30–40 Jahre

Die Weichen werden gestellt: für Gesundheit und Glück

In der heutigen Gesellschaft beginnt mit 30 Jahren die Hochleistungsphase, die Zeit der "Kompression". Wir wenden alles an, was wir bisher gelernt haben, leben aus, wer oder was wir geworden sind. Alles passiert nun gleichzeitig: Menschen gründen Familien, die Zeit und Liebe erfordern. Daneben sollen möglichst alle im Beruf volle Leistung erbringen, um Karriere zu machen oder wenigstens nicht aussortiert zu werden. Das durchschnittliche Heiratsalter der Deutschen liegt heute bei 33,5 Jahren für Männer und bei 30,7 Jahren für Frauen. Manche müssen sich zeitgleich um trotzige Kinder, chronisch unzufriedene Chefs und bereits kranke Eltern kümmern.

Andere entscheiden sich nun bewusst für alternative Lebensformen: den Verzicht auf Kinder und Familie, den Ausbruch aus Karrierezwängen. Verschiedene Selbstbilder stehen im Wettbewerb, etwa das Eltern-Ich, das für Hingabe steht und für Verschmelzung mit der Erziehungsaufgabe, das mit dem Erwachsenen-Ich konkurriert, also dem Drang zu eigenem, unabhängigem Erleben, von Sex, Ausgehen bis Reisen. Wer sein Erwachsenen-Ich vergisst, vergisst sich selbst, wer es überbetont, vernachlässigt seine Mitmenschen.

Entwicklungspsychologen orten in dieser Lebensphase eine wichtige Weiche für späteres Wohlbefinden: Nach dem Ende der ersten Reifungsphase besteht die Chance, Fehlentwicklungen zu korrigieren. Doch die starken Kräfte der "Kompression" können einen davon abhalten und direkt oder zeitverzögert in Krankheit, Depression und Eheunglück führen. Wer sich von diesen Kräften antreiben lässt, ohne zu steuern, kann rasch überfordert sein und von dem geplagt werden, was heute Burn-out heißt. Menschen neigen jetzt dazu, die Bedeutung von Einkommen, Statussymbolen und Vermögen für ihr Lebensglück zu überschätzen. Viele Psychologen mahnen deshalb zur Entschleunigung und dazu, die Lebensphasen bewusst anders zu planen. Gezielte Pausen können sinnvoll sein, um nochmals intensiv neue Fähigkeiten und neues Wissen zu erlernen, oder, etwa in einem Sabbatical, wichtige Grundfragen zu beantworten: Bin ich mit dem richtigen Menschen zusammen? Bin ich im richtigen Beruf? Bin ich der geworden, der ich sein wollte und sein will? Das kann dazu führen, die eigene Lebensweise zu festigen. Oder aber den Weg der Trennung und des Neuen zu gehen. So lässt sich vielleicht der wachsenden Gefahr entgehen, im Falle des Scheiterns persönlicher oder beruflicher Pläne zu verbittern.

Die Komplexität von Partnerschaft, Beruf, Familienleben eröffnet neue Aspekte des Lebens. Während die junge Erwachsenenzeit von kurzfristigen Thrills lebte, steht nun eher Dauer, Vertiefung an. Erste Ausbruchsfantasien und natürlich auch konkretes Ausbrechen aus Beziehungen und Karrieren sind die Folge. Für viele Menschen ist es ein schmerzhaftes Jahrzehnt, voller Irrungen und Wirrungen. Pessimisten und Melancholiker verstärken ihre negativen Gefühlswelten.

Für die spätere Gesundheit werden jetzt wichtige Weichen gestellt: Wer sich regelmäßig bewegt, ein enges Netz von Freunden unterhält und sich gut ernährt, steigert seine Chancen auf ein gesundes Alter enorm. Die Lebensweise in dieser Zeit beeinflusst wichtige Entwicklungsprozesse im Körper und im Gehirn, und kann den Ausbruch etwa einer Demenzerkrankung um entscheidende Jahre verzögern.

Ob jemand ein Eigenbrötler ist oder aber ein reiches Sozialleben hat, ist für das Glück im späteren Leben entscheidender als alle anderen Faktoren.

Menschen spüren jetzt erste Anzeichen von Alterung an ihrem Körper. Bei Frauen lässt die Fruchtbarkeit erheblich nach, Männer, die keinen Sport mehr treiben, werden viel schneller dick als in früheren Jahren, weil sich der Stoffwechsel verlangsamt. Noch schränkt das Altern das Leben aber nicht ein. Das bietet die große Chance, den Körper auf die Zukunft vorzubereiten. Die eigenen Eltern werden nun in vielen Fällen alt. Man muss überlegen, was man noch mit ihnen gemeinsam tun und erleben will.