Es ist der 13. November 1938, als im verschneiten Russland ein Mann aus Liebe vom Himmel fällt. Ohne Erlaubnis und auf eigene Faust hat Brian Grover an diesem Tag die russische Grenze überflogen, in einem kleinen Flugzeug, verborgen über den Wolken. Der britische Ingenieur will nur eines: seine Frau Jelena wiedersehen, eine Russin. Auf legalem Weg lässt man ihn nicht ins Land. Beziehungen zwischen Russen und Westlern sind unerwünscht, Stalins Leute sind unerbittlich. Fünf Jahre sind die Liebenden schon getrennt, es ist Zeit für eine Verzweiflungstat. Doch als Grover 100 Meilen vor Moskau der Treibstoff ausgeht und die Maschine zu Boden trudelt, sieht es schlecht aus.

Wie groß muss die Anziehungskraft zwischen zwei Menschen sein, dass sie bereit sind, alles füreinander aufs Spiel zu setzen? Wohl nur die Liebe vermag uns so den Kopf verlieren zu lassen. Es sind Geschichten wie die von Brian Grover, die den Mythos der Liebe als einer magischen Kraft nähren. Als ein Naturgesetz: "Liebe ist die Anziehungskraft des Geistes, wie die Schwerkraft die Anziehungskraft der Körper ist", schrieb Valentin-Marie Breton. Falling in love sagt man im Englischen, tomber amoureux im Französischen. Wer sich verliebt, fällt.

Nur ist die Anziehungskraft zwischen den Menschen, im Gegensatz zur Schwerkraft, nicht für alle gleich. Jede folgt ihren eigenen Gesetzen. Damit wollen sich die Menschen aber offenbar nicht abfinden: Sie wollen die Kraft verstehen, die sie so in ihren Bann zieht. Was geschieht mit uns, wenn wir lieben? Warum passiert es mit diesem Menschen und nicht mit einem anderen? Kann man diesen Zustand beeinflussen oder gar herbeiführen? Diverse Forschungsdisziplinen rücken der Liebe zu Leibe, mit Kernspintomograf und Maßband, mit Evolutions-, Entscheidungs- und Bindungstheorie. Was den Philosophen einst als Wahnsinn galt, wird heute vermessen und zerlegt, in Botenstoffe und neuronale Schaltkreise. Zentimeter für Zentimeter dringen Forscher in die magische Sphäre ein und nehmen der Liebe ihr Geheimnis. Bleibt da noch Raum für Romantik?

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Wissen 1/2015, das online oder am Kiosk erhältlich ist.

Wir begehren, um uns fortzupflanzen, suchen Partner, deren Äußeres auf gute Gene schließen lässt, und wir lieben sie für eine Weile, um den Nachwuchs gemeinsam aufzuziehen. So lautet eine gängige Geschichte, die Wissenschaftler über die Liebe erzählen. William Somerset Maugham war Schriftsteller, aber er hat es auch nicht gerade romantisch auf den Punkt gebracht: Liebe sei "nur ein schmutziger Trick der Natur, um das Fortbestehen der Menschheit zu garantieren".

Man muss nicht erst an Brian Grover denken, der sein eigenes Fortbestehen aus Liebe riskierte, um zu ahnen, dass dies nicht die ganze Geschichte sein kann. "Menschen sind eine viel interessantere Spezies, als die evolutionären Psychologen es uns glauben machen wollen", schreibt der Philosoph Richard David Precht in seinem Buch Liebe. Ein unordentliches Gefühl. Fortpflanzung brauche zwar Sex, argumentiert er, aber nicht unbedingt geschlechtliche Liebe. Diese hält Precht – und halten auch manche Wissenschaftler – eher für ein Nebenprodukt der Mutter-Kind-Liebe. Und deshalb folge sie nicht immer der Logik optimaler Fortpflanzung.

Genetisch betrachtet ist die Sache klar: Menschen fühlen sich zu attraktiven Artgenossen hingezogen. Wer wollte das bestreiten? Schon kleine Kinder bevorzugen Puppen mit hübschen Gesichtern. Was attraktiv bedeutet, ist genauestens dokumentiert: Frauen sind besonders begehrenswert, wenn sie große Augen, kleine Nasen, hohe Wangenknochen und ein Taille-Hüfte-Verhältnis von 0,7 haben. Bei Männern wirken weit auseinanderliegende Augen, ein starkes Kinn, ein breites Lächeln und ein Taille-Hüfte-Verhältnis von 0,9 anziehend. Für beide Geschlechter gilt: je symmetrischer Körper und Gesicht, desto besser. All das verspricht gute Gene und somit gesunde Nachkommen – die Liebe aber erklärt es nicht. Wir lieben eben nicht nur schöne, symmetrische Menschen. Auch nicht nur fruchtbare, gesunde. Manchmal sind es gerade vermeintliche Makel, die anbetungswürdig erscheinen. Die Liebe stehe der genetisch optimalen Partnerwahl oft sogar im Wege, schreibt Precht. Männer lieben auch Männer und Frauen andere Frauen. Junge verfallen Alten und die Schönen auch den Hässlichen. Nicht einmal das Begehren braucht perfekte Maße: "Da schaute er sie an und sah sie nackt bis zur Taille, so, wie er sie sich vorgestellt hatte. Sie hatte faltige Schultern, Hängebrüste, und die Rippenpartie war von einer fahlen und kalten Haut wie bei einem Frosch überzogen." So beschreibt Gabriel García Márquez jenen lang ersehnten Moment, in dem Florentino Ariza seine angebetete Fermina Daza das erste Mal nackt sieht. Mehr als 51 Jahre hat er auf sie warten müssen, die Körper sind welk geworden, die Leidenschaft aber lodert. Das ist die Liebe: Die Liebe in den Zeiten der Cholera.