Für die einen ist diese Forschung ein Segen. Vollständig gelähmte Menschen vermögen dank neuartiger Gehirn-Maschine-Schnittstellen mit ihren Angehörigen und Pflegern zu kommunizieren. In Kyoto baut der Hirnforscher Shin Ishii ein Modellhaus, dessen Bewohner ihre Haushaltsgeräte mithilfe von Gehirnströmen fernsteuern sollen. Spielehersteller vermarkten Games mit Neurofeedback als das nächste große Ding.

Für die anderen sind die Visionen der Neurotechnik ein Albtraum. Dave Eggers’ Roman The Circle beschreibt eine hypertransparente Gesellschaft, in der jede Bewegung, jede Freundschaft, jedes Wort durch den Apple-Google-Facebook-ähnlichen Superkonzern The Circle öffentlich gemacht wird. In der letzten Szene liegt eine der Protagonistinnen im Koma auf der Intensivstation. Ein Monitor zeigt ihre Hirnströme, aber niemand versteht die Signale. Es sind die letzten Daten, die der Konzern noch nicht entschlüsseln kann. Ein Skandal! The Circle muss das ändern.

Wie gern würde man hin und wieder in die Köpfe der anderen hineinschauen. Wissen, was sie wirklich denken, ob sie etwas verschweigen oder lügen, ob sie unsere Gefühle erwidern, wer sie wirklich sind. In dem Film Strange Days von Kathryn Bigelow lassen sich die Erlebnisse eines Menschen per Gehirn-Computer-Schnittstelle sogar aufzeichnen und auf andere Gehirne übertragen. Die Bewusstseinsströme werden auf dem Schwarzmarkt gehandelt wie eine Art Seelenporno: Man dringt in die Erlebniswelt fremder Leute beim Sex ein, spürt den Adrenalinkick eines Gangsters, beobachtet die Welt durch die Augen eines Sterbenden. In den neunziger Jahren, als der Film gedreht wurde, war das krasse Science-Fiction. Wer heute die Nachrichten aus der Hirnforschung verfolgt, ertappt sich schon mal bei der Frage, wann die App dazu kommt.

Gedankenlesen wird zur seriösen Wissenschaft. Aber man muss bei jeder neuen Sensationsmeldung genau hinschauen, was die Experimente wirklich gezeigt haben. Liest da jemand einfach zwei motorische Signale aus, um binäre Zeichen durch die Welt zu schicken? Funktioniert die Methode nur, wenn man vorher den Schädel öffnet? Musste der Held der Forschung zunächst stundenlang im Hirnscanner trainieren?

In der Nähe des Berliner Hauptbahnhofs, auf dem Gelände des Universitätsklinikums Charité, befindet sich eines der Hauptquartiere der Gedankenleser, obwohl die Forscher sich natürlich niemals so nennen würden. Hier späht John-Dylan Haynes mithilfe großer Magnetröhren in die Gehirne von Freiwilligen, hier zeigen sich die neuen Möglichkeiten, aber auch die großen Hürden der Neurotechnik. Funktionelle Magnetresonanztomografie (fMRT) heißt Haynes’ Lieblingsmethode, gern auch Hirnscan genannt. Damit können die Forscher in unterschiedlichen Experimenten bereits feststellen, ob eine Versuchsperson gerade an einen Hund oder an eine Katze denkt, ob sie ein bestimmtes Produkt gern kaufen würde oder eher nicht, ob ein Proband vorgegebene Zahlen lieber addieren oder subtrahieren möchte, ob jemand einen Ort schon einmal gesehen hat. "Wenn ich bestimmte Dinge denke, schlägt sich das in bestimmten Hirnprozessen nieder", sagt Haynes. "Es gibt Bewusstseinsinhalte, und es gibt Hirnprozesse, und die haben offenbar systematisch etwas miteinander zu tun." Das eine ist Geist, das andere Gehirn. Mithilfe mathematischer Verfahren versucht man, sie zu verknüpfen.

Der Philosoph Ludwig Wittgenstein war davon überzeugt, dass der Mensch nur in Worten denken könne. "Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt", schrieb er vor hundert Jahren. John-Dylan Haynes ist ein pragmatischer Naturwissenschaftler, er bevorzugt eine andere Definition. Gedanken seien "alle Dinge, die wir bewusst erleben", sagt er. "Das können einfachste Empfindungen sein, Gefühle oder Bilder, Erinnerungen und auch komplexe satzartige Strukturen."

Ein Hirnscanner misst zunächst nur Durchblutungsänderungen im Gehirn. Wo mehr Blut fließt, so das Prinzip, verbraucht das Gehirn mehr Energie, und dort sind die Nervenzellen – die Neuronen – gerade besonders aktiv. Die Aufnahmen zeigen die Aktivität in Volumenelementen von der Größe eines Reiskorns – Mediziner sprechen von Voxeln. "Diese Bilder werden oft missverstanden", sagt Haynes. "Sie sind keine Fotografien des Gehirns, sie zeigen nicht, wo Gedanken sind, sie zeigen zunächst einmal nur, wo etwas passiert." Erst mithilfe von Lernalgorithmen lassen sich aus den Aktivitätsmustern einzelner Gehirne sinnvolle Interpretationen ableiten. Wie ein Fingerabdruck zu einer ganz bestimmten Person gehöre, so habe auch jeder Gedanke ein spezifisches Aktivitätsmuster im Gehirn. Allerdings: Jedes Gehirn denkt anders.

Gedanken sind biografisch gefärbt und entsprechend unterschiedlich codiert. "Wenn ich an einen Hund denke, passiert in meinem Gehirn etwas anderes als in Ihrem", sagt Haynes. Ein Hund – das ist für manche ein flauschiger Gefährte und ein treuer Freund aus Kindertagen. Anderen kommt dagegen lautes Bellen in den Sinn oder die Erinnerung an einen schmerzhaften Biss. Es gibt kein universelles Gedankenmuster für den Hund. Und auch nicht für ein Fahrrad oder die Mona Lisa. Deshalb muss der Computer immer erst lernen, mit welchem Aktivitätsmuster ein bestimmter Gedanke im Gehirn einer individuellen Person codiert ist. Die Versuchspersonen in Haynes’ Kernspintomografen denken gewissermaßen auf Probe. Für jede von ihnen erstellen die Forscher eine Datenbank. Mit einem Mustervergleich können sie später rekonstruieren, woran jemand denkt.