Man würde dem klügsten Computer der Welt gerne selbst ein paar Fragen stellen. Aber das mögen seine Erfinder nicht. Journalisten könnten dann schreiben, die Maschine sei gar nicht klug, bloß weil sie Fragen wie "Bist Du glücklich?" nicht sinnvoll beantworten kann. Deshalb trifft man in der Hamburger Filiale des Computerkonzerns IBM erst mal einen klugen Menschen: Dirk Michelsen hat in Teilchenphysik promoviert und will an diesem Tag vorführen, wie das Computersystem Watson die Welt verändern wird. Dafür schlüpft er in die Rolle eines Versicherungsangestellten.

Flexrate heißt sein ausgedachter Arbeitgeber, eine Autoversicherung, und Michelsen tut so, als melde sich am Telefon jetzt ein Kunde. "Brandon Hatcher" tippt er in seinen Laptop, so heiße der Kunde. Und der stelle nun ein paar Fragen, die Michelsen nicht beantworten kann. Darum ist er über das Internet mit Watson verbunden, benannt nach IBM-Konzerngründer Thomas Watson. Der Computer versteht Englisch, kennt Millionen Seiten Versicherungspolicen auswendig, schläft nie und ernährt sich nur von Strom. Außerdem kennt er sich nicht nur mit Versicherungen aus, sondern auch mit Krebsmedizin, Autos, Geldanlagen, Immobilien, Kochrezepten und vielem mehr. In den USA wurde Watson berühmt, als er 2011 gegen zwei menschliche Champions die Quizshow Jeopardy! gewann, eine anspruchsvolle Variante von Wer wird Millionär?.

"Wie kann ich Dir helfen?", chattet Watson nun.

Gibt es Angebote für Studenten?, möchte Brandon Hatcher wissen, es geht um seinen Sohn. Dirk Michelsen tippt die Frage ein.

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT WISSEN 2/2015, das online oder am Kiosk erhältlich ist.

Watson antwortet: "Gute Studentenrabatte für Autofahrer, die zurzeit an einer Hochschule eingeschrieben sind und nachweisen können, dass sie gute Leistungen bringen. Wir gehen davon aus, dass sie verantwortungsvoller sind als der Durchschnitt."

Welche Altersgrenzen gelten dafür?

Watson: "Die Fahrer müssen zwischen 16 und 25 Jahre alt sein."

Welche Dokumente muss man vorzeigen?

Watson: "Ich bin nicht sicher, ob ich die richtige Antwort habe, aber hier ist, was ich denke ..."

Hat da gerade ein Computer "ich denke" geschrieben? So wie in "Ich denke, also bin ich"? Sicher, so etwas kann man einprogrammieren. Es ist aber auch ein Symbol: Seit Jahrzehnten versuchen Informatiker, intelligente Computer zu bauen, oft enttäuschten die Maschinen die Erwartungen. Nun sind die künstlichen Intelligenzen (KI) wirklich alltagstauglich. 2011 war Watson noch so groß wie ein Wohnzimmer, heute passt er in eine Stereoanlage, morgen könnte jeder über das Smartphone mit ihm verbunden sein.

Wenn nicht alles täuscht, werden Computer wie Watson die Welt verändern, so wie Google, Soziale Netzwerke und Smartphones. Cognitive Computing heißt der Trend. In Softwarefirmen tüfteln Tausende von Programmierern in diesen Wochen an sogenannten Cogs. Ähnlich wie Apps werden uns Cogs mit der digitalen Welt verbinden. So wie eine Wetter-App die Prognosen eines Großrechners anzapft, sind Cogs die Schnittstelle zu Rechnern wie Watson. Der Unterschied: Kognitive Computer verstehen Sprache und saugen Wissen auf wie neugierige Kinder, sie lassen sich weiterbilden, bis sie mehr wissen als Fachleute. Die Ära der smarten Maschinen werde den größten Umbruch in der Geschichte der Informationstechnologie auslösen, glaubt das amerikanische Marktforschungsunternehmen Gartner.

