Wir mögen sie nicht, die Überflieger. Menschen, denen alles gelingt, sind uns suspekt. Wir wollen David triumphieren sehen, nicht Goliath. Nach dem siebten Tor im WM-Spiel gegen Brasilien konnten wir selbst unsere eigene Nationalmannschaft nicht mehr so richtig leiden. Woher rührt dieses intuitive Ressentiment gegen Dauergewinner? Macht der Erfolg sie arrogant und egozentrisch? Oder sind wir bloß neidisch?

Beides stimmt ein bisschen. Wer seinen Mitmenschen überlegen ist, macht sie auf ihre Unterlegenheit und ihre Unzulänglichkeiten aufmerksam. "Siegertypen machen uns Angst, weil sie unser Selbstbewusstsein untergraben", sagt der Sportpsychologe Jürgen Beckmann von der TU München. Um das zu verhindern, versuchen wir, sie abzuwerten, etwa indem wir sie überheblich schimpfen oder ihnen einen "verdorbenen Charakter" unterstellen. Ganz abwegig sind solche Vorwürfe aber trotzdem nicht. Anhaltender Erfolg kann Menschen durchaus verändern: Er stärkt das Selbstvertrauen, kann aber auch im Größenwahn enden. "Wenn das Selbstbewusstsein ins Unermessliche steigt, wird es bedenklich. Die Person nimmt ihre Stärke dann nicht mehr als selektive Überlegenheit in einem Bereich, sondern als generelle Überlegenheit wahr", sagt Beckmann.

Ob Erfolg zu echten Charakterschwächen führen kann, ist dagegen schwer zu sagen – schon allein weil eine allgemeingültige Definition eines guten Charakters nicht existiert. Messen lassen sich höchstens die sozialen Kompetenzen wie etwa Empathie, also die Fähigkeit, sich in andere Menschen hineinzuversetzen und ihre Gefühle zu berücksichtigen. Welchen Einfluss Siege auf das Empathievermögen haben, wurde bislang kaum erforscht. Recht gut belegt ist aber die psychologische Wirkung von Macht und Überlegenheit – Gefühlen, die sowohl durch sportliche als auch berufliche Triumphe hervorgerufen werden können. Wer sich mächtig fühlt, begegnet anderen mit größerer emotionaler Distanz und weniger Empathie. Das haben Adam Galinsky und andere Hirnforscher in verschiedenen Studien nachgewiesen. Experimente des Sozialpsychologen Paul Piff legen sogar nahe, dass Macht dazu verleitet, Unterlegene unhöflicher, mit weniger Mitgefühl und mitunter geradezu boshaft zu behandeln. Probanden, denen die Forscher eine fiktive Machtposition zugewiesen hatten, verhielten sich egoistischer und geiziger. Piffs Begründung: Um erfolgreich zu sein und ein Ziel zu erreichen, sei es nötig, eigene Interessen über das Wohl anderer zu stellen.

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT WISSEN 2/2015, das online oder am Kiosk erhältlich ist.

So verhält es sich auch im Sport: Boxer, Fechter und Rennfahrer müssen im Wettkampf egoistisch handeln, um zu gewinnen. "Das bedeutet aber nicht, dass sie generell egoistischer sind als andere. Privat habe ich viele von ihnen als sehr rücksichtsvoll und selbstlos erlebt", sagt der Sportpsychologe Dieter Hackfort, der schon mehrere Spitzensportler betreut hat. In der Tat ist der Mensch dazu fähig, in unterschiedlichen Lebensbereichen verschiedene (und sogar widersprüchliche) Erwartungen zu erfüllen: Wer im Boxring als rücksichtsloser Einzelkämpfer auftritt, kann im Kreis der Familie weiterhin ein liebevoller Ehemann und Vater sein.

Das ständige Umschalten erfordert jedoch Selbstreflexion und Anstrengung. Problematisch wird es, wenn die Grenzen zwischen den Rollen der anderen verwischen – wenn sich etwa der Freundeskreis in eine Fangemeinde verwandelt. "Wer von allen hofiert wird, verliert leicht den Bezug zur Realität", sagt Jürgen Beckmann. Wer kein stabiles soziales Umfeld hat, hebt leichter ab. Deshalb brauchen nicht nur Verlierer starke Freunde – für Sieger sind sie vielleicht noch wichtiger.

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