20–30 Jahre

Wer jetzt kein Verbrecher ist, wird auch keiner mehr

Wer glaubt, mit zwanzig ausgewachsen zu sein, irrt. Ja, der Körper sprießt nicht mehr in die Höhe, der Penis wird nicht mehr länger, die Brüste werden, zumindest bis zu einer Schwangerschaft, nicht mehr größer. Doch im Gehirn, das maßgeblich unsere Persönlichkeit formt, geht die Reifung weiter, bilden sich neue Strukturen und, fast noch wichtiger, werden alte Strukturen abgebaut, wie von einem Gärtner, der Unkraut jätet, nur dass es hier von selbst passiert, im ununterbrochenen Wechselspiel von Genen, Gehirn und Umwelt. Die erste große Entwicklungsphase ist mit 24, 25 Jahren abgeschlossen, wenn der präfrontale Kortex, der wichtig für soziale Entscheidungsprozesse und die Ich-Entwicklung ist, als letzter Hirnteil seine erwachsene Form annimmt.

Wie Menschen dann sind – ob einzelgängerisch oder gesellig, egoistisch oder selbstlos, gewissenhaft oder nachlässig, emotional stabil oder schwankend, neugierig oder lernunwillig –, ist nun in starkem Maße entschieden. Zwar gibt es ein Leben lang die Chance, an sich zu arbeiten. Das geschieht aber immer im Rahmen der Persönlichkeit, die man mit Mitte zwanzig geworden ist. Wer mit 25 nicht kriminell ist, wird es mit hoher Wahrscheinlichkeit auch für den Rest des Lebens nicht mehr.

Menschen, die jetzt in der Lage sind, in Gemeinschaft zu leben, verschiedene Blickwinkel auf Sachverhalte einzunehmen und Konflikte zu lösen, sind gut auf die wachsende Verantwortung vorbereitet, die nun ins Leben tritt: Wir müssen schwierige Entscheidungen fällen, für einen Ausbildungsplatz, einen Studiengang, einen Wohnort, einen Partner. Mit dem ersten Gehalt werden wir unabhängig, und damit stehen weitere Entscheidungen an: Wünsche erfüllen, reisen, sparen, investieren, an die Rente denken, Studienschulden zurückzahlen?

Die Vielzahl von Optionen kann ein Stressfaktor werden. Erstmalig ergibt sich dadurch auch das Risiko existenzieller Irrtümer. Für viele sind gerade dies heilsame Erfahrungen, da sie die Möglichkeit bieten, Korrekturen vorzunehmen. Manche erleben zum ersten Mal Angst, die frisch gewonnene Selbstständigkeit könnte direkt in ein existenzielles Unglück führen. Trotzdem erleben sich viele in dieser Phase immer noch behütet von Eltern, Chefs oder Professoren und Lehrern. Sie sind noch in einem Alter, in dem sich ältere Erwachsene ihrer annehmen und ihnen zur Seite stehen.

Was in Lebensläufen zwischen 20 und 30 Jahren passiert, hat sich radikal geändert. 1970 waren mit 25 Jahren schon achtzig Prozent der US-Amerikaner verheiratet, 2005 waren es nur noch halb so viele. Vor wenigen Jahrzehnten galten Frauen, die mit Ende zwanzig ihr erstes Kind bekamen, noch als "alte Mütter", heute entwickelt sich dies zur Normalität, obwohl frühes Elternsein durchaus auch heute Vorteile haben kann. Mitte zwanzig sind Menschen biologisch und körperlich häufig auf der Höhe ihrer Kraft. Auch die "flüssige Intelligenz", also zum Beispiel das schnelle Erinnern, ist in diesem Alter am stärksten ausgeprägt. Das Gehirn bildet nun kaum noch neue Nervenzellen. Eine wichtige Ausnahme ist der Hippocampus tief im Innern des Gehirns. Hier sprießen vor allem bei körperlicher Bewegung und geistigen Herausforderungen bis ins höhere Alter Neuronen, die neues Lernen und die Orientierung in Zeit und Raum fördern.

Mit der Zeit zu leben kann heißen, die Stärken dieser Lebensphase als zeitlich begrenztes Geschenk zu schätzen und zu pflegen, und nicht als selbstverständlichen Dauerzustand anzusehen. Einen Wink dafür gibt ein neues Lebensgefühl: Bis Mitte zwanzig wollen viele Menschen älter wirken, als sie sind, nun aber jünger.