Er hat sich vor einiger Zeit das Buch Schnelles Denken, langsames Denken des Wirtschaftsnobelpreisträgers Daniel Kahneman gekauft. Auf dessen Ideen basiert Nudging-Politik. "Die Entscheidungen, die Menschen für sich selber treffen, lassen sich durchaus zutreffend als Fehlentscheidungen bezeichnen", schreibt Kahneman. Der Mensch lasse sich so verstehen, als würden zwei unterschiedliche kognitive Systeme seine Entscheidungen steuern. System 1 ist unser Autopilot: das impulsive, emotionale, spontane Selbst. Es arbeitet schnell und intuitiv. System 2 ist das abwägende, planerische, kontrollierende Ich. Es erfordert Konzentration und braucht Zeit.

Der Nudging-Guru und Harvard-Professor Cass Sunstein vergleicht System 1 mit Pippi Langstrumpf und System 2 mit Mr. Spock, dem Ersten Offizier des Raumschiffs Enterprise. Pippi Langstrumpf folgt ihrem Bauchgefühl. Mr. Spock denkt logisch, Gefühle sind ihm ein Rätsel. Pippi Langstrumpf und Mr. Spock sind gleichzeitig aktiv und arbeiten meistens gut zusammen, aber manchmal ist Pippi Langstrumpf einfach zu schnell für Mr. Spock. Selbsttäuschung und Denkfehler sind die Folge.

So schätzen wir kurzfristigen Nutzen höher ein als langfristigen, etwa wenn wir einen günstigen Kühlschrank kaufen, obwohl dieser wegen seines hohen Stromverbrauchs auf Dauer teurer ist. Wir sind träge und machen gerne das, was im System schon voreingestellt ist, zum Beispiel keine Riester-Rente abschließen oder in der Krankenkasse unserer Eltern bleiben. Wir sind überoptimistisch und verdrängen unbequeme Wahrheiten, wie Studien mit Rauchern zeigen. Außerdem hängen unsere Entscheidungen davon ob, wie die Fakten präsentiert werden, Psychologen sprechen vom Framing (englisch für "einrahmen"): Wenn der Arzt sagt, dass fünf Jahre nach einer bestimmten Operation 90 von 100 Personen noch leben, entscheiden sich mehr Patienten für diese Operation, als wenn er sagt, dass 10 von 100 tot sein werden.

Nudging-Politik erkennt diese Schwächen – und nutzt sie aus, so wie die Marketingleute der Industrie, nun aber im Auftrag des Staates und mit dem Anspruch, Gutes zu bewirken. Cass Sunstein testete seine Ideen unter der Obama-Regierung: Vier Jahre lang leitete er das Office of Information and Regulatory Affairs, das die Kosten und den Nutzen von Gesetzesentwürfen abwägt. Er ist überzeugt: Nudging wirkt in vielen Fällen besser als ein neues Gesetz.

Die Ikone der Nudging-Bewegung ist die Fliege im Männerpissoir: 1999 kam ein Manager am Flughafen Schiphol in Amsterdam auf die Idee, in den Keramik-Urinalen der Herrentoilette eine Fliege über dem Abfluss abzubilden. Die Pippi Langstrumpf im Mann macht beim Pinkeln gerne Zielschießen, das war das Kalkül. Die Verschmutzung auf dem Boden sei anschließend um 80 Prozent gesunken, berichten Cass Sunstein und Richard Thaler in ihrem Buch Nudge, der "Bibel der Verhaltensökonomik" (Kahneman). Das ist zwar übertrieben. Er könne sich jedenfalls an keine derartige Untersuchung erinnern, stellte der Schiphol-Manager später klar. Dass die Reinigungszeit um ein paar Prozent sinke, schließt er aber nicht aus. Heute zeigen Männerpissoirs alle möglichen Zielobjekte, in einer amerikanische Hochschule sogar das Logo der Konkurrenz-Universität.

Die Anekdote mit der Fliege ist auf den Konferenzen der Verhaltensforscher immer für ein paar Lacher gut. Die Wissenschaftler werden dafür aber auch belächelt. Können die Nudger noch mehr, als Männer besser pinkeln zu lassen?

Sie können. Zahlreiche Anstups-Ideen haben inzwischen den Praxistest bestanden. Am Flughafen Kopenhagen ersetzten Karsten Schmidt und sein Chef Pelle Hansen die Rauchen-verboten-Schilder durch Rauchen-erlaubt-Zonen. Pippi Langstrumpf mag Gebote lieber als Verbote. Die Zahl der Falschraucher, die vor den Eingängen ihre Kippen verstreuten, sank um 50 Prozent.

In den USA verschickte ein Energieversorger an 40.000 Haushalte eine monatliche Energiebilanz, die den Stromverbrauch im Vergleich zu den effizientesten Nachbarn bezifferte, zusammen mit Energiespartipps und Smileys für sparsame Kunden. Pippi Langstrumpf misst sich gerne mit anderen. Der Stromverbrauch sank während des einjährigen Tests um zwei Prozent gegenüber der Vergleichsgruppe. "Das hatte einen größeren Effekt als signifikante Preissteigerungen", schwärmte Cass Sunstein im vergangenen Jahr auf einer Veranstaltung mit dem damaligen Umweltminister und heutigen Kanzleramtschef Peter Altmaier.

