Der niederländische Architekt Rem Kolhaas hat diese Entwicklung einmal mit Eiern erklärt, deren Dotter das Stadtzentrum symbolisieren: Die kompakte, mittelalterliche Stadt gleiche einem gekochten Ei, die Industriestadt des 19. Jahrhunderts einem Spiegelei und die Stadt der Moderne, des 20. Jahrhunderts, einem Rührei. Das Rührei ist die Stadt, in der wir immer noch leben.

"Als junger Architekt in den Sechzigern habe ich die Träume der Moderne noch miterlebt", erinnert sich Dittmar Machule, Professor an der Technischen Universität (TU) Hamburg-Harburg und der HafenCity Universität. "Damals ist aber etwas verloren gegangen: der Bezug zu dem, was die Menschen wirklich umtreibt, was sie in der Stadt erleben wollen." Wie Machule glauben die meisten Stadtplaner heute, dass die Charta von Athen als Leitbild für die Herausforderungen am Anfang des 21. Jahrhunderts nicht mehr taugt. Städte sind keine Gebilde, deren Teile nach wissenschaftlichen Theorien am Reißbrett verschoben, ja ausgetauscht werden können. Das ist zumindest in Europa Konsens.

Und doch kann das Rührei so nicht bleiben. In den Zentren der Groß- und Universitätsstädte fehlen Wohnungen für die Zugezogenen. Das private Auto gilt angesichts von CO₂-Emissionen und Staus als nicht zukunftsfähig. Energieeffizienz und Recycling müssen verbessert werden. Wie geht es weiter? Gibt es eine neue große Idee? "Wir haben zurzeit viele Leitbilder nebeneinander", sagt Sabine Baumgart, Professorin für Stadt- und Regionalplanung an der TU Dortmund, "aber über allem schwebt doch noch die Idee der durchmischten Stadt der kurzen Wege." So ähnlich sagen dies auch ihre Fachkollegen. Eine neue Bescheidenheit ist eingekehrt, die der Stadtplaner Thomas Sieverts einmal so ausdrückte: "Die Stadt ist gebaut." Mit Planierraupen Schneisen schlagen, das war gestern.

Heute geht es darum, das Gewebe der Städte zu verändern. Behutsam und, auch darin sind sich viele Stadtplaner einig, in Abstimmung mit den Bürgern. Mit der Charta von Athen ist in Europa auch der ganz große Masterplan beerdigt worden, den wahrscheinlich nur noch chinesische Behörden in den Boomtowns Chinas durchziehen können.

Das Gewebe der modernen Stadt ist allerdings nicht so verkrustet, dass sich nicht mehr viel verändern ließe. "Eines der zentralen Themen ist die Umwandlung von ehemaligen Industrie- und Hafenflächen", sagt Baumgart. In die Gewerbebrachen kehrt neues Leben ein: Kultur wie in der Zeche Zollverein in Essen, ein Logistikpark in der Westfalenhütte in Dortmund oder Wohnungen und Büros im ehemaligen Gießerei-Areal der Firma Sulzer im schweizerischen Winterthur. Hafenstädte wie Hamburg, Kopenhagen und Lyon ziehen komplette Stadtteile auf den einstigen Hafenflächen hoch. Sie folgen dem Beispiel der Docklands in London, das früh vom Verschwinden der Industrie getroffen war. Wurde dort die Entwicklung des Quartiers noch den Investoren allein überlassen, achten die Städte allmählich darauf, an den Wasserlagen keine Monokulturen aus Büros oder Luxus-Apartments entstehen zu lassen.

Denn das Leitbild der durchmischten Stadt bedeutet nicht nur, dass in einzelnen Stadtteilen wieder Wohnen, Arbeiten und Freizeit zusammen stattfinden. Auch soziale Spaltungen und die Unterschiede in der Umweltbelastung, wie es sie in Städten immer gegeben hat, wenn sich verschiedene Milieus je nach Einkommen in eigenen Quartieren einigelten, sollen zumindest nicht noch verschärft werden. Ein interessantes Beispiel sei die Wiederbelebung des einstigen Industriereviers Ouseburn Valley in Newcastle upon Tyne, sagt Baumgart. Dort entstehe ein neuer Stadtteil weniger nach einem großen Plan, sondern aus Zwischennutzungen von alten Gebäuden. Das hat den Vorteil, dass sich der Stadtteil behutsamer entwickeln kann als die großen Neubauquartiere auf Brachflächen, die oft erst einmal wie ein Fremdkörper wirken.

Aber auch die urbanen Flächenreserven lassen sich für eine nachhaltige Stadtentwicklung nutzen. Recycling und die Aufbereitung von Abwasser benötigen nicht mehr große Industrieanlagen am Stadtrand: "Das kann heute teilweise in der Stadt stattfinden, sogar in Kellerräumen", sagt Angela Million, Professorin an der TU Berlin. Mit dem aufbereiteten Wasser lassen sich etwa Erdbeeren in Hydrokultur anbauen, oder man betreibt eine Fischzucht mittels Aquaponik. "Dächer sind ebenfalls eine Riesenressource", sagt Million. Sie können sich in Solardächer, Grünflächen, Kleingärten verwandeln und so die Energieversorgung und das Mikroklima der Stadt verbessern.

Dass die Durchlüftung der Stadt angesichts der globalen Erwärmung immer wichtiger wird, betonen Stadtforscher schon länger. Die Asphalt- und Betonlandschaften der Metropolen sind Hitzespeicher, die zum sogenannten urban heat island- Effekt führen. Die Straßen kühlen in heißen Sommermonaten nachts nicht mehr ab. Frischluftachsen, wie es im Fachjargon heißt, können den Effekt mildern. Dafür müssen keine Schneisen wie in Haussmanns Paris geschlagen werden. Neue Parks entlang der Verkehrsachsen wie der Groene Singel in Antwerpen oder auf ehemaligen Bahnflächen wie dem Gleisdreieck in Berlin sind eine Möglichkeit für klamme Stadthaushalte, mit geringen Mitteln die Stadtlandschaft luftiger und grüner zu machen. "Berlin hat das sehr gut hinbekommen", lobt Million. "Die Menschen nehmen das Gleisdreieck als Parkanlage an."

Dass die Innenstädte wieder aufleben, hätte noch vor 20 Jahren kaum jemand gedacht. In den Achtzigern waren in Europa und Nordamerika viele Industriestandorte zusammengebrochen, und die urbane Infrastruktur der Zentren war marode geworden. Wer konnte, zog "raus ins Grüne", nach Suburbia. Trendforscher erwarteten gar, dass die Internetrevolution die Städte endgültig in Ödnis verwandeln würde. Wenn man sich aus dem Hinterland mit dem Arbeitsplatz oder dem globalen Geschäftspartner vernetzen konnte, ließe sich das auch in grüneren, stadtfernen Gefilden tun, glaubte man. Ein Trugschluss, wie sich heute zeigt. Gerade die dichten, gemischten, ja chaotischen Städte hätten das, was eine sich globalisierende Wirtschaft dringend brauche, sagt die Stadtforscherin Saskia Sassen: Menschen mit unterschiedlichsten Talenten und vielfältigem Wissen. In der Prärie von Idaho oder den grünen Hügeln von Südengland ist beides eher dünn gesät.