Ordnungsbeleuchtung. Im Mittelalter gilt in Städten eine Sperrstunde nach Verlöschen der heimischen Feuer (das englische Wort curfew leitet sich vom französischen couvre-feu ab). Eisenketten sperren die ungepflasterten Straßen ab, brave Bürger liegen im Bett. Bis Anfang des 17. Jahrhunderts besteht die Straßenbeleuchtung lediglich aus dem Licht, das aus den Fenstern fällt. Die Nacht gehört dem Verbrechen, englische Diebe nennen eine ihnen vielversprechend erscheinende dunkle Nacht "a good darky". Wer Geld hat, lässt sich von Laternenträgern "heimleuchten". Im 18. Jahrhundert beleuchten – beginnend mit den mondlosen Winternächten – Öl-, Waltran- und später Gaslaternen die Städte. Sie werden schnell zum Symbol für die Obrigkeit, für Kontrolle und Restriktion. Die Londoner Times verkündet 1807: "Außer der Sicherung der Seeherrschaft ist für das britische Reich nichts so wichtig" wie die Beleuchtung der Städte. In Paris wird für Laternen zeitweise 15 Prozent des Polizeietats aufgewandt. Eine Rebellion kann es also nur geben, wenn die Laternen verlöscht sind. Gavroche, der Feind der Laternen heißt deshalb ein Kapitel in Victor Hugos Les Misérables – ein Straßenjunge zerschmeißt darin die Laternen und schafft so die Dunkelheit, in der der Aufstand gedeihen kann. Heute gibt es hierzulande rund neun Millionen Straßenlaternen.

Noctivagator (lat., "Nachtwanderer"). Die Nacht ist für Regierende und die Kirche jahrhundertelang nur Ruhezeit zwischen produktiven Tagen. Wer sich im Dunklen herumtreibt, kann nichts taugen, im Mittelalter werden Landstreicher in Paris abends zu Pärchen zusammengebunden. Erst mit dem 17. Jahrhundert bezeichnet "Nachtschwärmer" mehr als eine Schmetterlingsart: Zunehmende Beleuchtung und schwindender Glaube an Übersinnliches nimmt der Nacht ihren Schrecken. Im Barock wird nächtliche Aktivität zum Abgrenzungsmerkmal höherer Schichten gegenüber einfacheren Leuten, die Soirée schafft Distanz zum Feierabend. Das 18. Jahrhundert macht die Nacht zum Wirtschaftsraum zwischen Fabrikarbeit und Nachtleben. Bram Stoker verhandelt 1897 den Rückzugskampf der Nacht metaphorisch in Dracula: "Die Stunden des Tages und der Nacht sind gleichermaßen unser", sagt Van Helsing darin, "und wir haben die Freiheit, sie zu nutzen." Es ist die Nacht, in der Drogen in Hauseingängen den Besitzer wechseln, in der die Rotlichtviertel zum Leben erwachen, fremde Körper einander finden – es heißt One-Night-Stand und nicht One-Day-Stand.

Menschen bei Nacht (Rainer Maria Rilke, 1906). Die Nächte sind nicht für die Menge gemacht. Von deinem Nachbar trennt dich die Nacht, und du sollst ihn nicht suchen trotzdem. Und machst du nachts deine Stube licht, um Menschen zu schauen ins Angesicht, so musst du bedenken: wem. Die Menschen sind furchtbar vom Licht entstellt, das von ihren Gesichtern träuft, und haben sie nachts sich zusammengesellt, so schaust du eine wankende Welt durcheinandergehäuft. Auf ihren Stirnen hat gelber Schein alle Gedanken verdrängt, in ihren Blicken flackert der Wein, an ihren Händen hängt die schwere Gebärde, mit der sie sich bei ihren Gesprächen verstehn; und dabei sagen sie: Ich und Ich und meinen: Irgendwen.

Langes Licht. Bezeichnung für Lampen, die bis spät in die Nacht beziehungsweise die Nacht über brennen; Quelle für Lichtverschmutzung. Beispiele sind Straßenbeleuchtung, Parkplätze, Nachtlampen in Geschäften. Heute ist es nachts in Berlin zehn Mal heller als vor 150 Jahren, durch die Reflektion sind bewölkte Nächte sogar heller als wolkenlose. Zwei Drittel aller Amerikaner und Europäer leben an Orten, die nachts keine echte Dunkelheit mehr zulassen. 44 Prozent der unter 30-jährigen Deutschen haben noch nie die Milchstraße gesehen, das ergab eine Umfrage – von 2002. Die Rund-um-die-Uhr-Gesellschaft schadet nicht nur Insekten und Vögeln, sondern auch dem Menschen.

Kreaturen. Die Nacht ist voller Grauen und Grusel. Für die alten Griechen ist Nyx die Göttin der "alles unterwerfenden Nacht". "Böse Geister mögen den Geruch von Lampen nicht", sagt Platon. Die Römer hatten Angst vor der Nachthexe Strix. Und in der Bibel spricht Gott: "Es werde Licht! Und es ward Licht. Und Gott sah, dass das Licht gut war." Jesus wird in der Nacht verraten, nach der Kreuzigung "herrschte eine Finsternis im ganzen Land". Die Nacht ist bevölkert mit Dämonen, Geistern, dem Sandmann. Der wurde bereits in der Frühen Neuzeit benutzt, um Kindern Angst zu machen. "Sie haben uns derart mit Schreckgespenstern, Hexen, Unholden vollgestopft", schreibt ein Zeitzeuge, "dass wir Angst vor unserem eigenen Schatten haben." Heute sind die nächtlichen Fabelwesen als Teil des Fantasygenres kommerzialisiert.

Jetlag. Nicht nur Reisen über Zeitzonen bringen den Körper aus dem Takt, auch gesellschaftliche Zwänge stören seinen Rhythmus. In der westlichen Welt leiden bis zu 80 Prozent der Menschen unter dem "sozialen Jetlag", oft infolge ungünstiger Arbeits- und Schulzeiten. Viele müssen früher aufstehen, als es ihrem Chronotyp entspricht. Betroffene haben Schlafmangel und rauchen statistisch gesehen besonders häufig. Stark betroffen sind Jugendliche: Wenn morgens die Schule beginnt, herrscht in ihren Körpern oft noch Nacht. Ein weiteres Problem: In den Industriestaaten sind fast 20 Prozent aller Erwerbstätigen nachts beschäftigt.