Im Memorial Sloan Kettering Cancer Center, einer weltweit führenden Krebsklinik in New York, trainieren Onkologen einen Arzt-Watson darin, die wirksamste Therapie für Patienten herauszufinden. In Australien nutzt die Bankengruppe ANZ einen Finanz-Watson für die Anlage- und Rentenberatung. Dirk Michelsens Job ist es, Watson nach Deutschland zu bringen, in die Versicherungsbranche, in Krankenhäuser, Universitäten, Versandhäuser, die Autoindustrie.

Noch versteht Watson kein Deutsch, er soll zunächst Spanisch lernen. Aber schon jetzt interessieren sich große Unternehmen und Kliniken hierzulande für die Technologie. IBM darf ihre Namen nicht nennen, die Kunden wollen das nicht. Vielleicht fürchten sie nicht nur die Konkurrenz, sondern auch unbequeme Fragen: Wie sehr können wir uns auf die smarten Maschinen verlassen? Welche Fehler machen sie, und wer haftet, wenn Watson eine schlechte Geldanlage oder eine falsche Therapie empfiehlt? Welche Jobs sind durch die Cogs bedroht? Und werden sie eines Tages womöglich ethische Entscheidungen treffen? IBM versucht alles, um seine smarten Maschinen als harmlose Diener erscheinen zu lassen. Man muss aber kein Apokalyptiker sein, um sich vor dieser Zukunft auch zu gruseln.

Vor ein paar Monaten stellte IBM einen "Debattier-Watson" vor, trainiert auf das Abwägen von Argumenten. Auf die Frage, ob man Gewaltspiele für Minderjährige verbieten solle, durchforstete Watson Millionen Wikipedia-Artikel und präsentierte nach wenigen Sekunden jeweils drei Argumente für und gegen ein solches Verbot. Es wäre ein Leichtes, die Aussagen durch einen Algorithmus gewichten zu lassen und eine Empfehlung auszusprechen. Wird Watson eines Tages Ethikräte ersetzen oder als autonomer Drohnenpilot mutmaßliche Terroristen erschießen?

Da ist noch eine andere Sache, ein Unbehagen, wenn man die Entwicklung aus der Vogelperspektive betrachtet: Kognitive Computer könnten ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Superintelligenz sein. So nennen Futuristen jene Maschinen, die den Menschen eines Tages an Intelligenz überflügeln könnten. Denn warum sollte der Fortschritt haltmachen, wenn Maschinen das Niveau menschlicher Intelligenz erreicht haben, fragt der britische Philosoph Nick Bostrom in seinem aktuellen Buch Superintelligenz. Die Reise geht weiter. "Bereits der nächste Halt danach, nur eine kurze Strecke entfernt, heißt übermenschliche maschinelle Intelligenz. Der Zug wird in Menschendorf nicht anhalten oder auch nur abbremsen, sondern wahrscheinlich einfach durchrasen."

"Die Künstliche Intelligenz ist potenziell gefährlicher als die Atombombe", twitterte der Entrepreneur Elon Musk, Gründer von PayPal, nachdem er Bostroms Buch gelesen hatte. Der Philosoph David Chalmers überlegt, wie Menschen sich in einer von künstlicher Intelligenz beherrschten Welt behaupten können – bis hin zum Upload des Gehirns in die Computerwelt. Der gelähmte Physiker Stephen Hawking erklärte, intelligente Maschinen, die sich selbst immer schneller verbessern, könnten das Ende der Menschheit bedeuten. Ironischerweise nutzte er für diese Warnung seinen brandneuen Sprachcomputer.

Hawking, Bostrom, Musk und Dutzende andere Forscher und Unternehmer appellierten Mitte Januar in einem offenen Brief an den Rest der Welt, die künstliche Intelligenz möge bitte schön nur für gute Zwecke verwendet werden. Auch zahlreiche Watson-Forscher und Google-Mitarbeiter unterzeichneten. "Unsere KI-Systeme müssen uns gehorchen", fordern sie. Sollten Computer eines Tages Humor haben, werden sie den Brief aus den Archiven holen, sich gegenseitig vorlesen und köstlich darüber amüsieren.

Noch haben wir einen Vorteil, sagt Nick Bostrom: "Wir sind diejenigen, die das Ding bauen." Nur: Wer sind "wir"? Und haben "wir bei IBM" dieselben Interessen wie "wir Menschen"?

Einer der Watson-Schöpfer empfängt Journalisten und andere Gäste an einem Mittwoch im Dezember in New York. Am Astor Place im East Village hat die Watson-Abteilung von IBM ein futuristisches Hochhaus bezogen. Eine Milliarde Dollar hat das Unternehmen in die neue Einheit investiert, 100 Millionen davon sollen an Start-ups vergeben werden, um Cogs zu entwickeln. Es ist eine Wette auf die Zukunft. Die fünfte Etage, in blaues Licht getaucht, hat die Aura einer Raumstation. An diesem Abend soll Watson kochen.

Der Supercomputer hat 9.000 Rezepte des Kochmagazins Bon Appétit analysiert und nach Zusammenhängen zwischen typischen Zutaten, Gewürzen und dem Ursprung der Gerichte gefahndet. Und dann Menüs kreiert. Nun servieren Hostessen Quiche mit Zitronengras und Spargel sowie Knödel mit Lamm und Garnelen, inspiriert von Watson, zubereitet von Menschenhand. Das "kognitive Kochen" ist natürlich nur eine Spielerei. Gleich soll der Chefentwickler Dario Gil den versammelten Journalisten berichten, was IBM mit Watson wirklich vorhat.

In der Aufregung um Cognitive Computing gibt es ein paar Missverständnisse. Erstens ist Watson nicht mehr der eine große Supercomputer, der beim Jeopardy!-Auftritt in einem Hinterzimmer rödelte. Inzwischen gibt es viele kompakte Watson-Rechner in aller Welt, die für alle möglichen Spezialgebiete trainiert werden. Man kann sie über die Cloud anzapfen, als Schnittstelle reicht ein iPad. Zweitens ist IBM nicht der einzige Anbieter kognitiver Computer, sondern nur dank des Jeopardy!- Erfolgs der prominenteste.

Drittens beruhen Watsons Fähigkeiten nicht auf einer einzigen revolutionären Technologie: Die Forscher haben die beste Software der Künstlichen Intelligenz geschickt zusammengestöpselt. Auch Siri, die Sprachassistentin des iPhones, kann Fragen beantworten und Wünsche ausführen. Allerdings wurden dafür unzählige Gesprächssituationen vorprogrammiert. Und wenn Siri nicht weiterweiß, gibt es immerhin eine unterhaltsame Antwort. "So versteckt Siri geschickt, was es nicht kann", sagt der Informatikprofessor Chris Biemann von der Technischen Universität Darmstadt.