Auch heute sind Millionen Menschen auf der Flucht und müssen entscheiden, was sie mitnehmen. Sie wissen: Der Rest – Familie, Land, Besitz – wird anderen in die Hände fallen oder sogar sterben: Im Bannkreis um den havarierten Atomreaktor Fukushima wurden rund 500.000 Tiere zurückgelassen. Die meisten Kühe, Schweine und Hühner sind verhungert oder verdurstet. Die Überlebenden der Übriggebliebenen: Katzen. Viele Bewohner dachten, sie würden zurückkehren. Deswegen blieben viele Hunde angeleint und hatten kaum eine Chance. Der Fotograf Brian Sokol hat Flüchtlinge aus Syrien und dem Sudan nach ihrem wertvollsten Besitz gefragt. Sie zeigten ihm: eine Axt, um Holz zu hacken, ein Diplom, zwei Plastikflaschen (eine für Wasser, eine für Öl), einen Affen, ein Handy, den Koran. Werkzeuge für die Gegenwart, Erinnerung an die eigene Herkunft. In der deutschen Nachkriegszeit gab es in vielen Wohnungen "Heimatecken" mit Dingen, die ihre Bedeutung aus dem Verlust bezogen – und die den Blick zurück prägten. Dinge sind die Möbel unserer inneren Vergangenheitsräume, in denen wir in der Zeit zurückreisen können. Wir wählen im Augenblick des Verlassens eines Ortes die Erinnerung, die wir uns in der Zukunft wünschen.

Was zurückbleibt, existiert, unseren Blicken entzogen, ohne uns weiter. Das Haus, in dem wir aufgewachsen sind. Die Eltern. Das alte Schulgebäude, weißt du noch? Der Bruder, daheim in Afrika. Als die napoleonischen Truppen aus Deutschland abzogen, blieb etwas zurück, das niemand sehen kann, das aber bis heute geblieben ist: französische Wörter. Fisimatenten zum Beispiel, Trottoir oder Buddel (bouteille). Das Polnische trägt heute deutsche Begriffe wie Dryl, Esesman oder Feldmarszałek mit sich herum, dem Russischen verblieben блицкриг (Blitzkrieg), унтерофицер (Unteroffizier) oder остарбайтер (Ostarbeiter).

Wir wissen um unsere eigene Vergänglichkeit. Auch deswegen ritzen einige ihre Initialen in Bäume, manche sprühen Graffiti an Hauswände, andere blitzen mit ihrem Handy Konzertbühnen an. Wir schaffen Beweise. Etwas soll vor uns selbst (und vor anderen) Zeugnis darüber ablegen, dass wir vor Ort waren. Die modernste Form der Beweissicherung ist die Fotografie, und es wird immer mehr fotografiert, weil es digital so billig ist. Tausende machen gerade ein Selfie – etwas soll von dem schnell Verwehten übrig bleiben. Immer öfter wird heute fotografiert, statt im Moment zu sein, um sich später sagen zu können, dass alles wirklich wahr und da war. Das Bild ist etwas zum Mitnehmen, während Tausende in diesem Moment einen Coffee-to-go-Becher wegwerfen, der von ihnen übrig bleiben wird. Als Zeichen, dass sie da gewesen sind, aber nur kurz, an einem Durchgangsort. Weil sie immer auf Achse sind, nicht verweilend, urban. Was von uns an Orten übrig bleibt, sagt nicht nur etwas über uns aus, sondern auch über die Zeit, in der wir leben.

