Die erste Minute der Wahrheit

Vielleicht ist ein Arzt der Überbringer. Er sagt einen dieser Sätze, die man bis dahin nur aus dem Fernsehen kannte: "Leider muss ich Ihnen mitteilen ..." Den Rest hört man schon nicht mehr.

Man steht plötzlich neben sich und starrt auf den blauen Kugelschreiber, der in der Brusttasche seines Kittels klemmt. Seine Worte rauschen weiter, ohne dass man sie versteht. Das ist doch nicht möglich! Damit meint er doch nicht mich!

Wer eine schlimme Nachricht erfährt, erlebt innerlich dasselbe wie jemand, der körperlich bedroht wird. Schutzmechanismen setzen ein, die unser Überleben sichern sollen.

Der erste: Depersonalisierung. "Durch eine Aufspaltung unseres Bewusstseins lassen wir Erlebnisse nicht an uns heran und nehmen sie als weniger qualvoll wahr", so erklärt es Jürgen Margraf, der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychologie. Er kennt diesen Prozess aus seiner Forschung zur Therapie von Vergewaltigungsopfern.

Wenn uns direkt Gewalt angetan wird, empfinden wir das als besonders traumatisch. In abgeschwächter Form trifft uns so auch der Befund einer lebensgefährlichen Krankheit, der Moment der Wahrheit brennt sich tief ein. Ähnlich ergeht es vielen bei der Ankündigung, dass sie einen geliebten Menschen verlieren werden.

Ist es nicht seltsam, dass einem dabei zum Beispiel ausgerechnet der Kuli des Arztes auffällt? Und dass wir an diese Szene denken, wenn wir wieder einen Kuli sehen? Das ist der zweite Schutzmechanismus: Automatisch verknüpfen wir die Bedrohung im Gehirn mit Sinneseindrücken. "In Gefahr lernen wir assoziativ – schnell und nicht erst durch Wiederholung", sagt Margraf. "Dadurch geraten wir sofort in Alarmbereitschaft, wenn uns der Reiz beim nächsten Mal begegnet."

Das kann ein Bild sein, ein Geräusch, ein Geruch. Schwer traumatisierte Patienten leiden unter solchen Assoziationen. Weil sie aber nicht davon wissen, geraten sie scheinbar grundlos in Panik. Jürgen Margraf betont allerdings, dass klinisch natürlich diejenigen auffielen, die mit der Verarbeitung Probleme haben. Die meisten würden jedoch allein mit Traumata fertig.

Lange ging man davon aus, dass Menschen, die vorher schon depressiv waren, auch stärker zu posttraumatischen Belastungsstörungen neigen. Nun legt die Forschung von Anke Ehlers, die 2013 den Deutschen Psychologie Preis bekam, nahe, dass viel darauf ankommt, wie wir unser Verhalten während des belastenden Ereignisses bewerten.

Für die erste Minute der Wahrheit hieße das: Wer beim Herzinfarkt-Tod eines Freundes sofort an das letzte Training denkt, bei dem er ihn niedergerungen hat, den werden womöglich Schuldgefühle daran hindern, über den Verlust hinwegkommen. Zudem gelte, sagt Jürgen Margraf: "Je überraschender und unkontrollierbarer ein Ereignis uns erscheint, desto schlechter können wir damit umgehen."

Aber ist ein Herzinfarkt tatsächlich so überraschend? Ganz zu schweigen davon, dass das Sterben natürlicherweise zum Leben gehört.

Auch hier spielt die Wahrnehmung eine Rolle. Wir blenden Unangenehmes aus und unterschätzen Risiken. Deshalb trifft uns die Wahrheit dann plötzlich wie ein Faustschlag ins Gesicht.