In Indien wurde 2008 erstmals jemand auf der Basis eines EEG-Tests verurteilt. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass die Angeklagte ihren Verlobten vergiftet hatte. Man hatte ihr unterschiedliche Aussagen zum möglichen Tathergang vorgespielt ("Ich habe Arsen gekauft", "Ich habe Udit angerufen", "Ich habe ihm mit Arsen vergiftete Süßigkeiten gegeben"). Die dabei gemessenen Hirnsignale seien nur durch Erfahrungswissen zu erklären, behaupteten die Gutachter: Die Angeklagte müsse die Situationen tatsächlich erlebt haben. Das Gericht verurteilte die Frau zu lebenslänglicher Haft. "Ein skandalöses Urteil", meint Reinhard Merkel, "dafür ist diese Technik bei Weitem nicht zuverlässig genug. Das Gehirn hat kein 'Lügenareal'." Die bunten Bilder der Neurotechnik täuschten Richtern und Geschworenen eine wissenschaftliche Genauigkeit vor, von der die Methoden weit entfernt seien. Kritiker reden vom Weihnachtsbaum-Effekt, weil die Richter vom Glitzerkram eingelullt würden.

In Berlin konnte John-Dylan Haynes zwar nachweisen, dass man anhand der Hirnaktivität durchaus erkennen kann, ob ein Mensch an einem bestimmten Ort schon einmal gewesen ist oder einen Gegenstand schon einmal gesehen hat. Aber: "Die Trefferquote war keineswegs so hoch, dass man die Signale als zweifelsfreies Beweismittel nutzen könnte." Und was genau sagt ein solches Signal eigentlich aus? Vielleicht war der Verdächtige am Tatort, aber nicht zum Tatzeitpunkt, sondern am Tag davor. Vielleicht erkennt er einen Gegenstand bloß deshalb wieder, weil viele Menschen ihn besitzen. Für einen ersten Versuch bat Haynes seine Mitarbeiter, Fotos ihrer privaten Wohnungen mitzubringen, um das Wiedererkennen zu testen. Das Unterfangen scheiterte daran, dass die Mehrheit sich bei Ikea eingerichtet hatte – ihre Wohnungen sahen verblüffend ähnlich aus.

"Die Lücke zur Anwendbarkeit ist riesig", sagt Haynes. Außerdem lässt sich die Neurotechnik austricksen, wenn die Angeklagten nicht kooperieren. Wer auf der Zunge kaut, am Bildschirm die falschen Objekte fixiert oder sich an aufrüttelnde Ereignisse erinnert, kann die unterschiedlichen Neuroverfahren sabotieren.

Reinhard Merkel hält es dennoch für legitim, dass Anwälte Hirnscans oder EEG-Messungen nutzten, um Indizien für die Glaubwürdigkeit ihrer Mandanten zu sammeln. "Überführen kann man einen Beschuldigten damit nicht." Aber die Verteidigung brauche ihn ja nur zu entlasten. "Dafür muss sie auch Methoden mit schwacher Evidenz heranziehen dürfen. Und die Technik entwickelt sich ja weiter." Merkel drängt darauf, dass Juristen sich mit den Methoden der Hirnforscher vertraut machten.

Neue Technologien überkommen die Welt nicht wie Naturkatastrophen. Sie sind kein Schicksal, dem man sich ergeben muss. Sie haben Vor- und Nachteile, über die sich zu streiten lohnt: Braucht es Grenzen? Verbote? Regeln? Davon hängt ab, ob Neurotechnik in Zukunft in einer Reihe mit Atomkraft und Fracking stehen wird oder eher in der gefühlten Nachbarschaft von Smartphones und Solarstrom.

Wissenschaftler des Fraunhofer-Instituts ISI fordern vorsichtshalber einen besseren Datenschutz. "Es scheint offensichtlich, dass Neurodaten – insbesondere solche zu Gedanken und Gefühlen – von sehr privater Beschaffenheit sind und daher als ›sensibel‹ betrachtet werden müssen", schrieben sie Anfang Juni in der Süddeutschen Zeitung . "Die Liste der sensiblen Daten ist jedoch sehr exklusiv, und Neurodaten gehören bislang noch nicht dazu. Nach derzeit geltendem Recht unterliegen Neurodaten den gleichen Vorschriften wie Schuhgrößenmessungen."

