Die Nacht

Die Nacht ist ein Schatten, der uns gefangen nimmt. Wenn unser Teil der Erde sich in deren Kernschatten hineindreht, bricht die Dunkelheit über uns herein. Früher waren die Menschen buchstäblich eingesperrt: Im Mittelalter verhängten Städte nächtliche Ausgangssperren, noch bis ins 19. Jahrhundert ließen Kommunen Stadttore und Häuser verriegeln. Wenn es dunkel wird, überkommt die Menschen seit je ein Unbehagen, sei es die Angst vor Geistern, vor wilden Tieren, vor Mord und Totschlag, vor der Einsamkeit oder den eigenen Dämonen. "Die" Nacht ist unheimlich: "Wie alles Weibliche birgt sie Ruhe und Schrecken zugleich", schreibt der Historiker Wolfgang Schivelbusch.

Die Nacht ist aber auch ein Schatten, der uns befreit – von den Regeln des Tages, den Blicken der anderen, den Gesetzen der Realität. Die Nacht kennt keine Verpflichtungen; alles scheint möglich, ob wir schlafen oder wach sind. Im Universum der Träume können wir fliegen oder unter Wasser atmen, wir können die Toten wiedersehen und uns in Menschen verlieben, die nie gelebt haben. Über den sonderbaren Zustand der Träumenden sinnierte Charles Dickens bei einem Spaziergang durch das nächtliche London. "Sind die Gesunden und die Geisteskranken nicht ebenbürtig?", fragte er sich, vor einer Nervenheilanstalt stehend, "sind wir nicht in jeder Nacht unseres Lebens mehr oder weniger in derselben Verfassung wie jene dort drinnen?"

Selbst den Wachenden erscheint nachts möglich, was sie am Tag kaum wagen oder vollbringen würden: Unsere Vorstellungskraft wächst, wir denken kreativer und handeln verwegener. Aus braven Beamten werden Künstler, Abenteurer und Liebhaber, aus jungen Männern Kämpfer in virtuellen Welten. Die Nacht bringt Entscheidungen, sie gebiert Koalitionsverträge und Hausarbeiten, Liebesgedichte und Abschiedsbriefe. Im Krankenhaus müssen Patienten "die Nacht überstehen": Wenn es hell wird, beginnt die Hoffnung wieder zu leuchten, dass es weitergehen wird. Irgendwie.

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT WISSEN 2/2015, das online oder am Kiosk erhältlich ist.

Die Nacht ist ein Schatten, der schwindet. Spätestens seit Erfindung des künstlichen Lichts kann der Mensch die Nacht zum Tag machen. "Jeder Tag hat seine Plage, und die Nacht hat ihre Lust", schrieb Goethe; heute ist die Grenze gefallen: Im Schein der Lampen und Computerbildschirme können wir weiter lesen und lieben, einkaufen, schuften und grübeln, tanzen und trinken. Der Tag muss nie mehr enden. Unser Planet leuchtet heute so hell wie nie zuvor. Die Lichtmenge, die er in die Nacht ausstrahlt, verdoppelt sich alle elf Jahre. Zwei Drittel der Europäer und Amerikaner erleben gar keine echte Nacht mehr, ihnen ist die Dunkelheit abhandengekommen. All die Laternen und Lampen, die den Menschen eigentlich Sicherheit bringen sollen, werden zur Bedrohung. Zu viel Licht in der Nacht stört den natürlichen Rhythmus von Organismen. Die "Lichtverschmutzung" mache Menschen und Tiere krank, warnen Mediziner.

Wir drängen die Nacht zurück, dabei können wir ohne sie nicht leben. Zeit, mehr über jene Phase zu erfahren, in der wir uns am Ende eines jeden Tages aufs Neue verlieren – um zu dem zu werden, was wir sind.

