Berchtesgadener Alpen, im Juli 2015. Ich quäle mich einen Grashang hoch, den im Winter die Skifahrer hinuntergleiten, die Steigung von 30 Prozent kommt mir fast senkrecht vor. 56 Kilometer und 2.900 positive Höhenmeter bin ich jetzt gelaufen. 44 Kilometer liegen vor mir, mehr als ein Marathon. Und der höchste Gipfel des Tages: der Hochfelln, tausend Meter rauf und dann wieder runter. Auf diesen Beinen mit der gefühlten Stützkraft zweier Dosenspargel? Unmöglich, wenn ich darüber nachdenke. Aber Nachdenken ist gerade nicht meine Stärke. Ist mir eh alles gleich, ich laufe einfach immer weiter.

Was tue ich da? Ich versuche, 100 Kilometer am Stück zu Fuß zurückzulegen, die meisten davon im Laufschritt und überwiegend auf holprigen Bergwegen, rauf, runter, rauf, runter, selten flach, über Matsch, Geröll, Wurzeln und Felsen. Manchmal kann ich locker durch die Landschaft traben, manchmal muss ich auf allen vieren eine Felsstufe runterkraxeln.

Es ist ein Experiment. Ich möchte einen verborgenen Teil meiner Natur zum Vorschein bringen: den geborenen Läufer. Ich bin Stadtmensch, nehme das Rad zum Supermarkt, die U-Bahn zum Büro und im Urlaub das Auto. So bequem hatten es unsere Urahnen nicht. Sie waren einen großen Teil ihrer Zeit damit beschäftigt, ihren Mahlzeiten hinterherzurennen. Durchschnittlich mehr als 40 Kilometer täglich sollen sie zurückgelegt haben, schätzen manche Anthropologen. Jeden Tag einen Marathon, und das mit der gleichen genetischen Ausstattung wie wir heute. Laufen muss für sie so selbstverständlich gewesen sein wie Atmen.

Dass wir Menschen überhaupt sportliches Talent haben, ist eine ziemlich neue Erkenntnis. Verglichen mit anderen Tieren, sind wir nur mittelmäßige Athleten. Wir schwimmen nicht schnell, tauchen nicht tief, springen nicht weit und sind nicht sonderlich stark. Wir sind miserable Sprinter. Lange waren Physiologen überzeugt, dass unser Bewegungsapparat aufs gemächliche Gehen spezialisiert ist.

Vor ein paar Jahren jedoch haben die Experten ihre Meinung geändert: Der Biologe Daniel Lieberman von der Harvard University und sein Kollege Dennis Bramble veröffentlichten im Jahr 2004 im Fachblatt Nature eine Studie mit dem Titel Born to run, für die sie die Evolution des menschlichen Körperbaus neu untersuchten und mit dem anderer Primaten verglichen. "Die Fossilienbelege sprechen dafür, dass Dauerlaufen eine abgeleitete Fähigkeit der Spezies Homo ist, die vor zwei Millionen Jahren entstand und womöglich zur Evolution des menschlichen Körpers beitrug", schreiben sie. Unser Lauftalent offenbart sich allerdings erst auf den zweiten Blick.

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT WISSEN Nr. 1/16.

Menschen brauchen ihr ganzes erstes Lebensjahr, um überhaupt erst gehen zu lernen, und ihr ganzes erstes Lebensjahrzehnt, bis sie richtig rennen können. Und selbst dann sprintet uns noch jeder übergewichtige Stadthund davon. Die schnellsten Menschen laufen die 100 Meter in zehn Sekunden. Ein Gepard schafft sie in fünf Sekunden. Pferde und Windhunde halten minutenlang die doppelte Höchstgeschwindigkeit menschlicher Läufer. Aber dann geht ihnen die Puste aus. Auf die Dauer können wir sie alle wieder einholen. Im Langstreckenlauf sind Menschen Weltklasse.

"Dauerlauf ist die einzige Sportdisziplin, in der Menschen mit der tierischen Konkurrenz ganz gut mithalten können", sagt Robert McNeill Alexander, Biomechaniker an der Universität Leeds. Für unsere Vorfahren war das eine Frage des Überlebens. Sie erbeuteten ihr Essen, indem sie es müde hetzten. Die Hebelverhältnisse in unseren Beinen, die Spannung und die Elastizität der Sehnen, die Pendel der Arme sind wie für den Langstreckenlauf konzipiert.

