Drittes Kapitel: Glück

Vor einiger Zeit erhielt die Psychoanalytikerin Maja Storch einen irritierenden Anruf. Eine Schweizer Abiturientin hatte für ihre Matura-Arbeit das Thema "Entscheiden" gewählt, und Storch, wissenschaftliche Leiterin des Instituts für Selbstmanagement und Motivation in Zürich, fragte zurück, warum die junge Frau gerade darüber schreiben wolle. Weil sie, so die Abiturientin, selbst Entscheidungsschwierigkeiten habe; sie wisse nicht, für welches Fach sie sich einschreiben solle. Ob es um eine Entscheidung nach der Art "Jura gegen Kunstgeschichte" ginge, fragte Storch, und ob die Eltern ihr deswegen Druck machten. Nein, beschwichtigte die Abiturientin, ihre Eltern seien absolut offen und würden sogar sagen, sie, die Tochter, könne machen, was sie wolle, Hauptsache, sie werde glücklich. Das seien ja Vorzeigeeltern, so Storch. Aber genau das sei das Problem, entgegnete die Abiturientin: Sie habe totalen Leistungsdruck, glücklich zu werden. "Das arme Kind", sagt Storch heute, "stand unter Glücksterror."

Kann es sein, dass wir da etwas falsch verstanden haben? Seit Aristoteles geht die Menschheit davon aus, der Sinn des Lebens sei das Streben nach Glück, nach eudaimonía. In der Antike wurde Glück allgemeingültig bestimmt, in der Moderne ist es subjektiviert worden – als Sammelbegriff für die Befriedigung individueller Präferenzen. Und jetzt, in der Spätmoderne, im Morgenrot einer neuen Epoche, wissen wir nicht mehr, wie schlichtes Glück geht und was genau das ist?

Jeder hat seine eigene Sicht aufs Glück, jeder seine eigene Fasson, glücklich zu werden. Um der überwältigenden Größe des Wortes Glück zu entgehen, spricht die Forschung seit geraumer Zeit nur noch über individuelles Wohlbefinden. In groß angelegten Erhebungen, dem World Values Survey oder dem Euro-Barometer-Survey etwa, wird nach der Lebenszufriedenheit der Menschen gefragt, weltweit, europaweit und deutschlandweit. "Generell betrachtet: Wie zufrieden sind Sie heute mit Ihrem Leben als Ganzem?"

Angetrieben vor allem vom britischen Ökonomen Richard Layard und dem Schweizer Wirtschaftshistoriker Bruno Frey, haben Wissenschaftler weltweit festgestellt, dass eine maßgebliche Bedingung fürs individuelle Glücksempfinden die sozialen Umstände des jeweiligen Menschen sind. Nicht Geld, Schmuck und Autos sind entscheidend für eine hohe Lebenszufriedenheit, sondern die genetischen, soziodemografischen, kulturellen und politischen Bedingungen. Materieller Wohlstand kann, muss aber nicht mit gelungenen sozialen Beziehungen einhergehen. Und es ist empirisch belegt, dass Menschen, die großen Wert auf Besitz und Status legen, unzufriedener sind als Menschen, die das nicht tun. Je fester die sozialen Beziehungen eines Menschen hingegen sind, umso glücklicher ist er; Menschen, die in langjährigen Partnerschaften leben, sind weit glücklicher als Singles, und extravertierte Menschen, resümieren die Glücksforscher, seien zufriedener als introvertierte. Man kennt die Berichte von Millionären, die plötzlich zu arbeiten aufhören, ihre Villa versteigern, einen Rucksack packen und sich aufmachen, die Gebirge Nepals zu durchreisen; man kennt die Fantasien der Aussteiger, deren Glück darin zu bestehen scheint, dem herkömmlichen Glücksmodus zu entsagen.

Der verzweifelten Abiturientin riet Maja Storch schließlich Folgendes: Sie dürfe doch in ihrem Leben ganz normal unglücklich werden, wie jeder andere auch. Sie dürfe das Falsche studieren. Sie dürfe nach vier Semestern merken, dass das Studium sie ankotze. Sie müsse auch gar nicht studieren. Und sie müsse weder zufrieden noch glücklich werden. Das, antwortete die Abiturientin, entlaste sie sehr. Glücklich war die junge Frau über das neue Glück des Unglücklichseindürfens.

Dem Zwang zum Glück zu entsagen erfordert eine neue Kompetenz: Mut zur Entscheidung. Gibt es neben dem Individualismus- und Glücks- nun also einen dritten, den Entscheidungsterror? Nein, sagt Maja Storch, alles sei nur eine Frage der Schulung, es geht jetzt um neue Kompetenzen. "Identitätskonstitution ist ein aktiver Akt, das fällt Ihnen nicht in den Schoß." Bereits bei Zwölfjährigen ist das die wichtigste Entwicklungsaufgabe, weshalb Storchs Institut im Rahmen des Zürcher Ressourcen Modells auf der Basis neurowissenschaftlicher Erkenntnisse Lehrmittel entwickelt hat, um damit Techniken zur Entscheidungsfindung in die Schulen zu bringen. Die Kinder lernen über die körperliche Wahrnehmung sogenannter somatischer Marker, wie sich Entscheidungen anfühlen. Sie trainieren, ihrem Körpergefühl zu vertrauen, ob sich etwas gut und oder schlecht, passend oder grummelig anfühlt.

Mit Egoismus habe das nichts zu tun, sagt Storch, da besagte Marker ein Erfahrungsgedächtnis konfigurierten, in das die vermutete oder erfahrene Reaktion des sozialen Systems bereits mit eingebucht sei. "Dann kann man Dinge und Eigenschaften an und von sich akzeptieren, die vielleicht gerade nicht modisch sind", denn nur so schaufelt sich das Individuum Storchs Auffassung zufolge die eigene Persönlichkeit aus den Halden der "Must-haves", den Verbotsschildern und Verführungsreizen, der Informationsflut und den Einflüssen der Medien frei. Durch das Training in Lektionen werde eine subjektive Moral und ihre Begründung gelernt, eine individualistische, ausschließlich der jeweiligen Persönlichkeit entsprechende, einmalige Moral.

Gut ist, was sich als gut erspüren lässt – so einfach klingt der Lohn harter Ich-Arbeit. Für dieses Training aber ist eines unabdingbar, das größte Luxusprodukt unserer Epoche: Zeit.