Das Alphabet der Nacht von Z wie Zubettgehen bis A wie Aufstehen

Zubettgehen. Übergang in das Reich der Nacht, eingeleitet durch einen steigenden Spiegel des Hormons Melatonin, das den Körper am Abend allmählich auf den Schlaf vorbereitet. Körperkerntemperatur, Blutdruck und Muskelspannung sinken, ebenso wie die geistige Aufmerksamkeit. Wann dieser Prozess einsetzt, schwankt von Mensch zu Mensch, im Extremfall um bis zu sechs Stunden. Auch das Sonnenlicht hat Einfluss darauf: Der Chronobiologe Till Roenneberg fand heraus, dass die Bewohner ganz im Osten Deutschlands sich im Schnitt 34 Minuten früher schlafen legen als die Bewohner im äußersten Westen – wenn sie frei entscheiden können, wann sie zu Bett gehen (zum Beispiel, weil sie am nächsten Tag ausschlafen dürfen). Das Verhalten deckt sich mit dem Verlauf der Sonne, die am östlichsten Punkt des Landes 36 Minuten früher untergeht als am westlichsten.

Y wie Yakamoz bis P wie Pavor nocturnus

Yakamoz. Poetischer Begriff aus dem Türkischen für "die Spiegelung des Mondes im Wasser". Wurde 2007 zum schönsten Wort der Welt gewählt; beliebter Name für Imbisse mit Neonbeleuchtung.

Xenon. Über der schwarzen Pyramide des Luxor-Kasinos in Las Vegas erzeugen 39 metergroße Xenonlampen nachts den stärksten Lichtstrahl der Welt – so hell wie 40 Milliarden Kerzen, oder: so hell, dass ihn Piloten sehen können, die auf dem Flughafen von Los Angeles landen. Mit Licht zu protzen ist nicht neu: Der französische König Louis XIV. ließ Versailles im Jahr 1688 mit 24.000 Kerzen illuminieren.

Wachen. Schlafloser, oft quälender Zustand bei Nacht. Menschen kämpfen seit je dagegen an, mit Melisse, Baldrian und Hopfenzapfen sowie Opium und Alkohol. Der hilft zwar beim Einschlafen, stört aber in der zweiten Nachthälfte den Schlaf und unterdrückt die REM-Phasen. 24 Stunden ohne Schlaf verlangsamen die Reaktionszeit eines Menschen ebenso sehr wie ein Promille Alkohol in seinem Blut. Akuter Schlafmangel kann redselig machen und manchmal regelrecht euphorisch: Für Depressive kann das Wachbleiben daher ein Segen sein. Schlafentzug wird bei ihnen mitunter als begleitende Therapie eingesetzt, da er schon kurzfristig die Stimmung aufhellt und schneller wirkt als Antidepressiva.

Vollmond. Wer den Mond bewohnt, ist strittig: Ein Mann, werden die meisten hierzulande sagen, sein Gesicht ist in Vollmondnächten ja gut zu sehen – ein Phänomen, das als Pareidolie bezeichnet wird. Japaner und Chinesen sehen einen Mondhasen, Westafrikaner wiederum haben dort oben ein Krokodil ausgemacht, und von Südafrika aus betrachtet, scheint eine Frau Brennholz umherzuschleppen. Überall, heißt es, mache der Mond die Menschen verrückt und auch die Tiere, die in Vollmondnächten angeblich häufiger beißen. Auch sollen bei Vollmond mehr Kinder zur Welt kommen, zugleich gingen Operationen häufiger schief. Klingt unheimlich, ist aber nicht wahr. Zumindest haben Wissenschaftler keine eindeutigen Belege für solche Effekte gefunden. Auch dass der Vollmond den Schlaf stört, galt lange als Mythos. Als der Schweizer Chronobiologe Christian Cajochen allerdings kürzlich Daten aus seinem Schlaflabor analysierte und mit dem Mondkalender abglich, stieß er auf einen Zusammenhang: In Vollmondnächten hatten die Probanden tatsächlich schlechter geschlafen – und das, obwohl es keine Fenster gab, durch die sie den Mond hätten sehen können. Der Einfluss ist jedoch allenfalls gering, die Studie umstritten.

