Als der Homo sapiens Karsten Reise zum ersten Mal einer Pazifischen Auster begegnete, ahnte er schon, dass dieses Exemplar nicht sein letzter Fund bleiben würde. Er stand barfuß im Watt, hinter ihm Sylt, vor ihm Dänemark, zu seinen Füßen die Auster. Sie war klein wie sein Zeigefinger und hatte sich an einer Miesmuschel festgekrallt. Sollte er sie töten? Aufbrechen und ausschlürfen? Mitnehmen als Beweisstück?

Karsten Reise wusste, dass diese Austernart normalerweise in Japan zu Hause ist. Er hatte einen Verdacht, wie sie hierhergekommen war. Doch was dann passierte, hätte er sich in seinen düstersten Fantasien nicht ausmalen können.

An einem Dienstag im April dieses Jahres zieht Karsten Reise sich Gummistiefel und eine Regenjacke an, überquert den Deich im Norden und folgt dem ablaufenden Wasser bis zu jener Stelle, wo er im August 1991 seine erste Auster entdeckt hatte. Er muss aufpassen, dass er nicht stolpert. Denn wo damals Sand und Miesmuscheln waren, macht sich heute ein Teppich aus Pazifischen Austern breit. Ineinander verkeilte klobige Brocken mit Kanten, so scharf wie Rasierklingen. Crassostrea gigas heißt das Tier auf Lateinisch, gigas für riesig. Reise klaubt ein Exemplar vom Boden auf, groß wie sein Fuß, besiedelt von Algen, Seeschnecken, einem Seeigel und einigen Miesmuscheln. Er sagt: "Ich bin in gewisser Weise sauer. Ich kenne die Leute, die sie nach Deutschland geholt haben."

Wattenmeer - Die Pazifische Auster besetzt Sylt Anfangs eroberte die Pazifische Auster aus Japan das Wattenmeer fast unbemerkt. Dann vermehrte sie sich explosionsartig und wurde zur Plage. Was als Forschungsprojekt startete, hat das Wattenmeer bei Sylt verändert. Hätte der Mensch sie besser gelassen, wo sie war?

Für den Menschen Karsten Reise ist die Pazifische Auster ein Ärgernis. Seit vierzig Jahren lebt er in List auf Sylt, er liebt die Natur, aber seit zehn Jahren kann er an vielen Orten im Watt nicht mehr barfuß laufen. An den Kanten der Auster würde er sich die Fußsohlen aufschlitzen. Für den Forscher Karsten Reise jedoch war Crassostrea gigas ein Glücksfall. Den Fund von 1991 nahm er mit ins Institut und klebte die Schale auf ein wissenschaftliches Poster. Von nun an begleitete das Tier seine Karriere, seine Frau nennt die Pazifische Auster heute sein Haustier. Jahrelang leitete Reise die Zweigstelle des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung (AWI) in List. Er hat dort immer noch ein Büro, mit Blick auf die Dünen, wenige Menschen kennen das Wattenmeer so gut wie er. An der Pazifischen Auster konnte er live miterleben, wie eine eingeschleppte Art ein Ökosystem besetzt, ausgerechnet Europas größten Nationalpark. Fischer reden von einer Seuche, im Nationalparkamt in Husum spricht man vom "Sündenfall".

Denn es geht nicht nur um Tausende von Touristen, die jetzt auf Wattwanderungen besser Gummistiefel tragen sollten. Es geht darum, dass Arten aus anderen Regionen der Welt ganze Ökosysteme aufmischen können. In Australien haben Kaninchen, Katzen und Ziegen den halben Kontinent umgekrempelt, nachdem Europäer die Tiere im 18. Jahrhundert mitgebracht hatten.

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT WISSEN Nr. 4/2015, das online oder am Kiosk erhältlich ist.

In Europa zählen Forscher 12.000 gebietsfremde Pflanzen- und Tierarten, die durch den Menschen eingeschleppt wurden, seit Kolumbus Ende des 15. Jahrhunderts über den Atlantik segelte. Von ihnen gelten 10 bis 15 Prozent als invasiv, bedrohen also die Artenvielfalt oder die Land-, Forst- oder Seewirtschaft. Zu ihnen zählt die Pazifische Auster. Sie macht sich gerne dort breit, wo sonst Miesmuscheln wachsen. Ihre Schale ist so hart, dass Seevögel wie die Eiderente oder der Austernfischer sie nicht knacken können. Sie müssen nun anderswo nach Nahrung suchen.

Egal, könnte man sagen, die Natur verändert sich halt. Aber da ist noch etwas anderes, ein unheimlicher Gedanke, den Artenforscher seit einigen Jahren in ihren Fachzeitschriften diskutieren, mehr eine Ahnung als eine Gewissheit, eine düstere Zukunftserzählung, von der noch niemand weiß, wie sie für die Spezies Mensch enden wird. Es geht um das sechste Massenaussterben der Erdgeschichte.