In der Hamburger IBM-Zentrale gibt Dirk Michelsen seinem Versicherungs-Watson ein positives Feedback und beendet den Chat. Er sagt: "Ein Callcenter-Mitarbeiter kann mithilfe von Watson auch zu Themen kompetent antworten, von denen er relativ wenig Ahnung hat." Und das ist nur der Anfang. Gut möglich, dass wir demnächst beim Arzt sitzen oder bei der Bank anrufen, und im Hintergrund führt eine Software Regie – oder beantwortet unsere Fragen gleich selbst. Außerdem werden wir die künstlichen Intelligenzen bald selbst anzapfen können.

"Potentiell gefährlicher als die Atombombe"

Im Memorial Sloan Kettering Cancer Center, einer weltweit führenden Krebsklinik in New York, trainieren Onkologen einen Arzt-Watson darin, die wirksamste Therapie für Patienten herauszufinden. In Australien nutzt die Bankengruppe ANZ einen Finanz-Watson für die Anlage- und Rentenberatung. Dirk Michelsens Job ist es, Watson nach Deutschland zu bringen, in die Versicherungsbranche, in Krankenhäuser, Universitäten, Versandhäuser, die Autoindustrie.

Noch versteht Watson kein Deutsch, er soll zunächst Spanisch lernen. Aber schon jetzt interessieren sich große Unternehmen und Kliniken hierzulande für die Technologie. IBM darf ihre Namen nicht nennen, die Kunden wollen das nicht. Vielleicht fürchten sie nicht nur die Konkurrenz, sondern auch unbequeme Fragen: Wie sehr können wir uns auf die smarten Maschinen verlassen? Welche Fehler machen sie, und wer haftet, wenn Watson eine schlechte Geldanlage oder eine falsche Therapie empfiehlt? Welche Jobs sind durch die Cogs bedroht? Und werden sie eines Tages womöglich ethische Entscheidungen treffen? IBM versucht alles, um seine smarten Maschinen als harmlose Diener erscheinen zu lassen. Man muss aber kein Apokalyptiker sein, um sich vor dieser Zukunft auch zu gruseln.

Vor ein paar Monaten stellte IBM einen "Debattier-Watson" vor, trainiert auf das Abwägen von Argumenten. Auf die Frage, ob man Gewaltspiele für Minderjährige verbieten solle, durchforstete Watson Millionen Wikipedia-Artikel und präsentierte nach wenigen Sekunden jeweils drei Argumente für und gegen ein solches Verbot. Es wäre ein Leichtes, die Aussagen durch einen Algorithmus gewichten zu lassen und eine Empfehlung auszusprechen. Wird Watson eines Tages Ethikräte ersetzen oder als autonomer Drohnenpilot mutmaßliche Terroristen erschießen?

Da ist noch eine andere Sache, ein Unbehagen, wenn man die Entwicklung aus der Vogelperspektive betrachtet: Kognitive Computer könnten ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Superintelligenz sein. So nennen Futuristen jene Maschinen, die den Menschen eines Tages an Intelligenz überflügeln könnten. Denn warum sollte der Fortschritt haltmachen, wenn Maschinen das Niveau menschlicher Intelligenz erreicht haben, fragt der britische Philosoph Nick Bostrom in seinem aktuellen Buch Superintelligenz. Die Reise geht weiter. "Bereits der nächste Halt danach, nur eine kurze Strecke entfernt, heißt übermenschliche maschinelle Intelligenz. Der Zug wird in Menschendorf nicht anhalten oder auch nur abbremsen, sondern wahrscheinlich einfach durchrasen."

"Die Künstliche Intelligenz ist potenziell gefährlicher als die Atombombe", twitterte der Entrepreneur Elon Musk, Gründer von PayPal, nachdem er Bostroms Buch gelesen hatte. Der Philosoph David Chalmers überlegt, wie Menschen sich in einer von künstlicher Intelligenz beherrschten Welt behaupten können – bis hin zum Upload des Gehirns in die Computerwelt. Der gelähmte Physiker Stephen Hawking erklärte, intelligente Maschinen, die sich selbst immer schneller verbessern, könnten das Ende der Menschheit bedeuten. Ironischerweise nutzte er für diese Warnung seinen brandneuen Sprachcomputer.

