Rotschwanzmeerkatzen haben eine raffinierte Strategie, um ihre Macht so lange wie möglich zu halten. Merkt ein Alphatier, dass seine Kräfte schwinden, vermeidet es Konflikte, um sich den heranwachsenden Konkurrenten nicht im Kampf stellen zu müssen. Egal, wie konfliktfreudig der Affe zuvor war, ändert er nun seinen Führungsstil und leitet die Gruppe möglichst harmonisch. So zögert der Anführer seine Ablösung hinaus und kann sich weiter mit all seinen Weibchen paaren – zumindest eine Zeit lang. Normalerweise bleiben die anderen Männchen am Rand der Gruppe, aber in der Zeit des Machtwechsels wagen sie sich vor und versuchen, sich auch mit den Weibchen zu paaren. In Kämpfen entscheidet sich, wer der stärkste Herausforderer ist. Er löst schließlich den Patriarchen ab.

Manchmal danken Anführer auch von selbst ab, so wie ein Wolf in Alaska, der seine Herrschaft mit einem spektakulären Abgang beendete. Der Forscher Rick McIntyre beobachtete in den neunziger Jahren, wie der Rudelführer langsam älter wurde. Der Wolf hinkte, vermutlich war er einmal in eine Falle getappt. Bei der Jagd riss er sich zusammen und lief so schnell, dass er seine Beute erwischte, ließ sich dann aber vor Schmerzen fallen, blieb flach liegen und leckte seine verletzte Pfote. Als das Rudel weiterzog, musste es immer wieder auf das alte Alphamännchen warten, weil es mit seinem Hinkebein nicht mithalten konnte. Eines Tages beschloss der alte Wolf, noch einmal sein gesamtes Rudel zu ernähren, und machte alleine Jagd auf einen ausgewachsenen Elch, der bestimmt fünfmal so viel wog wie er selbst. Der Kampf dauerte 36 Stunden, am Ende gewann der Wolf, er war aber schwer verletzt. Das Rudel holte sich die Beute, der Forscher sah den Wolf bald nicht mehr wieder.

Dass das Rudel immer wieder auf den alten Wolf gewartet hatte, ist etwas Besonderes. Nicht einmal Elefanten, die ihre Alten ja sehr schätzen, machen das. Wenn Elefanten mit ihrer Gruppe nicht mehr mithalten können, bleiben sie meist zurück. Damit sie sich noch eine Weile ohne Zähne ernähren können, lassen sie sich an Flüssen nieder, wo die Vegetation weich ist. Sehr alte Tiere werden oft Einzelgänger. Nur manchmal finden sie einen Begleiter, der auch seine Herde verlassen musste. Ohne den Schutz der Gemeinschaft sterben die Alten bald, weil sie leicht zur Beute von Raubtieren werden oder nicht mehr richtig fressen könne.

Affen trauern und leiden beim Tod ihrer Angehörigen wie wir

Ist ein Tier bei seinem Tod noch Teil der Gruppe, spielen sich manchmal dramatische Szenen der Trauer ab. Lange waren Forscher davon überzeugt, Tiere hätten keine Emotionen. Sie warnten davor, menschliche Eigenschaften auf Tiere zu übertragen. Doch insbesondere die Beobachtungen an Tieren, die um andere trauern, haben viele umgestimmt. Jane Goodall begleitete die Schimpansin Flo in Tansania viele Jahre lang. Flo hatte mehrere Junge erfolgreich großgezogen, doch ihr Sohn Flint wurde nicht selbstständig. Noch mit acht Jahren schlief er in ihrem Nest und ritt auf ihrem Rücken. Er war geistig behindert, vermuten Forscher. Als Flo starb, war Flint von Trauer tief getroffen, fiel in eine Depression und starb selbst drei Wochen später. Ein anderer Beleg stammt aus dem Zoo von Boston, wo ein Gorilla-Weibchen vor einigen Jahren an Krebs starb. Das Tier wurde aufgebahrt, sodass sein langjähriger Begleiter es noch einmal besuchen konnte. Er heulte und schlug sich auf die Brust. Dann legte er seiner Gefährtin ein Stück Sellerie in die Hand – ihr Lieblingsessen – und versuchte, sie aufzuwecken.

Mitunter scheinen Tiere regelrechte Trauerrituale abzuhalten: Elefanten und Gorillas legen manchmal Blätter und Zweige über einen toten Körper, wie bei einem Begräbnis. Eine Elefanten-Matriarchin brachte einmal ihre Herde zum Körper eines Elefanten, den Löwen getötet hatten. Jedes Tier blieb kurz neben dem toten Tier stehen und ging dann weiter.

Die amerikanische Forscherin Francine Patterson hat sogar eine Ahnung davon bekommen, wie intelligente Tiere sich den Tod vorstellen. Sie brachte der Gorilla-Dame Koko bei, sich mithilfe von Zeichen mit Menschen zu verständigen. Ob Affen die menschliche Sprache lernen können, ist umstritten, die Dialoge mit dem Gorilla-Weibchen, die man sich in Videos auf YouTube ansehen kann, sind jedoch faszinierend. Kokos Antworten ergeben durchaus einen Sinn. Fragt man sie, wer das im Spiegel sei, zeigt sie mit Gesten: "Ich – Gorilla." Auf die Frage "Was fällt dir ein, wenn ich ›ängstlich‹ sage?" antwortet sie: "Umarmung."

So lässt Koko uns hoffen, wir könnten die Welt aus der Sicht der Tiere betrachten. "Wohin gehen Gorillas, wenn sie sterben?", fragte die Trainerin einmal. Koko überlegte, dann antwortete sie: "Gemütlich – Höhle – auf Wiedersehen."