OPTIMIST

Zu den weithin ignorierten medizinischen Erkenntnissen gehört, dass der biologische Alterungsprozess der höchste Risikofaktor für lebensgefährliche Krankheiten wie Arteriosklerose, Krebs, Demenz oder Diabetes ist. Altersforscher folgern daraus, dass wir versuchen sollten, das biologische Altern zu verzögern, statt eine Krankheit nach der anderen zu behandeln. Nehmen wir Herzkrankheiten als Beispiel: Während ein hoher Cholesterinspiegel das Risiko für einen Herzinfarkt etwa verdreifacht, ist das Infarktrisiko durch Alterungsprozesse viel höher. Doch während wir Patienten nach einem Infarkt mit cholesterinsenkenden Wirkstoffen behandeln, ändern wir am Hauptrisikofaktor, dem Alterungsprozess, gar nichts. Was passiert also mit den Patienten? Wenn sie nicht an einer Herzkrankheit sterben, entwickeln sie vielleicht andere Alterskrankheiten wie Krebs oder Alzheimer. Das alles spricht für den Versuch, das Altern zu verlangsamen.

Jüngste Erkenntnisse zeigen, dass dies möglich sein könnte. Eine Auswahl aktueller Forschungsergebnisse: 1. Bestimmte Genmutationen verlängern die Lebensspanne und verzögern altersbedingte Krankheiten. Auf diese Gene könnten Therapien zielen. Eine Änderung an den Rezeptoren für Wachstumshormone verlängert beispielsweise die Lebensspanne von Mäusen und hemmt bei Menschen die Krebsentstehung. 2. Bei Menschen, die älter als 100 werden – diese Eigenschaft ist teilweise vererbt –, setzen altersbedingte Krankheiten oft später ein. 3. Eine sehr stark reduzierte Kalorienaufnahme verlängert die Lebensspanne und verzögert das Eintreten chronischer Krankheiten im Tierversuch. 4. Wirkstoffe wie Metformin, Acarbose und Rapamycin verlängern die Lebensspanne und verzögern das Auftreten von Krebs und Demenz bei Mäusen.

Daraus erwächst die Hoffnung, dass die Medizin altersbedingte Krankheiten als Ganzes bekämpfen kann, indem sie die Basisprozesse des Alterns behandelt. Diese Wissenschaft beruht nicht auf Spekulationen, sondern auf einem breiten Fundament wissenschaftlicher Evidenz. Warum tut sich trotzdem so wenig? Ganz einfach: Solange wir den Alterungsprozess nicht als Zustand ansehen, dem man vorbeugen oder den man behandeln kann, wird die Therapie nicht vom jeweiligen Gesundheitssystem erstattet. Das verhindert, dass sich die Pharmaindustrie dafür interessiert. Es ist Zeit, umzudenken und altersbedingte Krankheiten gemeinsam hinauszuzögern – und nicht eine nach der anderen.

Nir Barzilai

PESSIMIST

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT WISSEN 2/2015, das online oder am Kiosk erhältlich ist.

"Mein sind die Jahre nicht, / die mir die Zeit genommen; / mein sind die Jahre nicht, / die etwa mögen kommen. / Der Augenblick ist mein, / und nehm ich den in Acht, / so ist der mein, / der Jahr und Ewigkeit gemacht." Mit seinem Gedicht Betrachtung der Zeit spricht Andreas Gryphius im 17. Jahrhundert ein Thema an, dem auch heute große Bedeutung zukommt: Es geht darum, bis ins hohe Alter offen zu sein für Neues, schöpferische Kräfte in sich wahrzunehmen, das Leben bewusst und selbstverantwortlich zu gestalten und an sozialer wie auch an kultureller Entwicklung teilzuhaben. So lässt sich die Zeile "Der Augenblick ist mein" deuten.

Dieses Leitbild eines gelingenden Lebens im Alter ist an Voraussetzungen geknüpft: an ökonomische Ressourcen und intakte soziale Netzwerke, an körperliche und psychische Gesundheit. Zudem ist eine Kultur notwendig, die die Kräfte und Stärken des Alters auch als Potenzial für das Gemeinwohl begreift. Und schließlich ist wichtig, dass Verletzlichkeit und Endlichkeit des Menschen nicht geleugnet werden – was durch die Vorstellung einer stetig zunehmenden Lebenserwartung oft geschieht. Das bedeutet, dass wir die Steigerung der Lebenserwartung nicht als das letzte Ziel begreifen sollten. Das hohe Alter in seinen Entwicklungspotenzialen und seiner Verletzlichkeit muss mit einer Ethik einhergehen, die als höchstes Gut ein schöpferisches, persönliches sinnerfülltes Leben begreift und zugleich die kollektive wie auch die individuelle Verantwortung für ein solches Leben hervorhebt.

Gesellschaft und Kultur dürfen den Blick auf das Alter nicht auf körperliche Prozesse verengen, um dem Leitbild des forever young zu folgen. Das Ziel, die Lebenserwartung durch medizinischen Fortschritt immer weiter zu erhöhen, kann nur überzeugen, wenn wir die gewonnenen Jahre mit Leben füllen und wenn die "dienende" Funktion von Medizin und Pflege auch nicht vor schwer kranken und sterbenden Menschen haltmacht. Diese sind besonders auf eine umfassende, die Menschenwürde respektierende Therapie und Pflege angewiesen. Auch die weitere Erhöhung der Lebenserwartung kann nicht verhindern, dass wir irgendwann sehr lebensnah mit unserer eigenen Verletzlichkeit und Endlichkeit konfrontiert sein werden. Sind wir darauf ausreichend vorbereitet? Können wir unser Leben auch in diesen Grenzsituationen bewusst gestalten? Hier ist ein umfassender gesellschaftlicher Diskurs notwendig, bevor Medikamente für Gesunde freigegeben werden, die den Alterungsprozess verlangsamen sollen.

Andreas Kruse