Hawking, Bostrom, Musk und Dutzende andere Forscher und Unternehmer appellierten Mitte Januar in einem offenen Brief an den Rest der Welt, die künstliche Intelligenz möge bitte schön nur für gute Zwecke verwendet werden. Auch zahlreiche Watson-Forscher und Google-Mitarbeiter unterzeichneten. "Unsere KI-Systeme müssen uns gehorchen", fordern sie. Sollten Computer eines Tages Humor haben, werden sie den Brief aus den Archiven holen, sich gegenseitig vorlesen und köstlich darüber amüsieren.

Noch haben wir einen Vorteil, sagt Nick Bostrom: "Wir sind diejenigen, die das Ding bauen." Nur: Wer sind "wir"? Und haben "wir bei IBM" dieselben Interessen wie "wir Menschen"?

Einer der Watson-Schöpfer empfängt Journalisten und andere Gäste an einem Mittwoch im Dezember in New York. Am Astor Place im East Village hat die Watson-Abteilung von IBM ein futuristisches Hochhaus bezogen. Eine Milliarde Dollar hat das Unternehmen in die neue Einheit investiert, 100 Millionen davon sollen an Start-ups vergeben werden, um Cogs zu entwickeln. Es ist eine Wette auf die Zukunft. Die fünfte Etage, in blaues Licht getaucht, hat die Aura einer Raumstation. An diesem Abend soll Watson kochen.

Der Supercomputer hat 9.000 Rezepte des Kochmagazins Bon Appétit analysiert und nach Zusammenhängen zwischen typischen Zutaten, Gewürzen und dem Ursprung der Gerichte gefahndet. Und dann Menüs kreiert. Nun servieren Hostessen Quiche mit Zitronengras und Spargel sowie Knödel mit Lamm und Garnelen, inspiriert von Watson, zubereitet von Menschenhand. Das "kognitive Kochen" ist natürlich nur eine Spielerei. Gleich soll der Chefentwickler Dario Gil den versammelten Journalisten berichten, was IBM mit Watson wirklich vorhat.

In der Aufregung um Cognitive Computing gibt es ein paar Missverständnisse. Erstens ist Watson nicht mehr der eine große Supercomputer, der beim Jeopardy!-Auftritt in einem Hinterzimmer rödelte. Inzwischen gibt es viele kompakte Watson-Rechner in aller Welt, die für alle möglichen Spezialgebiete trainiert werden. Man kann sie über die Cloud anzapfen, als Schnittstelle reicht ein iPad. Zweitens ist IBM nicht der einzige Anbieter kognitiver Computer, sondern nur dank des Jeopardy!- Erfolgs der prominenteste.

Drittens beruhen Watsons Fähigkeiten nicht auf einer einzigen revolutionären Technologie: Die Forscher haben die beste Software der Künstlichen Intelligenz geschickt zusammengestöpselt. Auch Siri, die Sprachassistentin des iPhones, kann Fragen beantworten und Wünsche ausführen. Allerdings wurden dafür unzählige Gesprächssituationen vorprogrammiert. Und wenn Siri nicht weiterweiß, gibt es immerhin eine unterhaltsame Antwort. "So versteckt Siri geschickt, was es nicht kann", sagt der Informatikprofessor Chris Biemann von der Technischen Universität Darmstadt.

Wie Watson sich ein Weltbild konstruiert

Kognitive Computer - Watson, mach die Hausaufgaben! Der klügste Computer der Welt kommt nach Deutschland. Was kann er alles für uns tun? Max Rauner fragt Watsons Hersteller.

Watson ist anders. Sein Denkorgan ist eine Software zur Analyse unstrukturierter Dokumente, also von E-Mails, Lexikonartikeln, Kochrezepten, Chat-Dialogen, Hausarztbriefen, Fachartikeln. Sie erkennt Satzglieder wie Subjekt, Prädikat und Objekt und fahndet nach statistischen Zusammenhängen. "Brustkrebs" taucht oft in der Nähe von "Krankheit" auf, "Oregano" in Texten mit "Ratatouille", "Angela Merkel" in Sätzen mit "Bundeskanzlerin". So konstruiert sich die Maschine ein Weltbild, Informatiker sprechen von Ontologien.

