Achtung, Ihre Zeit läuft

Die erste Minute des Aufwachens

Ein Reiz. Vielleicht ein Sonnenstrahl, der seinen Weg durch die Jalousieritzen findet. Vielleicht drückt aber auch einfach die Blase. Damit beginnt die erste Minute eines neuen Tages. Und damit beginnt auch diese Geschichte, die von ersten Minuten handelt.

Erste Minuten sind besondere Minuten. Es sind Momente des Bewusstwerdens, des Übergangs vom Gefühl zum Verstand; plötzlich wird uns etwas klar, was wir vorher höchstens ahnten. In ersten Minuten entscheiden sich Dinge, manchmal banale, wie die Stimmung, mit der wir aus dem Bett aufstehen. Sie können aber auch schwerwiegend sein und ein ganzes Leben prägen.

Deswegen liebt sie die Literatur: weil sie so außergewöhnlich sind. Erste Minuten sind oft Schlüsselszenen in Romanen. Darum haben wir diese Geschichte mit solchen Zitaten illustriert.

Zurück ins Bett. Zu einem Moment, dem die Forschung ziemlich wenig Aufmerksamkeit schenkt. Das liege schlicht daran, meint Jan Born, der Schlafforscher schlechthin in Deutschland, dass dieser Augenblick niemandem Probleme bereite. Einschlafstörungen gibt es reichlich – aber Aufwachstörungen scheint niemand zu haben.

Trotzdem: ein spannender Augenblick. Womöglich sogar der einzige, in dem wir unsere Träume wahrnehmen. Wie das genau vor sich geht, darüber streiten sich die Forscher allerdings.

Fest steht: Träume sind besonders präsent, wenn wir aus dem REM-Schlaf aufwachen. In diesem arbeitet das Gehirn assoziativ, das limbische System ist aktiv. Frontal- und Stirnhirnrinde ruhen. Man könnte sagen: Der Verstand schläft. Die Prozesse laufen ungeordnet. Beim Aufwachen reorganisiert sich das Gehirn. Dabei kann es zu Verzögerungen kommen. Die Hirnrinde wird vielleicht schon wach, während das limbische System sich noch in der REM-Schlaf-Erregung befindet. Bis der Verstand die Kontrolle hat, ist man erst einmal wie benebelt.

Und die Träume? Die Psychologin Ursula Voss von der Universität Frankfurt mutmaßt, dass sie nachts nur im Kurzzeitgedächtnis landen und beim Aufwachen vergessen werden. Wenn man aber noch liegen bleibt und die Augen geschlossen hält, kann es gelingen, sie durch Erinnern in den Langzeitspeicher zu übertragen.

Der Tübinger Schlafforscher Born hingegen hegt eher die Vermutung, dass Träume in dieser Übergangsphase überhaupt erst generiert werden. Erst wenn Frontal- und Stirnhirn erwachen, bringen sie die Assoziationen in eine Reihenfolge, die wir wahrnehmen können.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Wissen 5/2014, das am Kiosk erhältlich ist.

Die Gefühle, die wir morgens empfinden, sind letztlich nichts als die Abfallprodukte der nächtlichen Verarbeitung. Ganz anders verhält es sich beim Aufwachen aus einer Narkose. Bei dieser kontrollierten Vergiftung werden die Synapsen blockiert. Daher wachen Patienten danach im selben Gemütszustand wieder auf, in dem sie eingeschlafen sind.

Wer in einem fremden Bett aufwacht, sei es im Krankenhaus, im Hotel oder woanders, muss sich oft neu orientieren. Wer bin ich? Und wo bin ich? Diese Fragen stellen wir uns unbewusst jeden Morgen aufs Neue, auch im eigenen Bett, vermutet Jan Born. Meist ist die Antwort aber nicht überraschend, weshalb man nicht weiter darüber nachdenkt. Sondern einfach die Augen aufschlägt. Nach einer oder mehreren Minuten.

Die erste Minute eines Gesprächs

Die erste Minute eines Gesprächs

ZEIT Wissen: Matthias Schranner, schön, dass Sie Zeit haben, über die erste Minute eines Gesprächs zu reden. Unsere erste Minute beginnt jetzt!

Matthias Schranner: Ich freue mich, dass Sie dem Anfang eines Gesprächs auch so große Bedeutung beimessen wie ich. Tatsächlich ist er ganz entscheidend für den weiteren Verlauf.

ZEIT Wissen: Warum?

Schranner: Man kann ihn nutzen, um eine Verbindung zum Gegenüber aufzubauen und gute Stimmung herzustellen.

