Die erste Minute der Liebe

Erinnern Sie sich noch?

Womöglich liegt sie schon eine Weile zurück, diese prägendste aller ersten Minuten. Jahre, möglicherweise Jahrzehnte, wie in der Novelle von Turgenjew, in der Vladimir Petrowitsch als alter Mann von jenem "großen Zauber" berichtet, den die schöne Zinaida Alexandrowna auf ihn als Sechzehnjährigen ausübte.

Wenn Sie sich noch erinnern, ist das gut, sagt der inzwischen verstorbene Paartherapeut Michael Lukas Moeller, der ein ganzes Buch über diesen Moment geschrieben hat (Wie die Liebe anfängt). Selbst wenn Ihrer Beziehung die damalige Magie abhandengekommen ist, ist es möglich, die Magie zurückzuholen: mit dem Gedanken an die erste Minute.

In dem Moment des Sich-Verliebens steckt Moeller zufolge bereits alles, was die Beziehung später ausmacht. Wir brauchen nur einen Augenblick, um die Eigenschaften wahrzunehmen, die wir an einem Menschen schätzen – seine Offenheit, sein Selbstbewusstsein, seinen Humor oder seine Freundlichkeit. Unbewusst erkennen wir sie und werden von ihnen angezogen.

Was den anderen für uns attraktiv macht, kommt dabei nicht von ungefähr. Wir tragen eine ganze Liebeslandkarte in uns, die sich aus den Beziehungen speist, die wir in unserer Kindheit erlebt haben. Da sind natürlich die Eltern, Vater und Mutter, aber auch Geschwister und andere Verwandte prägen unser Bild von der Liebe. Und schließlich beeinflusst uns auch unser eigenes Selbst – oder unser Ideal von uns. Je mehr wir von diesem in unserer Kindheit entstandenen Bild von der Liebe in einem anderen Menschen wiederfinden, umso geeigneter erscheint dieser Mensch uns. Dabei kann es sein, dass wir mal mehr die Entsprechung zum Vater, mal mehr die zur Mutter oder auch die zu uns selbst suchen, das kann sich in jeder Beziehung wieder neu mischen. Und so erklärt es sich, warum wir uns in ganz unterschiedliche Typen verlieben können.

Was für ein Moment. Womöglich bestimmt er über den Rest unseres ganzen Lebens. Nicht nur, weil wir uns vielleicht für den einen Menschen entscheiden, mit dem wir es verbringen wollen. Wir legen damit auch unbewusst den Grundstein für unsere eigene Weiterentwicklung. Denn der geliebte Mensch wird in uns bestimmte Eigenschaften mobilisieren und andere in den Hintergrund rücken.

Und es geht nicht nur um Eigenschaften. Schon die gesamte künftige Beziehung ist laut Moeller vorgezeichnet; unser Umgang miteinander ergibt sich aus dem, was wir jeweils mitbringen. Hoffentlich nicht wie bei Turgenjew, wo sich im reizenden Schlagen des Mädchens bereits der grausame Sadismus äußert, mit dem sie ihre jungen Galane, den Erzähler inbegriffen, behandeln wird.

All das steckt in einem Augenblick, den womöglich allein der Zufall verschuldet. Romantisch? Gruselig? Moeller meint: tröstlich. Denn diese eine erste Minute könne immer wiedergefunden werden. Sie ist das Fundament einer Beziehung, das verschüttet, aber nicht zerstört werden kann.

Man kann eine Ehe unglücklich führen, aber die Eigenschaften bleiben, in die man sich einmal verliebt hat. Die Passung ist weiterhin vorhanden.

Also: Erinnern Sie sich noch?

Mitarbeit: Kerstin Düring und Benjamin Lebert