Ulenflucht. Bezeichnung für eine Luke im Dach, durch die Eulen fliegen können; poetischer Begriff für "Dämmerung", ähnlich Schlummerstunde, Abendgrauen. Noch im 17. Jahrhundert senkten sich laut Volksglauben bei Einbruch der Nacht giftige Dämpfe vom Himmel herab. Heute werden drei Dämmerungsphasen unterschieden: die "zivile" beziehungsweise "bürgerliche" (Autos fahren mit Licht), die "nautische" (Navigieren mit Sternen möglich) und die "astronomische" (schwächere Sterne erkennbar). Meteorologischer Name der mit 1.670 Stundenkilometern über die Erde rasenden Tag-Nacht-Grenze: Terminator.

Tapetum lucium (lat., "leuchtender Teppich"). Schicht in den Augen nachtaktiver Tiere wie Katzen, die einfallendes Licht so reflektiert, dass es zwei Mal auf die Netzhaut trifft. 30 Prozent der Wirbeltiere und 60 Prozent der Wirbellosen sind Nachttiere. Auch manche Pflanzen machen die Nacht zum Tag: Die Bulbophyllum nocturnum ist die Einzige von 25.000 Orchideenarten, die nur nachts blüht. Sie wurde erst 2011 entdeckt.

Schlafgänger. Nachtarbeiter zu Beginn des 20. Jahrhunderts, die sich tagsüber für wenig Geld ein Bett mieteten, in dem nachts ein anderer schlief; eine gängige Praxis in Arbeiterquartieren. Mit der Industrialisierung verdichteten sich die Schlafenszeiten: War es jahrhundertelang normal, zu Beginn der Dunkelheit ins Bett zu gehen und in Abschnitten zu schlafen, schlief man nun später und am Stück.

REM-Schlaf.  Phase intensiven Träumens, die sich mehrfach in der Nacht wiederholt und sich mit Tiefschlafphasen abwechselt. Typisches Anzeichen ist die schnelle Bewegung der geschlossenen Augen (REM steht für Rapid Eye Movement). Während dieser Phase sind Regionen des Gehirns aktiviert, die starke Gefühle vermitteln. Die Botenstoffe Serotonin und Noradrenalin werden vermindert ausgeschüttet, sodass logisches Denken schwerfällt und Gefühle wie Angst oder Wut die Überhand gewinnen. Die Muskeln sind gelähmt, sodass sich die Schlafenden trotz der aufwühlenden Träume nicht bewegen. Zu Beginn der Nacht dauern die REM-Phasen nur 20 bis 25 Minuten, mit fortschreitender Nacht halten sie immer länger an – das ist der Grund dafür, dass Menschen besonders in den Morgenstunden intensiv träumen. Forscher können die REM-Phase bei Hirnstrommessungen anhand plötzlicher Ausschläge der Wellen erkennen.

Quelle der Jugend. Schlafen ist ein sehr wirksames Verjüngungsmittel. Organe und Muskeln sowie die Haut, das Blut- und Immunsystem bilden im Schlaf neue Zellen. Zugleich sortiert der Körper alte Zellen aus. Bei Menschen mit Schlafmangel fanden Forscher dagegen Stoffe im Blut, die auf ein Absterben von Nervenzellen hindeuten. Wer zu wenig schläft, altert schneller und senkt seine Lebenserwartung.

Pavor nocturnus. Jedes fünfte Kind hat ihn schon erlebt: den "Nachtschreck", der Betroffene meist im ersten Drittel der Nacht aus dem Tiefschlaf reißt. Sie schrecken schreiend oder wimmernd hoch, die Augen weit geöffnet. Danach sind sie oft desorientiert. In den meisten Fällen besteht kein Grund zur Beunruhigung, die Anfälle nehmen mit der Zeit ab.