In Großbritannien verschickten Steuerbehörden auf Initiative der nudge unit Mahnbriefe mit der Bemerkung: "Neun von zehn Briten zahlen ihre Steuern pünktlich, und in Ihrer Nachbarschaft haben die meisten schon bezahlt." Die Formulierung zielt auf den Drang, soziale Normen zu befolgen. Drei Monate später hatten 83 Prozent der Empfänger ihre Steuern gezahlt. In der Vergleichsgruppe waren es nur 68 Prozent. In einem weiteren Experiment sollten britische Hausbesitzer motiviert werden, ihr Haus zu isolieren. Trotz Subventionen machten das nur wenige. Die Forscher standen vor einem Rätsel – bis sie feststellten, dass die Bürger davor zurückschreckten, ihren Dachboden für die Handwerker aufzuräumen. Als das Angebot zur Hausdämmung mit einem Entrümpelungsservice verbunden wurde, verdreifachte sich die Nachfrage.

Ein besonders beliebtes Werkzeug der Nudging-Politik sind Default-Regeln, also Voreinstellungen. Die Rutgers University verbrauchte in drei Jahren 55 Millionen Blatt weniger Papier, nachdem sie alle Drucker auf beidseitig drucken umgestellt hatte. Oder bei Organspenden: In Österreich liege die Spenderrate bei fast 100 Prozent, schreibt Daniel Kahneman, in Deutschland bei 12 Prozent. Der Grund: In Österreich ist jeder ein potenzieller Organspender, wenn er nicht aktiv widersprochen hat. In Deutschland ist niemand ein potenzieller Organspender, wenn er sich nicht aktiv darum kümmert. Diesmal ist nicht Pippi Langstrumpf schuld, sondern, so Kahneman, "die Faulheit von System 2".

Kahnemans Buch hat 600 Seiten, Hans Jørgen Hansen ist noch nicht ganz durch. Ist der Plastikbecher für den Kaffee auch ein Experiment? Nein, sagt Hansen, "wir wollen einfach Geld sparen".

Es ist erstaunlich, wie heftig die Nudging-Politik von unterschiedlichen Seiten kritisiert wird. Amerikanische Konservative lästern ebenso wie der Spiegel über den Nanny-Staat (nanny ist englisch für "Kindermädchen"). Die FAZ fürchtet einen Anschlag auf die Freiheit: "Schubsen ist Manipulation, Manipulation Bevormundung und Bevormundung entwürdigend." Der Internetphilosoph Evgeny Morozov vergleicht Nudging-Methoden mit den Spitzeleien der NSA. "Bürger werden zu Informationsmaschinen degradiert, die den techno-bürokratischen Komplex mit ihren Daten füttern."

Steht jetzt die Demokratie auf dem Spiel, nur weil das Finanzamt seine Mahnungen anders formuliert?

Der politische Widerstand hat den Vormarsch der Nudger nicht gebremst. Gefährlicher könnte ihnen die Kritik aus der Wissenschaft werden, weil diese die Annahmen des Konzepts infrage stellt. Das Hauptquartier der Gegner liegt im Max-Planck-Institut für Bildungsforschung (MPI) in Berlin-Dahlem. Von hier bis zum Kanzleramt sind es nur zehn Kilometer, aber zwischen dem Politikverständnis von Angela Merkels neuen "Psycho-Trainern" (Bild) und dem der Dahlemer Wissenschaftler liegen Welten.

MPI-Chef Gerd Gigerenzer erforscht, wie Menschen Entscheidungen treffen, und hat sich als Widersacher von Kahneman einen Namen gemacht. Vor Kurzem war er bei der britischen nudge unit zu Besuch, nun sitzt er in seinem Büro zwischen Büchern und Fachzeitschriften und schimpft. Nudging sei "die Philosophie von Gutmenschen, die mit den Mitteln der Werbung operieren". Man versuche die Menschen von außen zu steuern, ohne ihre Kompetenz zu erhöhen. "Wir kennen das aus der DDR: Man schiebt die Bürger von der Wiege bis zur Bahre." Der Nudging-Staat sei "eine Expertendemokratie, wo man annimmt, dass Experten wissen, was für Sie und mich richtig ist".

Hinter diesen Attacken steckt ein Streit um Forschungsprogramme und das damit verbundene Menschenbild. Die Kahneman-Fraktion geht davon aus, dass System 1 Denkfehler macht, die in unserer Natur liegen und sich nicht vermeiden lassen. Böse gesagt: "Die Leute sind zu dumm, die richtige Entscheidung zu treffen", so formuliert es MPI-Co-Direktor Ralph Hertwig. Er und Gigerenzer hingegen glauben, dass man trainieren kann, weniger Denkfehler zu machen. In einem Pilotprojekt haben sie Viertklässlern Wahrscheinlichkeitsrechnung beigebracht. Die Schüler konnten Aufgaben lösen, an denen Ärzte in der Bewertung von Risiken regelmäßig scheitern. Schulen sollten Risikokompetenz statt Geometrie unterrichten, fordert Gigerenzer.