Paradiesvögel gibt es viele unter den Menschen. Sie hüllen sich in neonfarbene Röcke, gelb gesprenkelte Chiffontops und türkisfarbene Sonnenhüte. Im Gegensatz zu vielen Tierarten ist uns der Farbreichtum jedoch nicht angeboren. Tatsächlich stehen Fischen und Reptilien viel mehr Farben zur Verfügung als dem menschlichen Körper. Drei Zelltypen bilden ihre Grundfarben: Melanophoren enthalten erdfarbene Melanine, Xantophoren kräftiges Rot oder Gelb, und Iridophoren erzeugen auffällige Schillerfarben, zum Beispiel das Blaugrün von Tropenfröschen.

Die Farbe von Menschen und Säugern wird ausschließlich durch ersteren Zelltyp bestimmt. Zwei Formen des Pigments Melanin können wir bilden: eine schwarzbraune und eine gelbliche. Sie machen alle möglichen Farbvarianten von Haut und Haaren aus. Selbst Augenfarben entstehen indirekt durch diese Pigmente: Blau erscheint die Iris nur durch die besondere Streuung des einfallenden Lichts bei einer niedrigen Melaninkonzentration. Mehr Pigmente geben dem Blau einen Gelbstich, sodass die Iris grün wirkt. Selbst schwarzbraune Augen wären also hellblau, wenn weniger Melanin in ihnen eingelagert wäre.

Warum aber müssen Menschen und Säugetiere mit Erdfarben vorliebnehmen, während der Rest des Tierreichs bunt schillert? Zwei Probleme hindern Evolutionsbiologen daran, dieses Rätsel zu lösen. Zum einen sind ihre fossilen Funde farblos. Zum anderen steht die Genforschung bei der Entschlüsselung der relevanten DNA noch am Anfang. Daher können Wissenschaftler bis heute nur spekulieren, und das tun sie fleißig.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Wissen 5/2014, das am Kiosk erhältlich ist.

Die meisten Tierfärbungen dienen vermutlich der Tarnung oder dem Werben um das andere Geschlecht. Säugetiere haben aber meist nur zwei Farbrezeptoren in der Netzhaut und unterscheiden damit weniger Farben als Vögel, Fische oder Reptilien, die mit vier Rezeptoren auch das UV-Spektrum wahrnehmen. Besonders bunt zu sein hat für sie also keinen evolutionären Vorteil.

Ein anderer Grund für den Verlust der Iridophoren in der Haut unserer Säugetiervorfahren könnte die Evolution der Haare sein, vermuten Forscher. Denn bunte Schillerpigmente in der Haut haben keinen Nutzen, wenn sie durch dichtes Fell verdeckt werden.

Der Mensch allerdings hat die dichte Behaarung im Laufe der Evolution wieder abgelegt und bildete einen dritten Farbrezeptor aus. Es sei zwar nicht abwegig, dass die Natur bunte Menschen hervorbringe, sagt Philipp Gunz vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, dafür sei unsere Spezies aber zu jung: "Für so etwas muss es natürliche Selektion geben, und die dauert meist ewig lang. Unsere Haare haben wir, aus evolutionärer Sicht, erst vor kurzer Zeit verloren. Das heißt, der Mensch hatte noch nicht viel Zeit, buntere Farbschattierungen zu entwickeln."

Unsere Verwandten sind da schon weiter: Primaten mit drei statt zwei Farbrezeptoren besitzen nicht selten intensiv blau oder rot gefärbte Geschlechtsteile, zum Beispiel der Mandrill. Komisch, aber wahr: Hätten Männer mit buntem Penis einen entscheidenden Selektionsvorteil – zum Beispiel beim Werben um Frauen –, könnten sie sich im Laufe der Jahrtausende durchsetzen. Der Paläontologe Gunz hält eine solche Entwicklung aber für extrem unwahrscheinlich: "Für den Organismus ist es ideal, anpassungsfähig zu sein. Der Mensch hat die flexibelste Lösung bereits gefunden: Er schmückt sich und macht sich kulturell bunt. Wenn er Tausende Jahre brauchte, um besondere Farbschattierungen auszuprägen, oder sich einfach morgen eine andere Farbe auftragen kann, ist die Schminke klar im Vorteil."