O wie Ordnungsbeleuchtung bis J wie Jetlag

Ordnungsbeleuchtung. Im Mittelalter gilt in Städten eine Sperrstunde nach Verlöschen der heimischen Feuer (das englische Wort curfew leitet sich vom französischen couvre-feu ab). Eisenketten sperren die ungepflasterten Straßen ab, brave Bürger liegen im Bett. Bis Anfang des 17. Jahrhunderts besteht die Straßenbeleuchtung lediglich aus dem Licht, das aus den Fenstern fällt. Die Nacht gehört dem Verbrechen, englische Diebe nennen eine ihnen vielversprechend erscheinende dunkle Nacht "a good darky". Wer Geld hat, lässt sich von Laternenträgern "heimleuchten". Im 18. Jahrhundert beleuchten – beginnend mit den mondlosen Winternächten – Öl-, Waltran- und später Gaslaternen die Städte. Sie werden schnell zum Symbol für die Obrigkeit, für Kontrolle und Restriktion. Die Londoner Times verkündet 1807: "Außer der Sicherung der Seeherrschaft ist für das britische Reich nichts so wichtig" wie die Beleuchtung der Städte. In Paris wird für Laternen zeitweise 15 Prozent des Polizeietats aufgewandt. Eine Rebellion kann es also nur geben, wenn die Laternen verlöscht sind. Gavroche, der Feind der Laternen heißt deshalb ein Kapitel in Victor Hugos Les Misérables – ein Straßenjunge zerschmeißt darin die Laternen und schafft so die Dunkelheit, in der der Aufstand gedeihen kann. Heute gibt es hierzulande rund neun Millionen Straßenlaternen.

Noctivagator (lat., "Nachtwanderer"). Die Nacht ist für Regierende und die Kirche jahrhundertelang nur Ruhezeit zwischen produktiven Tagen. Wer sich im Dunklen herumtreibt, kann nichts taugen, im Mittelalter werden Landstreicher in Paris abends zu Pärchen zusammengebunden. Erst mit dem 17. Jahrhundert bezeichnet "Nachtschwärmer" mehr als eine Schmetterlingsart: Zunehmende Beleuchtung und schwindender Glaube an Übersinnliches nimmt der Nacht ihren Schrecken. Im Barock wird nächtliche Aktivität zum Abgrenzungsmerkmal höherer Schichten gegenüber einfacheren Leuten, die Soirée schafft Distanz zum Feierabend. Das 18. Jahrhundert macht die Nacht zum Wirtschaftsraum zwischen Fabrikarbeit und Nachtleben. Bram Stoker verhandelt 1897 den Rückzugskampf der Nacht metaphorisch in Dracula: "Die Stunden des Tages und der Nacht sind gleichermaßen unser", sagt Van Helsing darin, "und wir haben die Freiheit, sie zu nutzen." Es ist die Nacht, in der Drogen in Hauseingängen den Besitzer wechseln, in der die Rotlichtviertel zum Leben erwachen, fremde Körper einander finden – es heißt One-Night-Stand und nicht One-Day-Stand.

Menschen bei Nacht (Rainer Maria Rilke, 1906). Die Nächte sind nicht für die Menge gemacht. Von deinem Nachbar trennt dich die Nacht, und du sollst ihn nicht suchen trotzdem. Und machst du nachts deine Stube licht, um Menschen zu schauen ins Angesicht, so musst du bedenken: wem. Die Menschen sind furchtbar vom Licht entstellt, das von ihren Gesichtern träuft, und haben sie nachts sich zusammengesellt, so schaust du eine wankende Welt durcheinandergehäuft. Auf ihren Stirnen hat gelber Schein alle Gedanken verdrängt, in ihren Blicken flackert der Wein, an ihren Händen hängt die schwere Gebärde, mit der sie sich bei ihren Gesprächen verstehn; und dabei sagen sie: Ich und Ich und meinen: Irgendwen.