Auch die verbesserte Hardware hat den IQ der klugen Computer erheblich gesteigert. Als die Forscher den Jeopardy!-Algorithmus auf einem einzigen Mikroprozessor rechnen ließen, dauerte es zwei Stunden, bis eine Antwort kam. Also schalteten sie 720 Prozessoren parallel. Die Bedenkzeit sank auf drei Sekunden. Watson war bereit für das Duell.

Die Cogs wissen nur so viel, wie in den Texten steht, mit denen man sie trainiert. Aber das kann eine Menge sein. Der Jeopardy!- Watson bezog sein Weltwissen aus 200 Millionen Seiten Text, darunter Lexika, Wikipedia, Sachbücher, sowie den Fragen vergangener Quizshows, gespeichert auf mehreren Terabyte. Die Ärzte der New Yorker Krebsklinik ließen ihren Watson-Rechner in den ersten beiden Jahren zwei Millionen Textseiten aus Dutzenden Fachzeitschriften und klinischen Studien zum Thema Brust- und Lungenkrebs analysieren, außerdem Lehrbücher, medizinische Leitlinien und eineinhalb Millionen Krankenakten.

Die zweite wichtige Fähigkeit neben der Textanalyse, die Watson beherrscht, ist das Lernen. Um den Rechner zu trainieren, geben die Forscher zunächst Tausende korrekte Frage-Antwort-Paare ein. Anschließend stellen sie Übungsfragen. Watson generiert Hypothesen und gewichtet diese mit Wahrscheinlichkeiten. Nach jeder Antwort können die Forscher anklicken, ob sie richtig war.

Die New Yorker Onkologen trainierten die Maschine zunächst monatelang auf Therapieempfehlungen für Brust- und Lungenkrebs, anschließend schulten sie das System für andere Krebsarten. Es geht um Fragen wie: Welche Laboruntersuchungen fehlen noch? Sollte der Tumor operativ entfernt werden? Welche Chemotherapie ist am besten geeignet, in welcher Dosierung? Watson kennt dafür auch die Diagnosen, Laborwerte und Hausarztbriefe des jeweiligen Patienten. In der ersten Runde, also ohne Feedback, hätte Watson nur für fünf Prozent der an Bauchspeicheldrüsenkrebs Erkrankten die richtige Therapieempfehlung gegeben, bei Darmkrebs lag die Trefferrate bei 68 Prozent. Doch nach der Trainingsphase gab Watson je nach Krebsart in 89 bis 100 Prozent der Fälle die richtige Antwort.

"Watson wird durch Feedback programmiert", sagt der Informatiker Chris Biemann, "das ist das Revolutionäre." Biemann hat als Gastwissenschaftler bei IBM geforscht und wird Watson in diesem Jahr an der TU Darmstadt nutzen, um mit Studenten Cogs zu entwickeln. Er sagt: "Mit Watson werden Nichtexperten Dinge tun, für die man früher Experten brauchte."

Im fünften Stock der New Yorker Watson-Zentrale tritt Dario Gil vor die Besucher und erzählt eine dieser Geschichten, in denen Watson am Ende wie ein Erlöser dasteht. Es geht um einen neunjährigen Jungen: Kevin hatte über Kopfschmerzen, geschwollene Lymphknoten und Fieber geklagt und war von der Schule nach Hause gegangen. Der Kinderarzt schickte ihn ins Krankenhaus. Tage vergingen, Dutzende Tests wurden gemacht, die Antibiotika schlugen nicht an – bis eine Krankenschwester die roten Augen des Jungen bemerkte und auf die richtige Fährte kam: Kevin litt unter dem seltenen Kawasaki-Syndrom. Mit Watson, behauptet Gil, wäre die Diagnose nach wenigen Minuten klar gewesen. Ein IBM-Sprecher sagt später, das Beispiel sei erfunden, aber nah an der Realität. Watson ist derzeit auch eine große PR-Kampagne.

Ob Cogs die medizinische Versorgung wirklich verbessern, lässt sich noch nicht sagen. Man habe bislang keine Routineerfahrung im klinischen Alltag, erklärt die New Yorker Krebsklinik. Sechs Ärzte, die das System testen durften, wünschten sich mehr Informationen darüber, nach welchen Kriterien Watson Therapien bewertet und favorisiert. Gleichwohl hat die größte internationale Privatklinik Thailands bereits einen Onkologie-Watson für die Krebsabteilung bestellt.

