles Wissen: wie man mit anderen Elefanten umgeht, kommuniziert, Konflikte löst und in der Wildnis überlebt. Bei keiner anderen Art sei die Weisheit der Älteren von so großer Bedeutung, schreibt Anne Innis Dagg.