Was von dem, was in den Laboren möglich ist, soll tatsächlich im Alltag Realität werden? Diese Frage treibt auch Haynes’ Kollegen Benjamin Blankertz um. Er ist Professor an der Technischen Universität Berlin und forscht ebenso wie Haynes im Bernstein-Netzwerk Computational Neuroscience. Doch während Haynes 15 Tonnen schwere Tomografen braucht, um seinen Probanden ins Gehirn zu spähen, experimentiert Blankertz mit EEG-Hauben, die man einfach aufsetzen kann. Seine Forschungsgruppe kann damit abschätzen, ob jemand gleich seinen linken oder rechten Arm bewegen wird. Oder welches Manöver ein Autofahrer vorhat.

Will der Fahrer auf die Bremse treten, verraten seine Hirnströme diese Absicht – schon 130 Millisekunden bevor er das Pedal tritt. In dieser Zeit fährt ein Auto bei hundert Stundenkilometern knapp vier Meter weit. Blankertz hat das Experiment in Zusammenarbeit mit Daimler gemacht, es ist ein Spezialfall des Gedankenlesens: Absichten erkennen. Zur Verkürzung der Reaktionszeit könnte man die Absicht, zu bremsen, theoretisch direkt aus dem EEG-Signal an die Bordelektronik weiterleiten. Autofahrer müssten dafür neben dem Anschnallgurt eine EEG-Haube tragen, aber das ist das kleinere Problem.

Was passiert, wenn ein Autofahrer am Ende doch nicht stark bremsen möchte, weil die Straße vielleicht nass ist und er sich im letzten Moment für ein Ausweichmanöver entschließt? Lässt sich die Absicht noch zurücknehmen, wenn der Computer sie erst einmal abgefangen hat? Es geht hier nicht nur um Verkehrssicherheit. Es geht um Freiheit. Wer wäre noch der Herr im eigenen Haus, wenn Maschinen unsere Absichten schneller erkennen als wir selbst? In einem anderen Experiment haben Blankertz und Haynes festgestellt, dass Menschen ihre motorischen Absichten bis zu einem relativ späten Zeitpunkt noch ändern können. Ein Bereitschaftssignal im Gehirn bedeutet demnach nicht zwangsläufig, dass der Mensch eine geplante Bewegung auch umsetzt. Er hat die Freiheit, sich noch umzuentscheiden. Eine Absichtenlesemaschine würde ihm diese Freiheit aber womöglich nehmen, wenn sie seine frühen Hirnsignale augenblicklich in die Tat umsetzte. Sie würde dann vorschnell handeln. Vielleicht keine gute Idee bei Autofahrern. Und es gibt noch ein Problem, und das betrifft uns alle.

Vor drei Jahren fegte ein Mediensturm über Ivan Martinovic hinweg, und die Journalisten verglichen seine Arbeit mit "Gehirn-Hacken". Anschließend bekam er einige E-Mails von Verschwörungstheoretikern. Dabei hat er nur das gemacht, was sein Job als Cyber-Security-Professor ist: nach Sicherheitslücken Ausschau halten. Diesmal halt im Gehirn.

Von seinem Büro im Cyber Security Centre aus blickt Martinovic auf das Naturkundemuseum Oxfords. In dem Museum steht unübersehbar die Bedrohung von gestern: ein Skelett des Riesendinosauriers Tyrannosaurus Rex. Die Bedrohung von heute ist unsichtbar. Sie versteckt sich in Software und Apps, und vielleicht werden demnächst auch Gehirnwellen angezapft. Martinovic wurde darauf aufmerksam, als er nach seiner Promotion an die Universität von Kalifornien in Berkeley ging. Da waren auf einmal diese EEG-Gadgets für Computerspiele im Umlauf. Für dreihundert Dollar konnte man sich ein kleines Gestell anschaffen, das die Gehirnströme misst. Mit Gedankenkraft ins Spiel eingreifen, das war die Idee.

Ivan Martinovic hat sich darauf spezialisiert, die Welt nach threat models abzusuchen, nach Bedrohungsszenarien. Als er das EEG-Spielzeug sah, war das threat model offensichtlich: Die Geräte lesen Gehirnströme aus und stellen die Rohdaten beliebigen Apps zur Verfügung. Martinovic findet das nicht verwerflich. Warum sollte man Computerspiele nicht auch mit Gehirnwellen steuern? Er fragt sich nur, ob Gauner eine App programmieren können, mit der sie heimlich sensible Informationen aus dem EEG fischen könnten.

Die Forscher besorgten eines der Amateur-EEGs mit 14 Elektroden. Dann setzten sie die Haube 30 Studenten auf und zeigten ihnen auf dem Bildschirm ein Zahlenfeld mit den Ziffern 0 bis 9, wie man es am Geldautomaten sieht. Die Zahlen blinkten abwechselnd auf. Die Aufgabe lautete: Konzentrieren Sie sich auf die erste Ziffer Ihrer PIN. Während die Studenten auf die Monitore starrten, fahndeten die Forscher im Datenrauschen nach Auffälligkeiten. Und sie wurden fündig.

Jeweils knapp eine Drittelsekunde nachdem die richtige PIN-Ziffer aufblinkte, registrierte das EEG einen winzigen Impuls. Hirnforscher kennen diese Reaktion als P300-Impuls (P steht für eine positive elektrische Spannung, 300 für 300 Millisekunden). Das Signal zeigt eine Veränderung der Aufmerksamkeit und tritt dann auf, wenn man in einer gleichförmigen Reihe von Tönen, Zeichen oder Fotos plötzlich etwas entdeckt, das für einen selbst relevant ist. Überraschend ist, dass das schwache Signal auch mit einem billigen EEG-Gerät detektiert werden kann. Die Forscher in Oxford mussten dafür die PIN-Ziffern einfach mehrmals aufblinken lassen und die schwachen Signale addieren.

Auf diese Weise konnten sie für 20 Prozent der Teilnehmer die erste PIN-Ziffer auf Anhieb korrekt erraten. Noch bessere Ergebnisse erzielten sie, als sie mit blinkenden Ausschnitten von Stadtplänen herausfinden wollten, in welchem Stadtteil jemand wohnt. Und den Geburtsmonat der Studenten tippten sie in 60 Prozent der Fälle auf Anhieb richtig. Das reicht nicht für große Gaunereien. Doch für die Gedankenleser sind solche Daten eine kleine Sensation.

Sicher, welcher Trottel konzentriert sich freiwillig auf seine Geheimzahl, wenn er eine EEG-Haube trägt und eine App ihn dazu auffordert? "Es ist keine Attacke, die uns morgen beschäftigen wird", sagt Ivan Martinovic, "aber Betrüger sind einfallsreich." Sie könnten versuchen, Spähangriffe als spielerische Aufgaben zu tarnen. Er ist überzeugt: "Dies ist nur der Anfang."

Wer in diesen Tagen mit Neurowissenschaftlern spricht, hört das oft: Dies ist nur der Anfang. Aber wenn dies nur der Anfang ist, wer schreibt dann die Fortsetzung? "Anwälte, vor allem Strafverteidiger", sagt Reinhard Merkel, Mitglied des Deutschen Ethikrats und Juraprofessor an der Universität Hamburg. "Ich bin sicher, dass wir die Neurotechnik bald in deutschen Gerichtsverfahren sehen werden."