Auf die Nutzung kommt es an

Watson ist nicht gut oder böse. Es kommt darauf an, wie er genutzt wird: Ein Chefarzt Watson könnte die letzte Konsequenz der anonymen Apparatemedizin sein. Menschenärzte führen in diesem Szenario nur noch die Anweisungen der Maschinen aus. Ein Hilfsarzt Watson dagegen könnte Ärzte entlasten, die im Klinikalltag keine Zeit mehr finden, aktuelle Studien zu lesen. Sicher ist, dass Cogs die Beziehung zwischen Arzt und Patient weiter verändern werden. Erste Firmen arbeiten schon daran, dass auch Patienten die Software um Rat fragen können. "Herr Doktor", wird es dann beim Hausarzt heißen, "Watson hat aber gesagt ..."

Mit den Cogs wandern seltsame Mischwesen in den Alltag ein, die wir integrieren müssen. Es sind gewissermaßen künstliche Intelligenzen mit Migrationshintergrund. Als Journalisten, Forscher und Programmierer im New Yorker IBM-Palast zusammenstehen und an Watson-Cocktails aus Champagner, Ingwer, Apfel und Honig nippen, herrscht Sprachverwirrung. Manche sagen "es" zu Watson, andere "er", niemand "sie". Dario Gil möchte Bedenken zerstreuen, Cogs würden den Menschen in vielen Berufen überflüssig machen. Moral, Kreativität und gesunden Menschenverstand könne so ein System niemals liefern, sagt er. Und von einem emotionalen Betriebssystem wie im Spielfilm Her sei Watson weit entfernt.

Ist das die neue Arbeitsteilung: Cogs für Logik, Wissen, Recherche und Statistik, Menschen für Emotionen, Moral, Werte und Intuition? "Da die Grenze zwischen Mensch und Maschine immer schwieriger zu ziehen sein wird", schreibt der Journalist Christoph Kucklick in seinem Buch Die granulare Gesellschaft, "werden wir verführt sein, unser Selbstverständnis als rationale Wesen aufzugeben, und uns stattdessen als unberechenbare, spielerische, störungsanfällige und störende Wesen neu erfinden."

Das heißt nicht, dass Ärzte, Köche oder Ingenieure bald durch Cogs ersetzt werden. Aber sie werden sich mit den digitalen Überfliegern arrangieren müssen. So wie die Schachspieler.

Schachspielen galt einmal als Inbegriff menschlicher Intelligenz. "Dieses Match ist ein Abwehrkampf der gesamten menschlichen Rasse", sagte 1996 der Schachweltmeister Garri Kasparow über sein bevorstehendes Duell mit dem IBM-Computer Deep Blue. Kasparow gewann, doch ein Jahr später besiegte ihn der Computer. Welche Demütigung!

Die Menschen haben deshalb nicht aufgehört, Schach zu spielen, aber sie haben neue Formen der Zusammenarbeit mit den Maschinen entdeckt. Heute kann ein Wunderkind aus Norwegen dank elektronischer Archive, Internet und Schachcomputer zum Weltmeister aufsteigen: Magnus Carlsen hatte Millionen Schachpartien zur Verfügung und nutzte mit elf Jahren einen Computer als Trainingspartner, um sich auf Turniere vorzubereiten. Andere spielen Freestyle Chess oder Zentauren-Schach, bei dem Teams aus Mensch und Schachsoftware gegeneinander antreten. "In gewisser Weise müssen wir alle lernen, Freestyle Chess zu spielen", meint Christoph Kucklick. "Die Kunst besteht darin, herauszufinden, wer in welchem Moment die Führung übernehmen sollte."

Als Watson nach seinem Jeopardy!- Sieg weiter ausgebildet wurde, durfte er unter anderem ein Wörterbuch für Umgangssprache auswendig lernen. Anschließend antwortete er auf die Übungsfrage eines Forschers: "Bullshit." Der Wortschatz wurde daraufhin wieder aus seinem Speicher entfernt. Zu menschlich.

Die Quellenangaben zum ZEIT-Wissen-Artikel finden Sie hier.