ZEIT Wissen: Herr Rogg, wer sich tarnt, will nicht gesehen werden. Wann fing das an?

Matthias Rogg: Wenn man den Tarnbegriff weiter fasst, also darunter nicht nur ein Sichverbergen versteht, sondern auch das Täuschen, ist es ein uraltes Prinzip beim Militär. Denken Sie nur an das Trojanische Pferd oder Odysseus, der sich mit seinen Männern unter Schafen festklammerte, um dem Riesen Polyphem zu entkommen.

ZEIT Wissen: Auf alten Schlachtengemälden ist von Tarnung aber nichts zu sehen. Da laufen die Kriegsparteien in bunten Uniformen aufeinander zu.

Rogg: Vor allem im Siebenjährigen Krieg und in der napoleonischen Zeit konnten Uniformen gar nicht bunt und schrill genug sein. Aus gutem Grund: In dem großen Durcheinander, wenn Abertausende von Soldaten aufeinander eindroschen, war das eine echte Hilfe, die eigene Truppe vom Gegner zu unterscheiden. Damals war auch die Sicht im Gefecht noch durch Pulverdampf und Staub behindert. Raucharmes Pulver wurde erst im 19. Jahrhundert entwickelt.

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT WISSEN Nr. 6/15.

ZEIT Wissen: Wann kamen Tarnuniformen auf?

Rogg: In den Kolonialkriegen des 19. Jahrhunderts. Die britischen Truppen kämpften nicht mehr in Gefechtsformationen, sondern aufgelockert. Damit wurden die Themen Tarnung und Deckung ganz wichtig. Mit Farben, die dem Erdboden angepasst waren – vor allem Khaki –, war man besser geschützt. In fast allen europäischen Streitkräften beginnt man zu dieser Zeit, die Uniformen zu "entfärben". 1907 wurde in den deutschen Streitkräften das Feldgrau eingeführt. Die Franzosen zogen im August 1914 noch in roten Hosen in den Krieg, aber die legten sie ganz schnell ab. Zur gleichen Zeit begann man auch, Großgeräte wie Flugzeuge anzumalen. Mehrfarbig, um die Kontur aufzulösen. Das ist der Anfang von dem, was wir Camouflage nennen. Alle Armeen fingen an, Abteilungen für die Entwicklung von Tarnmustern einzurichten. Interessanterweise waren auch Künstler dabei.

ZEIT Wissen: Künstler?

Rogg: Ja. Darunter ganz bekannte Namen wie Paul Klee. Fast zeitgleich entwickelte sich der Kubismus. Die Künstler nahmen jetzt den Raum ganz anders wahr. Sie lösten die Dreidimensionalität auf und ließen Konturen verschwinden. Das hat schon Ähnlichkeit mit der Tarnmalerei. Als Picasso 1914 mit Gertrude Stein in einer Straße einen Lkw mit Tarnmuster sah, soll er gerufen haben: "Ja, wir haben das gemacht, das ist Kubismus!"

ZEIT Wissen: Die B2-Stealth-Bomber der U. S. Air Force haben die Tarnung von Flugzeugen bisher am weitesten getrieben. Dank ihrer Form und Lackierung sind sie für das gegnerische Radar nicht zu sehen. Ein Modell für die Zukunft?

Rogg: Ich halte es durchaus für möglich, dass man noch ausgefeiltere optische Tarnungen umsetzt – vorausgesetzt, man kann unglaublich viel Forschungskapazitäten und Gelder dafür aufwenden. Beim B2-System sollen 17.000 Techniker und Ingenieure beteiligt gewesen sein! Ein Stealth-Bomber kostet fast eine Milliarde Dollar. Das können sich nur noch die Amerikaner leisten. Und zu mehr als 20 B2-Bombern hat es auch bei ihnen nicht gereicht. Die Schwierigkeit bei künftigen Stealth-Systemen wird sein, sie zur Serienreife zu bringen, sodass sie in nennenswerter Zahl zu einem vertretbaren Preis produziert werden können. Die Militärs wollen weltweit gar nicht den absolut unsichtbaren Bomber produzieren. Fast unsichtbare Flugzeuge, die bezahlbar sind, würden schon genügen.

ZEIT Wissen: Wäre eine Armee mit Unsichtbarkeitstechnik nicht ein großer Einschnitt in der Militärgeschichte?

Rogg: Es ist nach den Genfer Konventionen nicht verboten, sich zu verbergen. Problematisch wird es aber, wenn der Kombattant nicht eindeutig zu identifizieren ist. Das ist die größere Herausforderung für die Zukunft: Nicht ob sich Soldaten unsichtbar machen, sondern ob sie noch eindeutig zu erkennen sind. Das ist gerade das Perfide bei "menschlichen Schutzschilden", weil hier die moralischen Vorbehalte, auf unschuldige Zivilisten zu feuern, gezielt ausgenutzt werden.