ZEIT Wissen: Wie Sie gerade eben! Sie haben als Verhandlungsführer der Polizei bei Geiselnahmen gearbeitet, bevor Sie zum Verhandlungstrainer wurden. Hatten Sie einen typischen ersten Satz für solche Situationen?

Schranner: Das Problem ist ja: Man hat wenig Informationen, und das Gegenüber steht unter Stress. Um Ruhe reinzubringen, hilft es, positiv zu sein und sofort eine Gemeinsamkeit zu betonen. Bei einer Geiselnahme würde ich etwa sagen: Wir müssen jetzt noch gar nichts entscheiden. Wir haben ein gemeinsames Ziel, jetzt lassen Sie uns einen gemeinsamen Weg definieren.

ZEIT Wissen: Es gibt tatsächlich ein gemeinsames Ziel?

Schranner: Ja, beide möchten die Situation lösen. Die große Gefahr bei Verhandlungen ist, dass man den Konflikt sieht und nicht die Gemeinsamkeit. Deswegen betont man sie gerade am Anfang ganz bewusst.

ZEIT Wissen: Worauf kommt es noch an?

Schranner: Man sollte sein Gegenüber loben. Einem Geiselnehmer sagt man zum Beispiel, dass man den Eindruck hat, er gehe sehr professionell vor. Damit zeigt man ihm, dass man ihn wertschätzt und respektiert.

ZEIT Wissen: Unsere erste Minute ist inzwischen vergangen. Was haben Sie in dieser Zeit über mich herausgefunden?

Schranner: Sie sind sehr gut vorbereitet, und Sie haben einen breiten Zugang zu diesem Thema. Das zeigt mir, dass ich tiefer einsteigen kann.

ZEIT Wissen: Wir sprechen am Telefon. Macht es einen Unterschied, ob man sich sieht oder nicht?

Schranner: Für mich macht es keinen Unterschied, weil ich nicht für Körpersprache ausgebildet bin. Ich achte auch nicht auf die Kleidung oder den Schmuck meines Gegenübers. Das könnte ja schon wieder Taktik sein.

ZEIT Wissen: Gilt alles, worüber wir sprechen, eigentlich auch für den Anfang eines ganz normalen Gesprächs?

Schranner: Woher wollen Sie denn wissen, dass Sie sich nicht in einem Konflikt befinden? Ich beginne jede Kommunikation wie eine Verhandlung. Wenn sie dann glimpflich ausgeht, schön. Wenn nicht, habe ich zumindest keine Fehler gemacht – und meinen Anker gesetzt.

ZEIT Wissen: Also ein Thema gesetzt.

Schranner: Genau. Angenommen, wir beide verhandeln jetzt über mein Honorar für dieses Interview ...

ZEIT Wissen: ... das Sie nicht bekommen!

Schranner: ... dann würde ich sagen: Also, normalerweise verlange ich für solche Interviews 100 Euro. Als Anfänger lassen Sie diesen Anker stehen – und Sie haben fortan das Gefühl, Sie müssten wegen dieser 100 Euro irgendetwas tun. Damit hab ich Sie und kann Sie führen.

ZEIT Wissen: Was antwortet der Profi?

Schranner: Der Profi sagt: Was Sie erzählen, ist wirklich faszinierend. Bei uns ist es aber üblich, dass wir nicht für Interviews bezahlen, sondern, im Gegenteil, 200 Euro dafür bekommen. Dann hat er einen eigenen Anker gesetzt.

ZEIT Wissen: Was sollte man am Anfang unbedingt vermeiden?

Schranner: Negativität. Nach dem Motto: "Weil es letztes Mal nicht funktioniert hat, müssen wir heute noch mal ..." Auch Drohungen sind wenig hilfreich.

ZEIT Wissen: Wenn man den Anfang verpatzt hat – ist es dann noch möglich, ein Gespräch zu drehen?

Schranner: Die Frage ist: Wird noch geredet? Solange das Gespräch nicht abreißt, haben Sie noch eine Chance.

Die erste Minute des Lebens

Die erste Minute des Lebens

Plötzlich: kalt.

15 Grad weniger als im Bauch der Mutter.

Luft auf der Haut.

Sie weht darüber.

Verdunstung.

Frösteln.

Luft ist neu.

Bis eben: Unterwasserwelt.

Flüssigkeit um den Körper herum.

Flüssigkeit in der Lunge.

Die muss raus.

Schnell.

Der enge Geburtskanal der Mutter

hat den Brustkorb zusammengepresst.

Auf einmal Platz.

Viel Platz.

Der Brustkorb weitet sich.