Langes Licht. Bezeichnung für Lampen, die bis spät in die Nacht beziehungsweise die Nacht über brennen; Quelle für Lichtverschmutzung. Beispiele sind Straßenbeleuchtung, Parkplätze, Nachtlampen in Geschäften. Heute ist es nachts in Berlin zehn Mal heller als vor 150 Jahren, durch die Reflektion sind bewölkte Nächte sogar heller als wolkenlose. Zwei Drittel aller Amerikaner und Europäer leben an Orten, die nachts keine echte Dunkelheit mehr zulassen. 44 Prozent der unter 30-jährigen Deutschen haben noch nie die Milchstraße gesehen, das ergab eine Umfrage – von 2002. Die Rund-um-die-Uhr-Gesellschaft schadet nicht nur Insekten und Vögeln, sondern auch dem Menschen.

Kreaturen. Die Nacht ist voller Grauen und Grusel. Für die alten Griechen ist Nyx die Göttin der "alles unterwerfenden Nacht". "Böse Geister mögen den Geruch von Lampen nicht", sagt Platon. Die Römer hatten Angst vor der Nachthexe Strix. Und in der Bibel spricht Gott: "Es werde Licht! Und es ward Licht. Und Gott sah, dass das Licht gut war." Jesus wird in der Nacht verraten, nach der Kreuzigung "herrschte eine Finsternis im ganzen Land". Die Nacht ist bevölkert mit Dämonen, Geistern, dem Sandmann. Der wurde bereits in der Frühen Neuzeit benutzt, um Kindern Angst zu machen. "Sie haben uns derart mit Schreckgespenstern, Hexen, Unholden vollgestopft", schreibt ein Zeitzeuge, "dass wir Angst vor unserem eigenen Schatten haben." Heute sind die nächtlichen Fabelwesen als Teil des Fantasygenres kommerzialisiert.

Jetlag. Nicht nur Reisen über Zeitzonen bringen den Körper aus dem Takt, auch gesellschaftliche Zwänge stören seinen Rhythmus. In der westlichen Welt leiden bis zu 80 Prozent der Menschen unter dem "sozialen Jetlag", oft infolge ungünstiger Arbeits- und Schulzeiten. Viele müssen früher aufstehen, als es ihrem Chronotyp entspricht. Betroffene haben Schlafmangel und rauchen statistisch gesehen besonders häufig. Stark betroffen sind Jugendliche: Wenn morgens die Schule beginnt, herrscht in ihren Körpern oft noch Nacht. Ein weiteres Problem: In den Industriestaaten sind fast 20 Prozent aller Erwerbstätigen nachts beschäftigt.

I wie Innenzeit bis A wie Aufstehen

Innenzeit. Individueller biologischer Rhythmus des Körpers, gesteuert von der inneren Uhr. Diese sitzt zwei Zentimeter hinter der Nasenwurzel, im vorderen Hypothalamus. Zwei reiskorngroße Nervenzellhaufen steuern von dort aus unter anderem, wann wir müde oder munter werden. Nach der Innenzeit richten sich alle Abläufe im Körper, aber auch kognitive Leistungsfähigkeit und Stimmung. Zwischen 4 und 5 Uhr morgens sind Menschen am unglücklichsten, unabhängig davon, ob sie ausgeschlafen sind oder nicht. Licht beeinflusst die Innenzeit, sowohl natürliches als auch künstliches: Neuere Studien zeigen, dass Tablets, Laptops und Handys Menschen am Einschlafen hindern können. Die blauen Wellenlängen der Displaybeleuchtung unterdrücken die Melatoninausschüttung und halten uns wach. "Licht bei Nacht ist vollkommen unnatürlich, dem Menschen ursächlich fremd und deshalb eine starke Belastung", sagt Steven Lockley von der Harvard Medical School, "unser Gehirn glaubt dann, es sei Tag, weil es im Laufe seiner Evolution nie mit hellem Licht in der Nacht konfrontiert war."

