Aus der Luft betrachtet, wirkt so ein Badestrand wie eine Miniaturwelt, eine putzige Siedlung, in der Zwergenmenschen ihrem friedvollen Leben nachgehen. Unter bunten Sonnenschirmen rücken sie zusammen, einträchtig nebeneinanderliegend lassen sie sich die Sonne auf ihre kleinen Bäuche scheinen. Was für ein vergnügliches Miteinander. Was für eine – Illusion.

In Wahrheit ist so ein Strand ein komplexes Sozialgefüge mit festen Regeln. Der Eindruck von Gemeinschaft täuscht. Fast nirgendwo isoliert sich der Mensch so sehr wie hier. Alone Together hat der Anthropologe Robert Edgerton sein Buch über das Sozialverhalten am Badestrand genannt. Inmitten der halb nackten Masse sind wir gern für uns, ungestört.

Edgerton hat Badegäste am Strand von Santa Monica beobachtet. Das war in den Siebzigern – offenbar auch in der Wissenschaft eine freizügigere Zeit. Er ging der Frage nach, wie so viele Menschen unterschiedlichen Alters, unterschiedlicher Herkunft und so leicht bekleidet auf engem Raum zusammentreffen können, ohne dass es kracht. Sein Fazit: Der Mikrokosmos Strand funktioniert, weil jeder für sich bleibt. Weil jeder die anderen ausblendet. Und weil jeder sein eigenes Revier absteckt.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Wissen 5/2014, das am Kiosk erhältlich ist.

Der Mensch neigt zum Territorialverhalten. Er breitet sich gern aus und markiert, was ihm gehört. Man kennt das aus dem Zug: Dort besetzen Reisende sogar Viererplätze für sich allein. Manch einer verteilt sein Hab und Gut auf den freien Sitzen, damit ihm ja niemand Gesellschaft leistet. Warum sollte das am Strand anders sein, wo uns nichts als ein Fetzen Stoff von der Umwelt trennt?

Auch wenn es nur ein paar Stunden sind, die der Badegast am Strand verbringt, er will seinen Körper auf ein Fleckchen Sand legen, das nur ihm gehört. Also breitet er Handtücher aus, rammt Sonnenschirme in den Boden wie einst die Amerikaner ihre Flagge in den Mond. Er stellt Taschen und Kühlboxen auf, verschanzt sich hinter Zeitungen, in Windmuscheln und Strandkörben, schaufelt Sandwälle und mitunter ganze Burgen auf. Das meiste davon erfüllt auf den ersten Blick einen funktionalen Zweck. "Es kann aber auch symbolisch sein – zur Abgrenzung", sagt die Umweltpsychologin Elisabeth Kals von der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt.

Jeder Mensch braucht einen persönlichen Raum, fühlt sich nur dann wohl, wenn er die Kontrolle über seine Umgebung hat. Er will seine Privat- und Intimsphäre wahren und im Notfall fliehen können. Der Mensch ist – und hier trügt der Blick aus der Vogelperspektive nicht – verletzlich. "Wenn andere uns zu nahe kommen, geraten wir in Stress", sagt Kals. Dann schlägt unser Herz schneller, wir fangen an zu schwitzen. Das ist der Grund, warum wir im Fahrstuhl oft zu Boden oder zur Anzeige starren. So stellen wir die fehlende Distanz symbolisch wieder her.

Das Bedürfnis nach Distanz ist je nach Kultur unterschiedlich. "Südamerikaner und Südeuropäer lassen erwiesenermaßen mehr soziale Nähe zu als etwa wir Deutschen", sagt Kals. Zum einen seien die Menschen hierzulande individualistisch geprägt und begriffen sich nicht gern als Teil einer Masse. Zum anderen seien sie förmlicher. Das ist empirisch belegt: In zwei Studien verglichen Psychologen – ebenfalls in den Siebzigern – das Revierverhalten von Deutschen, Franzosen und Amerikanern am Meer. Fazit: Die Deutschen, ob am Strand von Sylt oder Saint-Tropez, tolerierten weniger Dichte, beanspruchten häufiger besonders große Flächen und errichteten die meisten Sandwälle.

Wo sich auf den Fotos hier im Heft deutsche Touristen befinden, wissen wir nicht. Wir können es nur vermuten.