Kältereiz.

Sauerstoffmangel.

Der erste Atemzug: Hhhhhhhhhhh.

Ein Sog von 40 cm Wassersäule.

Der erste Schrei: Äääääääääääääääh!

Luft füllt die Lungenbläschen.

Die Gefäße weiten sich.

Mehr Blut strömt in die Lungenflügel.

Das verändert den Druck im Herzen.

Eine Öffnung wird sich dort schließen

zwischen linkem und rechtem Vorhof.

So entsteht ein zweiter Blutkreislauf,

der das Blut mit Sauerstoff anreichert.

Immer noch ist der kleine Körper

durch die Nabelschnur mit der Plazenta verbunden.

Der Mutterkuchen hat ihn ernährt.

Wie ein äußeres Organ

hat er Funktionen der inneren Organe übernommen.

Die Gefäße der Nabelschnur

beginnen sich langsam zu verengen.

Ein erstes Zeichen: Die Verbindung

zur Plazenta wird abreißen.

Bald kann die Nabelschnur abgeklemmt werden.

Jetzt wird es zur Aufgabe der Nieren,

den Wasser- und Salzhaushalt zu regulieren.

Es dauert noch, bis sie das vollends können.

Erst einmal leert sich die Blase.

Noch immer kalt.

Der Körper braucht Wärme!

Zittern kann er jetzt noch nicht.

Hinter dem Herzen befindet sich

dickes braunes Fettgewebe.

Millionen von Mitochondrien,

kleine Kraftwerke,

nehmen ihre Arbeit auf.

Weiteratmen.

Mit jedem Zug

wächst das Volumen der Lunge an.

Von irgendwoher eine Decke.

Es wird warm.

Die erste Minute der Wahrheit

Die erste Minute der Wahrheit

Vielleicht ist ein Arzt der Überbringer. Er sagt einen dieser Sätze, die man bis dahin nur aus dem Fernsehen kannte: "Leider muss ich Ihnen mitteilen ..." Den Rest hört man schon nicht mehr.

Man steht plötzlich neben sich und starrt auf den blauen Kugelschreiber, der in der Brusttasche seines Kittels klemmt. Seine Worte rauschen weiter, ohne dass man sie versteht. Das ist doch nicht möglich! Damit meint er doch nicht mich!

Wer eine schlimme Nachricht erfährt, erlebt innerlich dasselbe wie jemand, der körperlich bedroht wird. Schutzmechanismen setzen ein, die unser Überleben sichern sollen.

Der erste: Depersonalisierung. "Durch eine Aufspaltung unseres Bewusstseins lassen wir Erlebnisse nicht an uns heran und nehmen sie als weniger qualvoll wahr", so erklärt es Jürgen Margraf, der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychologie. Er kennt diesen Prozess aus seiner Forschung zur Therapie von Vergewaltigungsopfern.

Wenn uns direkt Gewalt angetan wird, empfinden wir das als besonders traumatisch. In abgeschwächter Form trifft uns so auch der Befund einer lebensgefährlichen Krankheit, der Moment der Wahrheit brennt sich tief ein. Ähnlich ergeht es vielen bei der Ankündigung, dass sie einen geliebten Menschen verlieren werden.

Ist es nicht seltsam, dass einem dabei zum Beispiel ausgerechnet der Kuli des Arztes auffällt? Und dass wir an diese Szene denken, wenn wir wieder einen Kuli sehen? Das ist der zweite Schutzmechanismus: Automatisch verknüpfen wir die Bedrohung im Gehirn mit Sinneseindrücken. "In Gefahr lernen wir assoziativ – schnell und nicht erst durch Wiederholung", sagt Margraf. "Dadurch geraten wir sofort in Alarmbereitschaft, wenn uns der Reiz beim nächsten Mal begegnet."

Das kann ein Bild sein, ein Geräusch, ein Geruch. Schwer traumatisierte Patienten leiden unter solchen Assoziationen. Weil sie aber nicht davon wissen, geraten sie scheinbar grundlos in Panik. Jürgen Margraf betont allerdings, dass klinisch natürlich diejenigen auffielen, die mit der Verarbeitung Probleme haben. Die meisten würden jedoch allein mit Traumata fertig.

Lange ging man davon aus, dass Menschen, die vorher schon depressiv waren, auch stärker zu posttraumatischen Belastungsstörungen neigen. Nun legt die Forschung von Anke Ehlers, die 2013 den Deutschen Psychologie Preis bekam, nahe, dass viel darauf ankommt, wie wir unser Verhalten während des belastenden Ereignisses bewerten.