Himmelszelt, auch Firmament (lat. firmamentum, "Befestigungsmittel", an dem Sonne, Mond und Sterne angeheftet sind); die Erde umfassender Raum, der die Menschen von höheren Mächten trennt. Am Nachthimmel sichtbare Sternenkonstellationen wurden bereits zu prähistorischer Zeit zu Figuren zusammengefasst. Die ersten heute noch bekannten Sternbilder beschrieben Ägypter und Babylonier, die antiken Griechen fügten weitere hinzu. Bis zum 17. Jahrhundert wurden weitere Konstellationen benannt, zum Beispiel "Giraffe" und "Einhorn". Um 1750 fügte der französische Astronom Nicolas Louis de Lacaille am nicht kartografierten südlichen Himmel unter anderem die Bilder "Chemischer Ofen" und "Luftpumpe" hinzu. Heute legt die 1919 gegründete Internationale Astronomische Union die Sternbilder verbindlich fest. Offiziell gibt es 88 Konstellationen, darunter "Mikroskop", "Pendeluhr" und "Teleskop". Nicht mehr in Gebrauch sind "Heißluftballon" und "Elektrogenerator". Viele verloren Anfang des 20. Jahrhunderts ihren Status als Sternbilder.

Gesetze. Viele Jahrhunderte lang war klar: Nachts gibt es kein Recht, da sind die Gerichte und Kirchen geschlossen. Bereits das Zwölftafelgesetz, die Rechtsgrundlage des antiken Roms, wies Richter an, "nach Sonnenuntergang" keine Urteile zu fällen. Noch im späten Mittelalter sind nachts geschlossene Verträge oder Bündnisse ungültig oder können angezweifelt werden. Vor Gericht werden nächtliche Gesetzesverstöße schwerer bestraft – nur eine Tat wird milder beurteilt: das Erschlagen eines Eindringlings bei Nacht. Heute gilt in Deutschland: Von 22 bis 6 Uhr ist Nachtruhe. Einige Wildarten dürfen nicht gejagt werden. Ein generelles Nachtflugverbot existiert nicht, aber regionale Nachtfahrverbote für Lkws und Güterzüge. Wer mehr als zwei Stunden zwischen 23 und 6 Uhr arbeitet, leistet Nachtarbeit. Das Nachtbackverbot galt von 1915 bis 1996.

Freiheit. Bei Dunkelheit oder gedämpftem Licht überwinden Menschen leichter mentale Grenzen: Wir denken globaler und kreativer, achten weniger auf soziale Regeln und verhalten uns riskanter. Konkret wirkt sich diese Enthemmung unterschiedlich aus: In manchen psychologischen Studien wurden die Versuchspersonen bei schlechter Beleuchtung zutraulicher, gaben mehr persönliche Informationen über sich preis und umarmten fremde Menschen eher. In anderen Experimenten begannen die Probanden dagegen zu betrügen, offenbar weil sie sich in der Anonymität der Dunkelheit wähnten. Allein der Gedanke an die Nacht fördert kreatives Denken: In einem Experiment der Stuttgarter Psychologin Anna Steidle zeichneten Probanden besonders ausgefallene Bilder von außerirdischen Wesen, wenn sie bei schlechter Beleuchtung arbeiteten oder zuvor an Dunkelheit gedacht hatten. Und bloße Worte wie "Nacht" oder "schwarz" versetzten sie mental in die Lage, sich kreativere Verwendungsmöglichkeiten für einen Stein auszudenken.

