ZEIT Wissen: Professor Han, Sie haben in Südkorea zuerst Metallurgie studiert. Wie kam es, dass aus dem angehenden Metalltechniker Byung-Chul Han ein Philosoph und vehementer Systemkritiker wurde?

Han: Ich bin ein Technikfreak. Ich habe als Kind leidenschaftlich gebastelt, an Radios und anderen elektronischen und mechanischen Geräten. Eigentlich wollte ich Elektrotechnik oder Maschinenbau studieren, aber dann wurde es Metallurgie. Ich war wirklich ein begeisterter Techniker und Bastler.

ZEIT Wissen: Und warum haben Sie aufgehört?

Han: Weil es einmal beim Experimentieren mit Chemikalien eine Explosion gab. Ich habe heute noch Narben davon. Ich wäre fast gestorben oder zumindest aber blind geworden.

ZEIT Wissen: Wo war das?

Han: Bei mir zu Hause in Seoul. Ich war Schüler. Ich habe ganzen Tag rumgebastelt, gefräst, gelötet. Meine Schubladen waren voll von Drähten, Messgeräten und Chemikalien. Ich war eine Art Alchemist. Metallurgie ist ja eine moderne Alchemie. Aber vom Tag der Explosion an habe ich aufgehört. Ich bastle heute noch, aber nicht mit Drähten oder Lötkolben. Auch Denken ist Basteln. Und das Denken kann zu einer Explosion führen. Denken ist die gefährlichste Tätigkeit, vielleicht gefährlicher als die Atombombe. Es kann die Welt verändern. Daher sagte auch Lenin: "Lernen, lernen, lernen!"

ZEIT Wissen: Wollen Sie Menschen verletzen?

Han: Nein. Ich versuche, das zu beschreiben, was vorliegt. Es ist schwer, die Dinge zu durchschauen. Deshalb versuche ich, mehr zu sehen – sehen zu lernen. Ich schreibe auf, was ich gesehen habe. Meine Bücher könnten doch verletzen, weil ich Dinge zeige, die man nicht sehen will. Nicht ich, nicht meine Analyse ist gnadenlos, sondern die Welt, in der wir leben, ist gnadenlos, verrückt und absurd.

ZEIT Wissen: Sind Sie ein glücklicher Mensch?

Han: Die Frage stelle ich nicht.

ZEIT Wissen: Sie meinen, die Frage stellt man sich nicht?

Han: Das ist eigentlich eine sinnlose Frage. Glück ist auch kein Zustand, den ich anstrebe. Man muss den Begriff definieren. Was verstehen Sie unter Glück?

ZEIT Wissen: Ganz simpel: Ich bin gern auf der Welt, ich fühle mich auf der Welt zu Hause, ich freue mich an der Welt, ich schlafe gut.

Han: Fangen wir mit Letzterem an. Ich schlafe schlecht. Ich habe vorgestern das Symposion mit dem Philosophen Wilhelm Schmidt über das gute Leben mit einer Musik eingeleitet: den Goldberg-Variationen. Bach hatte die Goldberg-Variationen für einen Grafen komponiert, der unter schwerer Schlaflosigkeit litt. Ich habe das Publikum dazu an den ersten Satz von Marcel Prousts Suche nach der verlorenen Zeit erinnert. Auf Deutsch heißt es: "Lange Zeit bin ich früh schlafen gegangen." Aber auf Französisch steht dort: "Longtemps je me suis couché de bonne heure." Bonheur heißt Glück. Die richtige Übersetzung wäre also: "Lange Zeit bin ich glücklich schlafen gegangen." Ich habe dem Publikum gesagt, dass der gute Schlaf ein Zeichnen dafür ist, dass man ein gutes, ein glückliches Leben hat. Ich selbst habe Schlafstörungen.

ZEIT Wissen: Was machen Sie, wenn Sie nicht schlafen können?

Han: Was ich mache? Ich liege da. Zu dem anderen Punkt: Bin ich gern auf der Welt? Wie kann man in dieser falschen Welt gern sein? Das geht nicht. Deshalb bin ich auch nicht glücklich. Ich verstehe die Welt oft nicht. Sie erscheint mir sehr absurd. Im Absurden kann man nicht glücklich sein. Fürs Glück braucht man, so denke ich, viel Illusion.

ZEIT Wissen: Sie freuen sich an ...?

Han: An was?

ZEIT Wissen: Irgendwas!

Han: An der Welt kann ich mich nicht freuen.

ZEIT Wissen: An einem guten Stück Kuchen?

Han: Kuchen esse ich nicht. An einem guten Essen könnte ich mich freuen, aber das Essen in Berlin, in Deutschland ist ein Problem. Die Deutschen scheinen das gute Essen nicht zu schätzen. Das kommt vielleicht vom Protestantismus, dieser Sinnenfeindlichkeit. In Asien hat das Essen einen ganz anderen, einen sehr hohen Wert. Man gibt auch viel Geld dafür aus, anders als in Deutschland. In Japan zum Beispiel: Das Essen ist dort ein Kult und eine Ästhetik. Vor allem diese unglaubliche Frische der Dinge! Auch ein wohlduftender Reis könnte einen schon beglücken.

ZEIT Wissen: Das klingt nun doch wie ein Quäntchen Glück. Sie leben seit 30 Jahren in Deutschland. Wie haben Sie das ausgehalten?

Han: Ich würde nicht sagen: aushalten. Ich lebe gern in Deutschland. Ich liebe die Ruhe hier. In Seoul habe ich sie nicht. Ich liebe vor allem die deutsche Sprache, auch deren Wörter. Das würde man merken, wenn man meine Bücher liest. Ich habe hier eine Sprache, mit der ich sehr gut philosophieren kann. Ja es gibt hier doch Dinge, die mich beglücken. Essen weniger, aber Bach, gespielt von Glenn Gould. Ich höre Bach oft stundenlang. Ich weiß nicht, ob ich in Deutschland bis heute geblieben wäre ohne Bach, ohne Winterreise von Schubert, ohne Dichterliebe von Schumann. Neben meinem Philosophiestudium habe ich früher sehr viel gesungen, vor allem Lieder von Schumann und Schubert, dafür habe ich auch viel Gesangsunterricht genommen. Winterreise singen, vom Klavier begleitet, das ist sehr schön ...