90+ Jahre

Eine Reise in die Vergangenheit

Der Traum von einem wirklich langen Leben, jetzt geht er in Erfüllung – aber auch so, wie man es sich vorgestellt hat? Es sind nicht wenige, die diese Phase erreichen. Von 1.000 Menschen, die vor 90 Jahren geboren wurden, sind bei den Frauen jetzt noch 293 am Leben, bei den Männern 165. Das Leben kann trotz Krankheiten und Schmerzen unerwartet lange weitergehen. Mehr als 300.000 Menschen weltweit sind bereits älter als 100. Der Lebenszeitrekord liegt bei 122 Jahren und 164 Tagen.

Was früher ohne Mühen ging – aufstehen, Essen machen, einkaufen –, kann nun als Höchstleistung erscheinen. Hilfe von Familie, Freunden oder Pflegern wird in vielen Belangen unverzichtbar, Hochbetagte sind zu einem großen Teil auf andere angewiesen. Sie stehen vor der Aufgabe, an diesem Kontrollverlust nicht zu verzweifeln. Aber das gelingt vielen überraschend gut: Sie haben die Kunst des Alterns gelernt, zu der ständige Kompromisse und die Anpassung an das Unvermeidliche zählen.

Hochbetagte haben das Privileg, auf hundert Jahre Menschheitsentwicklung, Naturveränderung, Technologiesprünge zurückblicken zu können, sofern das Gedächtnis mitspielt. Wer heute 100 Jahre alt ist, wurde zu Beginn des Ersten Weltkriegs geboren und hat noch eine Welt weitgehend ohne Telefone erlebt. Besonders Hochbetagte sind oft erstaunlich gut darin, sich an ihre Kindheit und Jugend zu erinnern. Für Menschen, die im hohen Alter mit Demenz leben, spannt sich der Bogen besonders stark in die Vergangenheit zurück. Sie leben häufig zeitweise wieder in der Kindheit und Jugend, manche rufen nachts nach der Mutter. Bei den psychisch Gesunden passiert Ähnliches in abgeschwächter Form. Weil das Gehirn schlechter darin wird, neue Erinnerungen zu bilden, treten solche an frühere Lebensphasen in den Vordergrund. Ein Großteil des Lebens ist aber der Erinnerung nicht zugänglich – so viel, was passiert ist, ist unwiederbringlich verschwunden.

Die Altersmilde kommt nun voll zum Tragen. Vor allem Menschen in der allerletzten Lebensphase wollen oft den Bedürfnissen der Zurückbleibenden gerecht werden. Wichtiger als die Frage, wie sie selbst sterben, ist ihnen, wie es ihren Nachkommen ergehen wird. Nun kann passieren, dass man im Krankenhaus an Schläuchen hängt. Manche Menschen entfalten dann einen Willen zum Sterben, andere klammern sich noch an den letzten Sekunden fest, sind dankbar für die Beatmungsmaschinen und Sonden, mit deren Hilfe sie weiterexistieren. Ruhig und gelassen im Kreis einer Familie zu sterben oder in Gegenwart von Freunden ist nun ein Ideal. Palliativmediziner beobachten, dass Menschen im Großen und Ganzen so sterben, wie sie gelebt haben. Kämpfernaturen begehren gegen das Ende auf, ruhige Charaktere verabschieden sich leise. Der Glaube daran, dass es ein Leben nach dem Tod gibt, gibt vielen Menschen Hoffnung. Was auch immer geschehen ist und geschehen wird, es ist ein Wunder, das zu Ende geht.

Der Autor wurde unterstützt von: Ulman Lindenberger, Max-Planck-Institut (MPI) für Bildungsforschung; Ulrich Mayr, University of Oregon; Jim Vaupel, MPI für demografische Forschung, Ursula Staudinger, Columbia University; Gian Borasio, Universität Lausanne; Walter Heinz, Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung; Holger Kuntze, Praxis für Psychotherapie; Cornelia Füllkrug-Wenzel, Evangelisches Werk für Diakonie und Entwicklung; Ulla Giesler; Aysel Osmanoglu, GLS-Bank

Was jetzt erst geht, was wieder geht, was nicht mehr geht:Kerstin Düring, Rike Uhlenkamp

Die Quellenangaben zum ZEIT-Wissen-Artikel finden Sie hier.