Für die erste Minute der Wahrheit hieße das: Wer beim Herzinfarkt-Tod eines Freundes sofort an das letzte Training denkt, bei dem er ihn niedergerungen hat, den werden womöglich Schuldgefühle daran hindern, über den Verlust hinwegkommen. Zudem gelte, sagt Jürgen Margraf: "Je überraschender und unkontrollierbarer ein Ereignis uns erscheint, desto schlechter können wir damit umgehen."

Aber ist ein Herzinfarkt tatsächlich so überraschend? Ganz zu schweigen davon, dass das Sterben natürlicherweise zum Leben gehört.

Auch hier spielt die Wahrnehmung eine Rolle. Wir blenden Unangenehmes aus und unterschätzen Risiken. Deshalb trifft uns die Wahrheit dann plötzlich wie ein Faustschlag ins Gesicht.

Die erste Minute der Liebe

Die erste Minute der Liebe

Erinnern Sie sich noch?

Womöglich liegt sie schon eine Weile zurück, diese prägendste aller ersten Minuten. Jahre, möglicherweise Jahrzehnte, wie in der Novelle von Turgenjew, in der Vladimir Petrowitsch als alter Mann von jenem "großen Zauber" berichtet, den die schöne Zinaida Alexandrowna auf ihn als Sechzehnjährigen ausübte.

Wenn Sie sich noch erinnern, ist das gut, sagt der inzwischen verstorbene Paartherapeut Michael Lukas Moeller, der ein ganzes Buch über diesen Moment geschrieben hat (Wie die Liebe anfängt). Selbst wenn Ihrer Beziehung die damalige Magie abhandengekommen ist, ist es möglich, die Magie zurückzuholen: mit dem Gedanken an die erste Minute.

In dem Moment des Sich-Verliebens steckt Moeller zufolge bereits alles, was die Beziehung später ausmacht. Wir brauchen nur einen Augenblick, um die Eigenschaften wahrzunehmen, die wir an einem Menschen schätzen – seine Offenheit, sein Selbstbewusstsein, seinen Humor oder seine Freundlichkeit. Unbewusst erkennen wir sie und werden von ihnen angezogen.

Was den anderen für uns attraktiv macht, kommt dabei nicht von ungefähr. Wir tragen eine ganze Liebeslandkarte in uns, die sich aus den Beziehungen speist, die wir in unserer Kindheit erlebt haben. Da sind natürlich die Eltern, Vater und Mutter, aber auch Geschwister und andere Verwandte prägen unser Bild von der Liebe. Und schließlich beeinflusst uns auch unser eigenes Selbst – oder unser Ideal von uns. Je mehr wir von diesem in unserer Kindheit entstandenen Bild von der Liebe in einem anderen Menschen wiederfinden, umso geeigneter erscheint dieser Mensch uns. Dabei kann es sein, dass wir mal mehr die Entsprechung zum Vater, mal mehr die zur Mutter oder auch die zu uns selbst suchen, das kann sich in jeder Beziehung wieder neu mischen. Und so erklärt es sich, warum wir uns in ganz unterschiedliche Typen verlieben können.

Was für ein Moment. Womöglich bestimmt er über den Rest unseres ganzen Lebens. Nicht nur, weil wir uns vielleicht für den einen Menschen entscheiden, mit dem wir es verbringen wollen. Wir legen damit auch unbewusst den Grundstein für unsere eigene Weiterentwicklung. Denn der geliebte Mensch wird in uns bestimmte Eigenschaften mobilisieren und andere in den Hintergrund rücken.

Und es geht nicht nur um Eigenschaften. Schon die gesamte künftige Beziehung ist laut Moeller vorgezeichnet; unser Umgang miteinander ergibt sich aus dem, was wir jeweils mitbringen. Hoffentlich nicht wie bei Turgenjew, wo sich im reizenden Schlagen des Mädchens bereits der grausame Sadismus äußert, mit dem sie ihre jungen Galane, den Erzähler inbegriffen, behandeln wird.

All das steckt in einem Augenblick, den womöglich allein der Zufall verschuldet. Romantisch? Gruselig? Moeller meint: tröstlich. Denn diese eine erste Minute könne immer wiedergefunden werden. Sie ist das Fundament einer Beziehung, das verschüttet, aber nicht zerstört werden kann.

Man kann eine Ehe unglücklich führen, aber die Eigenschaften bleiben, in die man sich einmal verliebt hat. Die Passung ist weiterhin vorhanden.

Also: Erinnern Sie sich noch?

Mitarbeit: Kerstin Düring und Benjamin Lebert