Das berüchtigte Elefantengedächtnis kann ganze Herden retten: Alte Tiere erinnern sich leicht, wo man während einer Dürre Wasser aufspürt – auch wenn sie vor 40 Jahren das letzte Mal dort waren. Sie wissen, wie man den Sand aufwühlt und darunter Feuchtigkeit findet. Und dass man zu Menschen besser Abstand halten sollte. Die Matriarchin trifft alle täglichen Entscheidungen für ihre Herde. Sie schützt ihre Untergebenen vor Gefahr. Dagg schildert in ihrem Buch eine eindrucksvolle Szene: In Tansania beobachtete eine Anführerin ihre Herde beim Baden in einem Wasserloch. Plötzlich tauchte sie ihren Rüssel ins schlammige Wasser, zog ein mehr als vier Meter langes Krokodil heraus und trug es zum Ufer. Sie hielt es hoch über ihrem Kopf und schlug es dann immer wieder auf den Boden. Um ganz sicherzugehen, trampelten sie und ein anderer Elefant schließlich noch auf dem Krokodil herum.

Weisheit als Erfolgsprinzip

Nicht einmal Altersgebrechen scheinen die Elefanten-Anführerinnen bremsen zu können. Das zeigt das Beispiel einer Matriarchin, die noch im betagten Alter von 60 oder 70 Jahren drei Junge hatte. Eines davon säugte sie sogar, außerdem leitete und kontrollierte sie ihre Herde, wenn nötig, aggressiv. Eine Obduktion nach dem Tod der Elefantendame ergab jedoch, dass die so agile Matriarchin schon seit Jahren an Venenproblemen, einem Geschwulst an der Aorta und verstopften Arterien gelitten haben musste. Angemerkt hatte man ihr das kein bisschen.

Die Weisheit und Zähheit der alten Damen ist auch unter Wasser ein Erfolgsprinzip: Alte Orka-Weibchen nutzen ebenfalls ihr Wissen und ihre Erfahrung, um Gruppen anzuführen. Sie können die anderen Tiere zu Ruheplätzen bringen oder dorthin, wo viele Lachse entlangschwimmen. Jüngeren bringen sie Jagdtechniken, Echo-Ortung und die Dialekte anderer Walgruppen bei. Verständlich machen sie sich unter anderem durch expressive Mimik. Selbst anstrengende Mentorenaufgaben nehmen sie auf sich: So tourte eine Wal-Anführerin, die schon über 70 war, Daggs Schilderung zufolge mit ihrem Sohn einen Sommer lang durch ein mehrere Hundert Kilometer langes Gebiet, um es ihm mit allen Wasserwegen und Inseln zu zeigen. In der Beschreibung der Zoologin bekommt die Wal-Dame geradezu etwas Majestätisches: Immer wenn ein Wal in der Nähe war, schwamm er zu der Matriarchin und ihrem Sohn, begrüßte sie, blieb ein paar Minuten und verschwand wieder. So erlaubte er ihnen, ihren Weg durch sein Revier fortzusetzen.

Während das Alter dem Status solcher Matriarchinnen nichts anhaben kann, ihn oft sogar noch erhöht, erleiden andere Tiere ein übles Schicksal, wenn sie in die Jahre kommen. Einem Gorilla kann es so ergehen. Gorillas leben in kleinen Gemeinschaften, weil sie von Patriarchen geführt werden – die Anführer dulden keine anderen erwachsenen Männchen in ihrer Gruppe, weil die sexuelle Konkurrenten sind. Um so viele Nachkommen wie möglich zu produzieren, hilft es, sich einen hohen sozialen Status zu erarbeiten und Konkurrenten in Schach zu halten. Wird ein Alphatier aber älter, laufen ihm oft jüngere, stärkere Tiere den Rang ab. Forscher haben beobachtet, wie Titanen fallen.

Krank und alt geworden durch den Machtkampf

So wie Schimpanse Goliath. Er gehörte zu den ältesten Bekannten der Forscherin Jane Goodall im Gombe-Nationalpark in Tansania. Er hatte sich von ganz unten in der sozialen Rangfolge zum Alphamännchen hochgearbeitet. Eines Tages jedoch forderte ein junges Tier ihn und seine Begleiter heraus. Der Neuling hatte Kerosinkanister gefunden und schlug diese aneinander, was einen Riesenlärm machte. So stieß er Goliath vom Thron und wurde selbst zum Anführer. Goliath schaffte es mit seiner aggressiven Art, seinen hohen sozialen Status auch nach seiner Entthronung noch fünf Jahre lang zu halten. Dann wurde er krank und verlor dadurch auch seine Aggressivität. So fiel er fast ganz ans untere Ende der Hackordnung. Als er 37 Jahre alt war, wurde er von seinen früheren Begleitern umgebracht.

Mike, dem Störenfried mit den Kerosinkanistern, erging es später nicht viel besser. Indem er geschickt taktierte, hielt er seine Machtposition zwar sechs Jahre lang. Jane Goodall bescheinigt ihm, er sei ein Meister "strategischen Denkens, taktischer und sozialer Manipulation" gewesen. Am Ende seiner Herrschaft versuchte er noch, mit gekonnter Selbstdarstellung seine Macht zu erhalten, doch irgendwann erkannten die anderen Tiere die Täuschung. Als er mit 32 Jahren abgelöst wurde, sah er schon alt aus, mit abgenutzten Zähnen und spärlichem Fell. Er fügte sich in sein Schicksal und zeigte bald selbst vor Tieren des niedrigsten Rangs untergebenes Verhalten. In seinen letzten vier Lebensjahren wurde er zum Einzelgänger.