Schweinerei! Dumme Kuh! Tölpel! Wenn wir tratschen, sind Vergleiche mit der Tierwelt nicht weit. Und ist das neueste Gerücht erst einmal in der Welt, pfeifen es schon bald die sprichwörtlichen Spatzen von den Dächern. Dass wir so viele animalische Vergleiche heranziehen, ist allerdings kurios. Glaubt man dem britischen Anthropologen Robin Dunbar, ist der Tratsch nämlich eine Errungenschaft des Menschen, die ihn von anderen Tieren abgrenzt.

In seinem Buch Grooming, Gossip and the Evolution of Language von 1998 erklärt Dunbar, das Tratschen sei unser Ersatz für das Lausen. Während Affen die Fellpflege nutzen, um soziale Bindungen zu festigen, ist es beim Menschen das Reden. Dabei zählen nicht die gewichtigen Worte über Quartalsergebnisse, sondern das belanglose Gerede über das knittrige Sakko vom Chef, das jüngste Fußballspiel des HSV oder die Hochzeit irgendeines Prinzenpaars. Wir Menschen, meint Dunbar, reden die meiste Zeit, um mit anderen Kontakt zu halten, nicht um wirklich Informationen auszutauschen.

Das Tratschen sei zudem ein evolutionärer Fortschritt in Sachen Zeitmanagement. Tiere können jeweils nur einem anderen Artgenossen das Fell oder das Gefieder säubern. Tratschen kann man aber mit mehreren Leuten gleichzeitig. Experimente zeigen, dass Menschen am besten in Gruppen von bis zu drei weiteren Individuen reden können. Weil wir also mit viel mehr Artgenossen gleichzeitig tratschen können, als ihnen das Fell zu kraulen, sei auch die Zahl unserer sozialen Kontakte gewachsen, erklärt Dunbar. Unter Schimpansen liegt die Rudelgröße meist bei 55 Artgenossen. Die Stammesgröße bei Indianern, Buschmännern oder anderen Urvölkern beträgt hingegen meist 150, also fast das Dreifache. Wir Menschen in der modernen Welt scheinen da nicht anders zu sein, wie neuere Studien nahelegen: Egal wie viele Freunde wir auf Facebook haben, egal wie viele SMS oder WhatsApp-Nachrichten wir schreiben, mit mehr als 150 Menschen können wir keine stabilen sozialen Beziehungen aufrechterhalten.

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT WISSEN Nr. 4/2015, das online oder am Kiosk erhältlich ist.

Dunbars Ansichten sind allerdings umstritten. Vor allem an der Zahl 150, die auch als "Dunbars Zahl" bekannt ist, haben sich Debatten entzündet. Einige Forscher sagen, das Maximum an sozialen Kontakten liege bei 250 und damit weit höher. Andere zweifeln grundsätzlich an der Idee, dass Getratsche so wichtig für die Evolution des Menschen war. Auch die simple Sicht auf die Sprache von Tieren ist zum Teil widerlegt worden. Erste Wissenschaftler scheinen "Wort für Wort" die komplexe Sprache von Gibbons entschlüsseln zu können. Andere Forscher haben herausgefunden, dass Hunde sich beim Schwanzwedeln in feinen Nuancen unterhalten: Wedelt der Schwanz mehr nach links, bedeutet es "Bleib weg"; geht der Ausschlag mehr nach rechts, heißt das "Du bist willkommen".

Fest steht aber: Andere tratschende Tiere hat man auch fast 20 Jahre nach Erscheinen des Buches nicht gefunden, wie der Biologe und Affenforscher Simon Townsend von der Universität Zürich erklärt. Weder habe man beobachten können, dass zwei Tiere über etwas kommunizierten, das für sie keinen direkten Nutzen hat, noch, dass sie sich über ein nicht anwesendes Tier unterhielten. Also dass etwa ein Affe sich bei einem anderen über einen dritten beschwert und beide ihm die kalte Schulter zeigen. Eine kleine Hintertür lässt Townsend jedoch offen: "Immer wieder tauschen Affen auch Laute untereinander aus, die wir nicht wirklich verstehen und nicht zuordnen können." Nicht ausgeschlossen also, dass sich doch der eine oder andere Affe mit seinen Kumpels über uns lustig macht.

Die Quellenangaben zum ZEIT-Wissen-Artikel finden Sie hier.