Kamila Markram vergleicht diese Überforderung mit einer Situation, in der man gleichzeitig unter Schlaflosigkeit leidet, einen Kater hat und einen Jetlag verarbeitet: "Alles schmerzt, sei es Licht oder sei es Lärm. Man zieht sich zurück." Anders als Erwachsene können Kinder vor solchen Situationen jedoch nicht fliehen. Sie können nur schreien und sich hin und her wiegen. Später erst können sie mit Berührung, Augenkontakt und anderen starken Eindrücken umgehen.

Doch wenn kleine Kinder sich zurückziehen, verpassen sie die sogenannte sensitive Phase. Eine Entwicklungsphase, in der das Gehirn für äußere Einflüsse besonders empfänglich ist und sich anpasst. Diese Phase nicht zu erleben kann Probleme für den Rest des Lebens bedeuten. Etwa beim Erlernen von Sprachen: Wenn Kinder in ihren ersten drei Lebensjahren keine Sprache hören, wird ihre Fähigkeit, sich zu artikulieren, für immer beschnitten.

Sollte Ähnliches für Autismus gelten? Das würde bedeuten, dass diese Kinder ihre sozialen und sprachlichen Probleme nicht aufgrund neuronaler Schwächen hätten. Der Grund wäre vielmehr, dass wichtige Impulse im Chaos der Reize zuvor untergegangen waren. Bestimmte Stimuli, die für das Gehirn so wichtig sind, fehlen, weil Autisten dazu neigen, vor einer schmerzenden Reizüberflutung zu fliehen.

Die Markrams gingen noch weiter in ihren Schlussfolgerungen: Soziale Probleme sind womöglich kein fester Bestandteil von Autismus. Frühes Gegensteuern, ein Reduzieren der intensiven Reize der Umwelt könnte ihre Talente bewahren und gleichzeitig ihre Behinderungen mildern oder gar ganz vermeiden.

Die erste Veröffentlichung über ihre Intense-World-Theorie und die VPS-Ratten erschien 2007 in den renommierten Proceedings of the National Academy of Sciences, in weiteren Artikeln legten sie nach. Seitdem haben drei Dutzend Studien Markrams Versuche bestätigt und den Kenntnisstand erweitert. Die Verarbeitung äußerer Reize bei Autisten, der lange Zeit keine Beachtung geschenkt wurde, ist nun durch die Intense-World-Theorie und die VPS-Ratten wieder Teil der wissenschaftlichen Debatte. Dennoch sind die Reaktionen der Kollegen zurückhaltend. Eine Ausnahme ist Laurent Mottron, Professor für Psychiatrie und Leiter der Autismusforschung an der University of Montreal. Er war einer der Ersten, die die Wahrnehmungsprobleme als entscheidend für das Verständnis von Autismus erachteten, und das schon lange vor den Markrams.

Überraschend ist seine Unterstützung für die Intense-World-Theorie nicht, denn die passt gut zu seinen Erkenntnissen. Mottron war zunächst davon ausgegangen, dass die besseren Wahrnehmungsfähigkeiten von Autisten das Resultat eines Defizits waren. Ihre außergewöhnlichen Fähigkeiten schienen auf einige einfache Bereiche beschränkt zu sein, während die Fähigkeiten bei kognitiv anspruchsvollen Aufgaben unterentwickelt waren. Doch das stellte sich bald als falsch heraus, denn auch beim Erkennen von visuellen Mustern, einer Aufgabe, wie sie oft in IQ-Tests vorkommt, waren Autisten deutlich besser. Inzwischen ist die Kompetenz von Autisten beim Erkennen und Bearbeiten komplexer Systeme sogar in der Wirtschaft anerkannt. Im Mai 2013 gab das deutsche Softwareunternehmen SAP bekannt, 650 Autisten einstellen zu wollen.

Aber selbst Simon Baron-Cohen, ein Mitbegründer der Theory of Mind und Leiter des Autismus-Forschungszentrums der University of Cambridge, findet die Markramsche Theorie inzwischen plausibel, dass die sozialen Defizite ein Resultat einer grundlegenderen Störung in der Wahrnehmung von Autisten sein könnten. Baron-Cohen merkt jedoch an, dass die meisten Autismusformen nicht durch VPS ausgelöst werden. Es könnte auch sein, dass die Wahrnehmungsunterschiede und die sozialen Defizite nebeneinander existieren, ohne dass das eine der Auslöser des anderen ist.

Uta Frith, die mit Baron-Cohen forscht, sieht Markrams Theorie deutlich kritischer. "Ich will nicht sagen, dass das alles Quatsch ist, aber ich denke, sie versuchen zu viel auf einmal zu erklären."

Betroffene Familien begrüßen die neue Theorie dagegen. "Viele der Besonderheiten des Autismus erklärt die Intense-World-Theorie besser als die bisherigen Theorien", erklärt Ari Ne’eman, Präsident des Autistic Self Advocacy Network in den USA. Er und andere Autisten hatten erkämpft, dass in die aktuelle Version des Psychiaterhandbuchs DSM-5 die Wahrnehmungsprobleme in die Diagnose aufgenommen werden.

Bei einem Besuch bei den Markrams in Lausanne trägt Kai einen himmelblauen Kapuzenpulli und graue Chucks ohne Schnürsenkel. "Meine Rapper-Schuhe", sagt der heute 20-Jährige und grinst. Kai spricht Hebräisch und Englisch und lebt sonst mit seiner Mutter in Israel, dort besucht er eine Schule für Lernbehinderte. Sein Verhalten wirkt selbstvergessen, und manchmal starrt er grundlos in eine Richtung. Aber wenn er spricht, ist klar zu erkennen, dass er kommunizieren will. Gefragt, ob er glaubt, Dinge anders zu sehen als der Rest, sagt er: "Ich fühle die Dinge auf eine andere Art."

"Ich war kein guter Junge, ich habe um mich geschlagen und eine Menge Probleme gemacht", sagt Kai über seine Vergangenheit. "Ich war so, weil ich nicht wusste, was ich tun sollte. Aber ich bin erwachsen geworden." Die Familie nickt. Die Kombination aus der Hilfe von der Schule und seiner Familie, ein neues Medikament und ein besseres Verständnis für seine Empfindlichkeit haben Kais autistische Behinderung gelindert. Er hat gewaltige Fortschritte gemacht, doch seine Eltern glauben, dass sein Gehirn noch viel mehr leisten kann.