Wie Nebel wabert der Rauch durch das Büro. Zwei Männer sitzen an einem grauen Tisch. Eine Lampe treibt Schatten in ihre Gesichter, die Glut ihrer Zigaretten gleicht zwei Bojen in der Nacht. "Gehen wir die Fälle noch einmal durch", sagt der Ältere. "Da war als Erstes dieser Mann in Karlsruhe, erwürgt in einem Gasthof. Dann der tote Junge an der Autobahn bei Leipzig. Und bald darauf die Schülerin in München, erdrosselt in einer Waldhütte. Was wir wissen: Die Fälle haben nichts gemeinsam."

"Bisher", sagt der Jüngere, "ich habe da etwas gefunden. Aber es hat nichts mit den Tätern zu tun."

"Sondern?"

"Es betrifft die Zeugen, die Augenzeugen. Es sind immer dieselben. Sie beobachten die Taten von ihrer Wohnzimmercouch aus. Bei unzähligen Verbrechen, egal wo, in Nürnberg, Hamburg, Erfurt – immer dieselben Zeugen."

"Gute Arbeit", sagt der Ältere. "Und was wissen Sie über die Leute?"

"Ich habe hier eine Sammlung von Erkenntnissen", sagt der Jüngere und tippt auf einen Stapel Papier. "Darunter ein psychologisches Gutachten, das die Motive der Zeugen beleuchtet." – "Schießen Sie los", sagt der Ältere und lockert seine Krawatte.

"Das Verbrechen hat immer schon eine große Anziehungskraft auf Menschen ausgeübt – das Böse, das in uns allen steckt. Laut Gutachten geben gerade Fernsehkrimis nicht nur Antworten darauf, wie es zum Ausbruch dieses Bösen kommt, sie sind auch eine Projektionsfläche für unsere Aggressionen, Ängste und unerklärlichen dunklen Seiten. Ein Täter, den wir nicht kennen – und dessen Tun uns vielleicht sogar anwidert –, wird zum ausführenden Organ unserer unterdrückten Triebe, die wir uns nicht eingestehen. Er handelt stellvertretend, und er wird stellvertretend für uns bestraft. Es geht um Macht, Wut, Scham, Ekel. Um sehr große Gefühle. Viele Zuschauer identifizieren sich mit dem Täter und haben zugleich Mitgefühl mit dem Opfer." "Und mit den Ermittlern identifizieren sie sich auch?"

"Wahrscheinlich. Holmes, Maigret, Poirot, Wallander: Diese Namen sind weltweit ein Begriff. Fiktive Detektive sind weitaus populärer als echte Beamte." Auf das Gesicht des Jüngeren wagt sich ein Grinsen, der Kommissar legt das seine geübt in Falten.

"Eins noch", sagt der Jüngere: "Zur Faszination trägt natürlich ganz profan die Spannung bei. Das Rätsel. Das Miträtseln. Krimis spielen mit der Abwesenheit von Informationen. Der Mörder ist unter uns, gehört zu uns, aber wer ist es? Moment, da gab es einen schönen Satz." Er blättert in den Papieren. " ›Die Präsenz des Mörders ist flüchtig wie ein Schuss, der die Nacht erleuchtet, aber nicht uns‹, hat der Linguist Jean-Paul Colin geschrieben. Wir aber wünschen erleuchtet zu sein. Wir wollen Licht in die Sache bringen. Die Welt soll wieder ganz sein." – "Billy Wilder", sagt der Ältere, er erlaubt sich ein Lächeln. Sein Gegenüber hebt fragend die Augenbrauen. "Der Regisseur. Er hat mal gesagt: Lass das Publikum zwei und zwei zusammenzählen, dafür wird es dich für immer lieben."

"Das verstehe ich. Aber kann das wirklich erklären, dass so viele für jeden gelungenen Sonntag einen Mord brauchen? Sie haben die Fakten, bringen Sie mich doch auf den neuesten Stand. Vorher Kaffee?" – "Ich hole ihn. Lesen Sie sich dies hier bitte inzwischen durch." Beim Aufstehen schiebt er ein DIN-A4-Blatt aus Recyclingpapier vor den Kommissar. Der beginnt zu lesen:

Die Top 10 der meistgesehenen Spiel- und Fernsehfilme 2013 bestehen aus zehn Folgen "Tatort". Unter den Top 30 finden sich 25 "Tatort"-Episoden. Im vergangenen Jahr waren Krimis im Fernsehen mit 41 Prozent Zuspruch das beliebteste fiktionale Format, 2011 waren es nur 34 Prozent. Es folgen Liebesgeschichten mit konstant 13 Prozent Beliebtheit. Das Krimi-Interesse ist seit Jahren ungebrochen, unter Männern und Frauen, bei Filmen und Büchern: Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels beziffert den Anteil des Bereichs "Spannung" in der Belletristik auf rund ein Viertel, der Umsatz liegt bei etwa 550 Millionen Euro. Verlage wie Rowohlt machen mit Krimis 30 Prozent ihres Taschenbuch-Umsatzes. Sind 2010 noch 1.716 deutsche Krimis erschienen, waren es 2012 bereits 2737.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Wissen 5/2014, das am Kiosk erhältlich ist.

"Bitte, der Kaffee. Heiß."

"Das würde mich wundern, aber danke." Der Ältere greift nach dem dunkelbraunen, gerillten Plastikbecher und wirft zwei Stück Würfelzucker hinein, nippt an seinem Kaffee, eine Zigarette glimmt unbeobachtet im Aschenbecher. "Da muss doch mehr als Grusel dahinterstecken", sagt er, "etwas, das tiefer geht, als es diese Seelenklempner beleuchten können. Was denken Sie?"

"Vorher kommt etwas ganz Wichtiges ins Spiel: Langeweile. Haben Sie sich mal einen Tatort angesehen? Da gibt es in den ersten Minuten eine Leiche – konstant übrigens doppelt so häufig männlich wie weiblich –, dann kristallisiert sich aus dem Kreis der Verdächtigen ein potenzieller Täter heraus. Ist es zu diesem Zeitpunkt allerdings erst 21.30 Uhr, ist er auf keinen Fall der Täter, sondern jemand anders, der dann um 21.40 Uhr feststeht. Jedes Mal dieselbe Masche, ähnlich in anderen Serien oder Büchern. Das nenne ich Langeweile." Der Kommissar grinst. "Ich nenne das Gewöhnung. Das ist wie ein Rahmen, in den jedes Bild passt. Zwischen der ersten und der letzten Minute oder Buchseite ist alles möglich. Und das Gute: Jeder weiß, alles ist am Ende wieder gut. Zumindest meistens."