40–50 Jahre

Die Lebenserfahrung ist das neue Kapital

Mit etwa 40 Jahren (und nicht erst mit 50) ist die rechnerische Lebensmitte erreicht. Männer können im Schnitt mit 39 Jahren erwarten, noch 39 Jahre zu leben, Frauen mit 42 Jahren auf weitere 42 Jahre vorausblicken. Optimistisch könnte man bei seinen Lebensprojekten vom Juni des Lebens sprechen, in dem im guten Fall viele Früchte heranwachsen, bestimmte Pflanzen noch gesät oder nachgesät werden können, andere aber bereits frühzeitig absterben und verfallen.

Wer noch keine Kurskorrekturen in seinem Leben vorgenommen hat, wird nun vielleicht dazu gezwungen. Zum Beispiel Verheiratete: Scheidungen erfolgen im Durchschnitt 15 Jahre nach der Heirat, und jede dritte Ehe zerbricht heute binnen 25 Jahren. Da dies nur selten über Nacht passiert, laufen in diesem Jahrzehnt entscheidende Prozesse ab: Vertiefung oder Entfremdung, Miteinander oder Gegeneinander?

Für manche ist das Leben in dieser Zeit ein ruhiger, langsamer Fluss, bei anderen kommt es zu radikalen Umbauten am Lebensentwurf. Wieder andere holen nach, was sie hinausgezögert haben, verfolgen unerfüllte Träume von früher oder entdecken alte Leidenschaften wieder. Patchwork-Familien mit bunten, oftmals komplizierten Beziehungsgeflechten entstehen, in Beziehungen festigen sich Grundmuster, von treuer Monogamie bis zum häufigen Partnerwechsel, von Vernunftehen bis zu permanenter Romantik. Kinderlose Frauen stehen vor der Aufgabe, Frieden mit ihrem Lebensweg zu schließen. Die biologische Alterung macht sich im Körper nun stark bemerkbar, nicht nur an grauen Haaren, die sich wegfärben lassen. Bei Männern wie Frauen beginnen die Hormone, die in der Pubertät die Reifung hin zur Fruchtbarkeit gesteuert haben, deutlich abzunehmen, mit tief greifenden Folgen für die weibliche Fruchtbarkeit, und, auch bei Männern, für das Vitalitätsgefühl. Niemand ist gezwungen, sich zur Kompensation Konsumräuschen hinzugeben oder fremdzugehen: Es gibt tausend Wege, den Umbruch einer gefühlten "Lebensmittekrise" zu gestalten.

Zugleich setzt vielleicht schon bei den eigenen Kindern die Adoleszenz ein. Eltern müssen nun die schwierige Balance zwischen Distanz und Nähe meistern. Das Reifen der Kinder bringt es in Reichweite, Großeltern zu werden. Die Konfrontation mit der eigenen Sterblichkeit wird härter, aber Verdrängung funktioniert noch. Ängste vor möglicher Altersarmut und späterer Einsamkeit kommen auf, Menschen suchen nach Lösungen und kümmern sich um ihre finanzielle Absicherung im Alter. Die Verantwortung für das Wohlbefinden der eigenen Eltern sowie von älteren Verwandten und Freunden wächst. Das verlangt nicht selten Abstriche beim eigenen Lebensgenuss, bietet aber auch die Chance, diese Beziehungen mit neuem Leben zu erfüllen.

Nicht nur im Berufsleben treten oftmals statt ständiger Neuerungen und Expansion nun Routinen in den Vordergrund. Das spart auf den ersten Blick Energien, birgt aber auch Gefahren: Aus Langeweile kann Erschöpfung wachsen, allzu viel Selbstgewissheit kann dazu führen, dass einen jüngere Konkurrenz überraschend aussticht. Positiv wirkt der Bestand an Wissen und Erfahrung, den die Zeit einem schenkt. Man erkennt Muster, die Jüngere nicht sehen, kann von selbst Bezüge herstellen, die sie noch nicht kennen, durchschaut Machtspiele und Moden. Menschen werden in dieser Phase selbst zu Mentoren und beginnen, ihre Erfahrungen weiterzugeben – und selbst wieder von Jungen zu lernen. Das zu nutzen und auszubauen heißt, mit der Zeit zu leben. Viele beginnen aber, gegen die Zeit zu leben, und verzweifeln an Falten und grauen Haaren.