Anfang März, wenn draußen die Krokusse blühen, wird es bunt in der Pariser Grande Halle de la Villette. Weit über hundert Künstler zeigen ihre Kreationen und lassen sich bei der Arbeit zusehen. Sie erschaffen Adler und Engel, indische Gottheiten und Fantasy-Monster, Ornamente und Kalligrafien. Ihre Leinwand ist der Mensch. Parallel zur Mondial du Tatouage adelt eine Ausstellung ihre Zunft. Längst arbeiten die Tätowierer nicht mehr nur im Souterrain, sie sind in der Beletage angekommen.

Früher dokumentierten Tattoos die Zugehörigkeit zu speziellen Gruppen. Häftlinge, Zuhälter, hartgesottene Seeleute ließen sich tätowieren. Heute lassen sich Männer und Frauen aus allen Schichten Bilder in die Haut stechen. Meist sind sie auf der Suche nach Schönheit – und stolz auf die Werke, die ihren Körper zieren.

Schönheit bietet eine natürliche Überlegenheit. Das stellte bereits der griechische Philosoph Platon fest. Zwar ist dabei die Ausstrahlung mindestens so wichtig wie die naturgegebenen Voraussetzungen – eine glückliche Seele strahlt und nimmt andere für sich ein –, doch gerade das könnte dazu führen, dass Tattoos ihren Zweck erfüllen. "Die Leute fühlen sich mit Tätowierungen attraktiver", sagt Erich Kasten, der Psychologie an der Hamburger University of Applied Sciences lehrt und zu Body Modifications forscht. Insofern kann ein Tattoo die Seele stärken. Und noch etwas stabilisiert womöglich die Psyche: Dass sie die Angst vor der schmerzhaften Prozedur überwunden haben, festigt bei vielen Menschen das Selbstwertgefühl. Aglaja Stirn von der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel hat in einer Studie festgestellt, dass sich Körperschmuckträger häufig für besonders stark halten. Zudem glaubten sie häufiger als andere, dass man mit ihrer Arbeit zufrieden sei. Wer sich ein Motiv in die Haut stechen lässt, verleiht seinem Körper eine individuelle Note. Wer hingegen statt ins Tattoo-Studio zum plastischen Chirurgen geht, möchte sein Äußeres den gängigen Vorstellungen von Attraktivität anpassen. Gemeinsam ist beiden, dass sie auf der Suche nach dem, was sie für schön halten, ihren Körper verändern und Schmerzen in Kauf nehmen. Und dass sie damit ihrer Psyche womöglich Gutes tun. Eine Studie von Jürgen Margraf, Professor an der Ruhr-Universität Bochum, hat die psychologischen Effekte von Schönheitsoperationen untersucht: Auch ein Jahr nach der OP zeigten die Patienten mehr Lebensfreude, Zufriedenheit und Selbstwert als die Vergleichsgruppe, die sich gegen einen Eingriff entschieden hatte.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Wissen 1/2015, das online oder am Kiosk erhältlich ist.

Manchmal allerdings nimmt die Seele Schaden, wenn wir unseren Körper verändern. Das gute Gefühl, das die vermeintlich gewonnene Attraktivität bewirkt, kann süchtig machen. Prominente wie Donatella Versace wurden zur Karikatur. Und aus manch kleinem Tattoo entsteht im Lauf der Jahre eine Ganzkörper-Illustration, deren Wirkung fatal sein kann. Erich Kasten kennt einen ehemaligen Schausteller, dem das jede Chance auf einen anderen Job geraubt und eine Depression beschert hat. Selbst kleine Tattoos lassen sich oft nicht mehr entfernen, wenn man sich eines Tages für sie schämt und sie plötzlich das Selbstwertgefühl untergraben.

Zudem stehen dem seelischen Gewinn medizinische Risiken gegenüber. "Auch wenn der Laser die Tattoos unsichtbar machen kann, bleiben die zerkleinerten Farbpartikel im Körper", sagt Kasten. "Wir wissen nicht, ob sich die toxischen Substanzen dann in der Leber oder den Lymphknoten ablagern." Und wir wissen auch nicht, wie Freunde und Fremde auf ein Tattoo reagieren. Welche Blicke ernten wir für Anker, Flammengötter und Schlümpfe? Das ist unberechenbar.