Dass wir damit begannen, dem Tod in seinen Auftritt zu pfuschen, ist noch keine 60 Jahre her. Bis dahin war der Tod eine Grenze, und wer diese überschritt, kam nicht mehr zurück. Die Grenze war in dem Augenblick erreicht, in dem das Herz aufhörte zu schlagen. Bum-bum, bum-bum, bum-bum – Ende.

Im Jahr 1957 veröffentlichte der österreichisch-amerikanische Arzt Peter Safar ein Buch, das das Leben von Tausenden Menschen verlängern sollte. Im ABC of Resuscitation beschrieb er, wie man jemanden nach einem Herzstillstand durch Herzdruckmassage, Beatmen und Freihalten der Atemwege wiederbeleben konnte. Zum ersten Mal waren Ärzte nun in der Lage, vermeintlich Toten das Leben zurückzugeben. Safars Erkenntnisse, anfangs mit Skepsis aufgenommen, stießen einen fundamentalen Wandel in unserem Verständnis vom Tod an. An der Grenze zwischen Leben und Tod war plötzlich ein Übergang. Zwischen Weiß und Schwarz öffnete sich ein Streifen Grau.

Mediziner wie Laien begannen zu begreifen, dass der Tod kein Moment ist, sondern ein Prozess, der sich aufhalten und sogar rückgängig machen lässt. Ärzte verlängern heute durch Kühlung, Maschinen und Medikamente die Zeit, in der eine Wiederbelebung glücken kann. Vielleicht werden sie bald in der Lage sein, Menschen, die schon mehrere Stunden tot sind, wieder ins Leben zurückzuholen.

Das wirft Fragen auf. Wenn Menschen vom Tod zurückkommen, was sagt das über die Zwischenzeit aus? Was geschieht in der Phase des Totseins mit dem, was uns ausmacht? Wo ist unser Bewusstsein, wenn wir sterben? Schon Platon und Aristoteles stritten darüber, ob der Geist vom Körper erschaffen wird oder ob er unabhängig von ihm existiert.

Philosophen und Theologen können ganze Karrieren auf diese Fragen gründen, Naturwissenschaftler hielten sich lange Zeit davon fern. Doch das ändert sich gerade. Mediziner haben seit einigen Jahren angefangen, sich für das zu interessieren, was nach dem klinischen Tod passiert. Mit ihren Experimenten bereiten sie den Weg, einen uralten Menschheitsglauben zu überprüfen: dass wir mehr sind als nur Fleisch und Blut.

Joe Tiralosi fühlte sich schlecht, als er an einem heißen Augusttag im Jahr 2009 seine Schicht als Chauffeur in den Straßen New Yorks beendete. Er schwitzte, drehte die Klimaanlage auf und wollte sich auf den Weg nach Hause machen. Doch dafür war er schon zu schwach. Ein Kollege brachte ihn ins nahe gelegene Presbyterian Hospital. In der Notaufnahme brach er zusammen. Sein Herz stand still, das Gehirn arbeitete nicht mehr. Tiralosi war tot.

Allerdings war er in einem der besten Krankenhäuser Nordamerikas gestorben. Sofort eilten Krankenschwestern und Ärzte herbei, alle speziell für die Reanimation geschult. Sie schnitten Tiralosis Pullover und Hosenbeine auf. Sie klebten ihm die Elektroden des Defibrillators auf den Brustkorb und legten ihm Eisbeutel unter die Achseln und an den Hals, alles innerhalb rund einer Minute. Dann begannen die Fachkräfte mit der Herzdruckmassage, 100 Kompressionen pro Minute. Sie beatmeten ihn, acht Atemzüge pro Minute. Schockten sein Herz mit 360 Joule. Nach zehn Minuten zeigte Tiralosi noch immer keine Lebenszeichen.

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT WISSEN Nr. 1/16.

Früher lag hier die Grenze, an der Ärzte die Behandlung abbrachen. Die Schäden im Gehirn seien nach zehn Minuten ohne Sauerstoff zu gravierend, als dass der Patient ohne gravierende Probleme weiterleben könne, so die gängige Meinung. Die Ärzte und Schwestern im Presbyterian Hospital machten weiter. Sie wechselten sich mit der Herzdruckmassage ab. Sie spritzten Adrenalin, eine Ampulle nach der anderen. Zwanzig Minuten war Tiralosi jetzt tot. Wieder und wieder schockte das Team sein Herz. Dreißig Minuten ohne Reaktion. Vierzig Minuten. Spätestens jetzt hätten die meisten Ärzte die Reanimation aufgegeben, zu groß ist die Angst, dass das Herz zwar wieder zu schlagen beginnt, aber weite Teile des Gehirns abgestorben sind. Das Team machte weiter. Auf einmal rief eine Schwester aufgeregt: "Ich spüre einen Puls!" Die Erschöpfung wich Euphorie. 47 Minuten lang war Tiralosi nach medizinischen Maßstäben ein Toter gewesen. Nun begann er zurück ins Leben zu kommen. Würde diese Geschichte ein Happy End haben?

In den vergangenen 20 Jahren ist das Wissen um die Vorgänge im Körper eines Sterbenden enorm gewachsen. Wird das Herz nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgt, hört es zu schlagen auf. Der Kreislauf bricht zusammen. Binnen Sekunden ist der restliche Sauerstoff verbraucht.

Ohne Maßnahmen der Wiederbelebung hören dann die Organe auf zu arbeiten. Nach 20 Sekunden verliert der Mensch das Bewusstsein. Die Temperatur auf der Hautoberfläche fällt ab. Das Gehirn funktioniert nicht mehr. Nach fünf Minuten treten aus den Nervenzellen im Hirn Enzyme aus, die irreparable Schäden anrichten. Nach 25 Minuten sterben die Zellen des Herzens, nach 30 Minuten die der Nieren und der Leber. Langsam bilden sich Totenflecken, weil das Blut durch die Schwerkraft nach unten sinkt. Das Lungengewebe beginnt nach ein bis zwei Stunden abzusterben, nach zwei bis vier Stunden setzt die Totenstarre ein, zuerst am Kiefergelenk, nach acht Stunden am ganzen Körper. Magen und Darm arbeiten noch 24 Stunden weiter, bis sie sich aufzulösen beginnen. In der Hornhaut des Auges lassen sich noch nach sieben Tagen lebendige Zellen finden.