Eule. Raubvogel der Nacht, der dank seines daunenreichen Gefieders lautlos fliegen kann. Eulen gelten seit je als Symbol der Weisheit, in Gruppen bilden sie sogar ein "Parlament". Die Bibel dagegen beschreibt sie als unreine Wesen des Bösen. Und im alten Rom soll der Schrei einer Eule den Tod eines Menschen angekündigt haben, die Ermordung Cäsars etwa. Ihren Körperteilen und Organen wurden trotzdem heilende Wirkungen nachgesagt: Rohe Euleneier empfahl man einst zur Ausnüchterung Betrunkener, gekochtes Eulenfett zur Wundheilung, gestampften Eulenmagen gegen Koliken und die Asche eines Eulenbalgs zur Behandlung von Wahnsinn.

Dunkelreaktion, auch Calvin-Zyklus: wird in der Nacht durchlaufen von allen Lebewesen, die Fotosynthese betreiben. Durch sie wird Kohlenstoffdioxid zu Glucose und Wasser reduziert.

Chrrr. Im Schlaf erschlaffen die Muskeln und das Gewebe im Rachenraum, weshalb viele Menschen schnarchen. Dabei erzeugen sie Atemgeräusche von bis zu 90 Dezibel, was dem Lärmausstoß eines fahrenden Lastwagens entspricht. Angetrunken schnarchen Menschen einer Studie zufolge fast drei Mal häufiger als nüchtern. Auch Übergewicht trägt dazu bei, weil sich Körperfett in Rachen und Hals ablagert und dort den Raum zum Atmen verengt. Abhilfe gegen das Schnarchen soll ein Training der Gaumen- und Zungenmuskulatur schaffen. Einer Studie im angesehenen British Medical Journal zufolge kann es helfen, das Blasinstrument Didgeridoo zu spielen. Ohrenstöpsel werden erstmals bei Odysseus erwähnt, sie dienten da jedoch vornehmlich zum Schutz der Schiffsbesatzung vor dem Gesang der Sirenen.

Bett. 23 Jahre ihres Lebens verbringen die Deutschen durchschnittlich mit Schlafen, die meisten davon im Bett. Dieses ist aber weit mehr als eine Ruhestätte, seine Pfosten sind auch die Pfeiler unserer Existenz: Im Bett werden wir geboren, und oft sterben wir auch darin. Goethe und Mark Twain schrieben ihre Werke teils im Bett, Henri Matisse entwarf dort seine Bilder. Alexander der Große hielt auf Feldzügen im Bett Kriegsrat ab, und mehrere französische Könige riefen im "lit de justice" sogar Kabinettssitzungen ein.

Aufstehen. In der zweiten Nachthälfte nimmt der Cortisolspiegel im Blut zu, erst langsam, gegen Morgen schubartig. Puls und Blutdruck steigen rapide an, die Leber stellt Energie bereit, die Muskeln werden stärker durchblutet. Das Risiko von Herzinfarkten wächst und ist zwischen 9 und 11 Uhr am höchsten. Das Gehirn braucht Zeit, um volle Funktionsfähigkeit zu erreichen. Kurz nach dem Aufwachen ist der Mensch mental weniger leistungsfähig als nach 24 schlaflosen Stunden. Weil das Langzeitgedächtnis im Schlaf eingeschränkt ist, sind am Morgen meist alle Träume vergessen – es sei denn, man erwacht direkt aus einem Traum oder kurz danach. Früher konnten sich die Menschen häufiger an ihre Träume erinnern, weil sie nachts kaum durchschliefen, sondern in Etappen ruhten. Der Körper, mit dem wir morgens aus dem Bett steigen, ist ein anderer als der, den wir am Abend hineingelegt haben: Er hat nicht nur unzählige Zellen erneuert, einen halben Liter Flüssigkeit ausgeschwitzt – er ist bis zu drei Zentimeter größer, weil die Bandscheiben, die am Tag zusammengedrückt worden sind, über Nacht wieder an Volumen gewonnen haben. Wir sind morgens also am größten!

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