Unsere Fußgewölbe, einzigartig im Tierreich, und unsere Achillessehnen wirken wie Sprungfedern. Unsere starke Pomuskulatur streckt und stabilisiert die Hüfte. Bei Schimpansen und Hominiden findet man Plattfüße und Hängeärsche. Auch der Neandertaler war mutmaßlich ein schlechterer Läufer. Er kam vor 30.000 Jahren beim Wettrennen ums Mittagessen regelmäßig zu spät und musste Europa schließlich dem Homo sapiens überlassen.

Eine Frau hängt alle Männer ab

Andere Tiere sind darauf spezialisiert, Vollgas zu geben, doch sie überhitzen rasch. Wir sind sozusagen die Schiffsdiesel der Evolution. Nicht nur die Mechanik, auch die Energiesysteme sind auf Dauerleistung ausgelegt: die Mitochondrien in den Muskeln, die roten Blutkörperchen zum Sauerstofftransport und die nackte, von Schweißdrüsen gespickte Haut zur Kühlung.

An diesem Morgen um fünf Uhr im Waldstadion von Ruhpolding, an der Startlinie für die 100 Kilometer, haben sich keineswegs nur Sportfexe eingefunden, sondern auch Mütter, Teenager, Rentner, Touristen, insgesamt hundert Läufer. Der Chiemgauer 100 ist einer der traditionsreichsten "Ultraläufe" in Deutschland ("Ultra" steht für die Streckenlänge jenseits des Marathons). Dabei sind die 100 Kilometer nur die Kurzstrecke des Chiemgauer 100. Die Läufer der Langstrecke über 100 Meilen, also 161 Kilometer, sind am vorigen Nachmittag gestartet und bereits die Nacht durchgelaufen, als wir uns in Bewegung setzen.

In den USA gibt es eine ganze Reihe von 100-Meilen-Läufen, manche seit Jahrzehnten. In Deutschland findet jedes Jahr ein Wettlauf von Wiesbaden nach Bonn über 320 Kilometer statt. Der Transeuropa-Etappenlauf durchquert gar den ganzen Kontinent, von der Südspitze Italiens bis zum Nordkap, durchschnittlich 70 Kilometer täglich, 4.500 Kilometer insgesamt. Im Jahr 2009 begleiteten Ulmer Mediziner die Läufer mit einem Labortruck samt Computertomografen und untersuchten sie auch in den Monaten danach. Keiner der Läufer trug bleibende Schäden davon.

Ultralaufen ist erstaunlich sanft zum Körper. Schwere Verletzungen und Herzprobleme sind selten – im Gegenteil, Laufen stärkt das Herz, die Gefäßwände und das Immunsystem. Manche Läufer erfahren Sehstörungen oder Halluzinationen, doch eine salzige Suppe, ein Stück Kuchen oder ein Nickerchen genügt meist als Gegenmittel. Ansonsten sind Blasen, Insektenstiche, Schürfwunden durch Stürze und Reizungen der Atemwege durch Staub und Pollen die häufigsten Leiden. Gefahr droht nur dem, der sich zwischen den Belastungen keine Erholungsphasen gönnt. Dann kann er sich einen Ermüdungsbruch oder eine langwierige Sehnenreizung einhandeln.

So zeichnen sich Ultraläufer auch nicht durch besondere körperliche Fähigkeiten aus. Sie benutzen ihren Körper nur so, wie es unsere Urahnen taten. Nur eine Besonderheit fanden Mediziner bei ihnen: eine erhöhte Schmerztoleranz. Sie laufen einfach weiter, während ihre empfindlicheren Artgenossen zu jammern beginnen. Ausdauer findet im Kopf statt.

Inzwischen zeigt sich, dass wir nicht nur physisch, sondern auch mental auf Langstrecke eingestellt sind. Die beim Laufen in den Muskeln ausgeschütteten Botenstoffe verhindern, dass Nervenzellen absterben, und kurbeln die Gehirnaktivität an. Darum kann Laufen eine Demenz verzögern oder eine Depression lindern. Laufen ist gut für den Kopf – und fühlt sich noch besser an: das viel gerühmte Runner’s High, jener Rausch, der viele Läufer nach einigen Minuten oder einer Stunde überkommt und trotz aller Anstrengung in gefühlter Schwerelosigkeit dahingleiten lässt. "Wie auf Drogen" fühlen sich manche Läufer, während ihr Gehirn von Endorphinen geflutet wird.