... wenn wir einen Menschen verlassen

Es gibt in Deutschland ein bekanntes Schild. Darauf steht: "Wir bitten Sie, diesen Ort so zu verlassen, wie Sie ihn vorgefunden haben". Gilt das auch für Menschen? Kann man einen Freund oder Partner verlassen, wie man ihn angetroffen hat? Nein. Bereits beim ersten Kuss gelangen Spuren von uns in den anderen. Ein inniger Kuss bedeutet im Durchschnitt den Austausch von 61 Milligramm Wasser, 0,7 Milligramm Eiweiß, 0,45 Milligramm Salz und 0,76 Milligramm Fett. Dazu kommen 80 Millionen Bakterien und Keime. Je öfter wir beisammen sind oder miteinander schlafen, desto mehr absorbieren wir den anderen und werden eins. Es bildet sich ein gemeinsamer Bakterienpool, das Immunsystem stellt sich auf den Partner ein, er geht uns wortwörtlich unter die Haut. Und unser Gehirn – ein Meister des "ich" – entwickelt über die Jahre ein "wir". Wir lernen, die Welt mit den Augen des anderen zu sehen, übernehmen seine Angewohnheiten oder ihren Humor, tauschen Ideen aus. Die Nervenbahnen zweier Gehirne verdrahten sich – und es bildet sich etwas, was Wissenschaftler "transaktives Gedächtnis" nennen. Wir lagern Wissen in den anderen aus: Ich weiß nicht, wo die Kerzen sind, aber ich weiß, dass mein Partner das weiß. Ich denke nicht an den Geburtstag, sie macht das. Wir werden zu einem Zweiwesen.

Was also geschieht, wenn Menschen verlassen werden? Sie verlieren buchstäblich ihren Kopf. Sie sitzen nun da mit einem Humor, der nicht der ihre ist, mit Ritualen, die kein Gegenüber mehr haben, mit Gehirnstrukturen, die sie früher nicht hatten – und die sich über Monate oder Jahre hinweg nicht neu verdrahten werden. Ein sinn- und glückstiftendes System ist zusammengekracht. Wo früher die Grenzen immer mehr schwanden, sind sie mit einem Mal unüberwindbar. Die Verlassenen fühlen einen Schmerz, der im Gehirn an derselben Stelle entfacht wird, die für körperlichen Schmerz zuständig ist. Sie empfinden die geistige wie eine physische Wunde, eine Wurzelbehandlung am "ich". Sie haben einen Teil von sich verloren, "ihre bessere Hälfte", was bleibt, ist: Leere. Ihr Belohnungssystem im Gehirn bekommt nicht mehr, was es gewohnt ist, ihr tief erschüttertes Selbstkonzept sehnt sich nach dem "wir" wie ein Drogensüchtiger. Sie sind auf Entzug, und der einzige Dealer will nichts mehr von ihnen wissen.

Bei Trennungen reagieren Frauen nicht anders als Männer – sie trauern, verlieren ihren Antrieb, werden manchmal depressiv. Sind sie allerdings diejenigen, die Schluss gemacht haben, kommt noch etwas hinzu, das bei Männern weniger auftritt: Schuldgefühle, die mit der Person nichts zu tun haben. Viele Frauen fühlen sich, als hätten sie eine soziale Norm verletzt und moralisch verwerflich gehandelt – weil sie die gesellschaftlich zugeschriebene Rolle der Frau als Hüterin der Familie nicht erfüllt haben. Das führt in der ersten Zeit nach der Trennung zu Scham. Zu Schuld. Zum Eindruck, versagt zu haben. Und damit zu einer noch größeren Entfremdung von sich selbst. Hätte ich das tun sollen? Durfte ich das? Hätte ich die Beziehung nicht retten können? Viele Frauen bleiben bei ungeliebten Partnern, weil ihre angenommene Rolle stärker ist als sie.

Kommt es zur Trennung, sind Erinnerungen das Einzige, was uns bleibt. Sie sind gespeichert in uns selbst oder in sentimental besetzten Gegenständen, ähnlich denen, die uns von verlassenen Orten bleiben – nur dass diese Überbleibsel uns nun traurig anblicken: die Eintrittskarte zu dem Konzert. Unser Lieblingsbuch. Der Stein vom Wandern in den Bergen, weißt du noch? Es kommt keine Antwort mehr. Während emotional aufwühlender Situationen sind auch unsere liebsten geistigen Erinnerungen entstanden. Das Gehirn speichert Begebenheiten, die mit Gefühlen in Verbindung stehen, eher und länger als neutrale Geschehnisse. Wie wundervoll es sich angefühlt hat, als er im Regen seine Jacke um mich gelegt hat. Ihr Lächeln, als wir getanzt haben, wie nah wir uns waren. Vorbei.