Kein Zweifel, eine Gesellschaft, in der alle Gedanken öffentlich sind, wäre brutal. Aber da ist noch eine andere, positive Utopie: Verbinde Gedanken, Gefühle und Gehirne miteinander, ohne sie in Sprache zu übersetzen. Werde Teil einer Feedbackschleife. Besuche ein Konzert von David Rosenboom.

An einem Montag im Juni steht David Rosenboom in der Konzerthalle von Plymouth an der britischen Südküste und sucht ein Ladegerät für zwei EEG-Stirnbänder. In drei Stunden beginnt sein Konzert, dies ist die Generalprobe. Rosenboom ist der Pionier der Gehirnmusik. Seit 40 Jahren versucht er, Gedanken, Gefühle und Musik miteinander zu verschmelzen. Er trägt ein Armband mit Holzperlen und ein grünes Hawaiihemd, dazu eine bunt gewebte Tasche aus Peru, vielleicht Reverenzen an seine Hippiezeit, jedenfalls hat er schon John Lennon und Yoko Ono verkabelt und ihre Gehirnströme in Sphärenklänge verwandelt. Andere nahmen LSD, um ihr Bewusstsein zu erforschen, Rosenboom nahm Strom. In einer seiner Performances sollten sich Zuhörer elektrische Impulse durch den Schädel schicken. Es gab damals noch nicht so viele Ethikkommissionen.

Museen in aller Welt haben ihm Retrospektiven gewidmet, aber Rosenboom ist noch nicht fertig. Nicht jetzt, da all diese neuen Gehirn-Computer-Schnittstellen auf den Markt kommen. In Plymouth findet an diesem Tag die erste Konferenz für Musik-Gehirn-Computer-Schnittstellen statt, und Rosenboom ist der Stargast. Er wurde aus Los Angeles eingeflogen, wo er als Professor am California Institute of Arts unterrichtet. Nun sitzt er vor einem Laptop, einem Synthesizer und einem 55-Zoll-Bildschirm und erklärt zwei Studenten, was er mit den beiden an diesem Abend vorhat. Die beiden studieren experimentelle Musik in Plymouth und sind Experimenten gegenüber nicht abgeneigt: Michael promoviert über Gesänge von Buckelwalen, Nurii sucht nach einer Idee, Phänomene der Astrophysik in Musik zu übersetzen. Sie legen die EEG-Bänder an und schließen die Augen. "Ich erwarte nicht, dass ihr irgendetwas kontrolliert", sagt Rosenboom. "Entspannt euch, und hört zu. Es ist okay, wenn ihr die Augen aufmacht, aber blinzelt so wenig wie möglich." Blinzeln stört die Elektronik. "Just let it be", sagt Rosenboom.

Nach der Generalprobe kommt ein Lokalreporter vom Fernsehen. "When does the noise start?", fragt er. Wann beginnt der Krach? Um 19 Uhr gibt David Rosenboom vor dem Publikum eine kurze Erklärung ab. "Michael und Nurii haben dieses Stück noch nie aufgeführt", sagt er. Die beiden Studenten würden einfach nur zuhören, während der Computer ihre Gehirnwellen registriere. Änderungen in der Frequenz der Gehirnwellen beeinflussten die Tonhöhen des Synthesizers, außerdem ändere sich die Musik, wenn die Gehirnströme von Michael und Nurii gleichzeitig Änderungen aufwiesen. Dann geht es los, leise, anschwellend, laut, leise. Was aus den Lautsprechern kommt, klingt ein bisschen wie Walgesang in einer Tropfsteinhöhle, aber das ist natürlich subjektiv. Die Fachleute für Gehirn-Computer-Musik-Schnittstellen lauschen andächtig und spenden nach 30 Minuten tosenden Applaus. Die Begeisterung ist ansteckend, aber auch beruhigend. Wenn das die Gedanken von Michael und Nurii waren, braucht man sich vor den Geheimdiensten vorerst nicht zu fürchten.