10–20 Jahre

Das Überqueren des Erinnerungshügels

Der lange Weg zur Selbstständigkeit beginnt. Es ist eine aufregende und auch gefährliche Expedition und Orientierungssuche: Wer bin ich? Was will ich? Was kann ich? Heranwachsende entdecken ihr Denken und ihre Körper nochmals neu, ihre Talente und ihre Umwelt. Sie begreifen, dass die Welt auch anders sein könnte, als sie sich bisher dargeboten hat. Es geht darum, sich selbst zu erleben und zu entwickeln, indem man sich von den Eltern und anderen Autoritäten abgrenzt, Neues ausprobiert, seine Kräfte misst, Grenzen erlebt und erkundet, wie sie gesprengt werden können.

Wie im Inneren einer Schmetterlingsraupe läuft in der Pubertät im menschlichen Gehirn ein gewaltiger Umbauprozess ab. Alte Strukturen werden zerstört, neue entstehen. Das Heranreifen selbst ist unsichtbar, die Summe aller Veränderungen dagegen sehr wohl. Die Hirnanhangdrüsen überschwemmen den Körper mit Hormonen, die den großen Wandel hin zur Geschlechtsreife einleiten. Weil ihre Körper im Umbruch sind, schnell wachsen und neue Merkmale wie Brüste und Schamhaare ausbilden, ist diese Zeit für Jugendliche anstrengend. Sie spüren jetzt erstmals ihre geschlechtliche Orientierung. Wer schwul oder lesbisch ist, steht vor der Frage, wann er dieses Wissen mit wem teilt.

Oftmals sind Jugendliche leicht reizbar und brauchen viel Schlaf, vor allem morgens, weil der Biorhythmus verschoben ist. Das routinierte Denken der Eltern kollidiert mit eigenen, frisch gefundenen Einstellungen. Das lässt Konflikte entstehen und Grenzerfahrungen. Wenn sie nicht zu tiefer Entfremdung und Zerwürfnissen führen, können sie – auch wenn das zwischendurch ganz und gar abwegig erscheint – einen Sinn haben: die Reife zum eigenständigen Denken und Urteilen, dazu, Gefahren einzuschätzen und Begierden zu steuern.

Neue Maschinen treten ins Leben: Computer und Smartphones können den Horizont erweitern oder uns zu digitalen Sklaven machen. Auch wenn sie es leugnen, brauchen Jugendliche und junge Erwachsene noch einiges von dem, was Kinder brauchen: Nähe, Liebe, Aufmerksamkeit, nur eben nach ihren eigenen Regeln.

Mädchen ringen in dieser Zeit vor allem um Beziehungen in Cliquen, Jungen oftmals um ihren sozialen Status in einer Gruppe. Aus Freundeskreisen stechen vielleicht Einzelne heraus: die erste Freundin, der erste Freund. Körperliche Liebe, vielleicht schon Sex stoßen die Türe in das Erwachsenenleben auf. Rund zwei Drittel der deutschen Jugendlichen hatten mit 17 bereits Geschlechtsverkehr. Bei unseren Vorfahren war es durchaus normal, in diesem Alter schon Vater oder Mutter zu sein. In der heutigen westlichen Welt ist diese Phase vielmehr vom Lernen geprägt. Jetzt fallen Entscheidungen über Bildungswege.

Deutsche zwischen 10 und 18 Jahren verbringen durchschnittlich 3,5 Stunden am Tag mit Lernen. Zwischen 25 und 45 Jahren sind es nur noch 19 Minuten. Zwar gilt das alte Dogma, dass nur Heranwachsende etwas Neues wirklich gut lernen können, nicht mehr. Aber es stimmt weiterhin, dass das Wissen und vor allem die Lerngewohnheiten aus dieser Zeit prägend für das weitere Leben sein können: Ein Horizont entsteht.

Sich Ziele zu setzen, was auch immer diese Ziele sind, hilft, durch die Zeit des Heranwachsens zu navigieren. So werden aus tausend wählbaren Türen deutlich weniger, und diese Einschränkung kann guttun. Ob man die Ziele wirklich erreicht, ist etwas anderes.

Die Zeit des Heranwachsens kann von wilden Partys geprägt sein oder von politischem, mitmenschlichem Engagement, von trauriger Einsamkeit oder quietschfidelen Freundschaften, von Stubenhockerei oder weiten Reisen auf eigene Faust: Es wird die Zeit sein, an die später im Alter die Gedanken und Erinnerungen besonders häufig zurückgehen. Erinnerungen aus anderen Lebensphasen fallen in der Regel deutlich schwächer aus. "Erinnerungshügel" nennen das die Psychologen. Vielleicht ist es gut, das ab und an mit zu bedenken.