Doch die Endorphine allein können die starken Emotionen nicht erklären, die Marathonläufer durchleben. Offenbar geraten sie einen Zustand, den der amerikanische Psychologe Mihály Csíkszentmihályi Flow nennt. Bestimmte Gehirnareale, die für das logisch-analytische Denken und die Selbstkontrolle zuständig sind, sind gehemmt. Die Theorie ist, dass das Gehirn beim Laufen so intensiv mit der Koordination der Bewegungen beschäftigt ist, dass es jene Regionen abschaltet, die es dazu nicht benötigt. Zum Beispiel den präfrontalen Cortex, der für unsere gezielte Aufmerksamkeit zuständig ist. Laufen befreit die Gedanken. Die Grübelei hat ein Ende. Die Wahrnehmung von Zeit und Raum schwindet – man läuft ganz im Hier und Jetzt. Dieser Zustand könnte Menschen bekannt vorkommen, die sich gern mithilfe von Cannabis entspannen. Tatsächlich haben Mediziner der Universität Heidelberg gerade entdeckt, dass auch Endocannabinoide am Runner’s High mitwirken, also vom Körper erzeugte Wirkstoffe, die denen von Marihuana gleichen.

Nach 70 Kilometern müsste ich eigentlich zum Umfallen müde sein. Bin ich aber nicht. Ich trabe unverdrossen durch den einsetzenden Gewitterregen, beglückt vom Cocktail selbst produzierter Drogen. Nun kommt eine Passage, die erholsam sein könnte: acht Kilometer durch den Wald, ziemlich flach auf gut laufbaren Singletrails. Eine Fünfergruppe hatte sich zusammengefunden, und ich freute mich auf ein lockeres Dahintraben in Gesellschaft. Aber weder ich noch die anderen drei Männer haben mit Ingrid gerechnet, der einzigen Frau in der Gruppe und späteren Siegerin der Frauenwertung. Sie ist in diesem Moment die Stärkste von uns fünf, forciert das Tempo und zieht davon.

Eine Frau hängt alle Männer ab – das gibt es nicht in vielen Sportarten. Auf Sprintstrecken haben Frauen keine Chance gegen die schnellsten Männer. Aber je länger die Distanz, desto geringer wird der Unterschied. Über 1.000 Meter auf der Bahn sind die schnellsten Männer noch ungefähr 11 Prozent schneller als die schnellsten Frauen. Beim Marathon noch 9 Prozent.

Jenseits des Marathons holen die Frauen weiter auf – und setzen zum Überholen an. Beim traditionsreichen 100-Meilen-Trail-Lauf in Leadville, Colorado, kommen fast alle Frauen ins Ziel, aber nicht einmal die Hälfte der Männer. Beim Dragon’s Back, einem mörderischen Etappenrennen über fünf Tage durch Wales mit einer Höhendifferenz von zweimal der Höhe des Mount Everest, lief die Schottin Jasmin Paris auf den zweiten Platz, zwei Stunden vor ihrem Lebensgefährten. Den Swiss Irontrail, der über unglaubliche 202 Kilometer geht, gewann 2014 eine Frau. Nicht nur die Frauenwertung – nein, Denise Zimmermann war fast 40 Minuten schneller als der erste Mann.

Wer von der weiblichen Ausdauer überrascht ist, sollte sich in die dunkle Vorzeit zurückversetzen. Auch wenn Jagen damals Männersache gewesen sein sollte, hätte es Frauen wenig geholfen, wenn die Männer ihre Beute 40 Kilometer entfernt erlegt hätten. Alle mussten mitlaufen.

Nach 85 Kilometern sind die großen Schwierigkeiten geschafft. Vor mir liegen nur noch gut 15 Kilometer einfache, überwiegend abschüssige Strecke. Aber ausgerechnet dieser Abschnitt wird zur härtesten Prüfung. Beine und die Füße tun nun richtig weh, besonders beim Bergablaufen, dagegen helfen auch Endocannabinoide nicht mehr. Die Energiespeicher sind leer, und ich kann und will nichts mehr essen. Aber je näher ich dem Ziel komme, desto schneller werde ich. Ich laufe auf Autopilot. Und plötzlich bin ich im Stadion. Eine halbe Runde auf der Tartanbahn. Mein kleiner Sohn stürzt auf mich zu. Mit ihm auf dem Arm überquere ich die Ziellinie – und kann keinen einzigen Schritt mehr tun: die harmlose Variante der Legende des Pheidippides. Der Bote soll während des Kriegs zwischen Athen und Persien 240 Kilometer von Athen nach Sparta gelaufen und genau im Ziel tot zusammengebrochen sein.

Nach hunderttausend Schritten vom Start ins Ziel geht plötzlich kein einziger mehr – das kann kein Zufall sein. Der südafrikanische Sportmediziner Tim Noakes, selbst ein erfahrener Langstreckenläufer, hat eine Theorie, die es erklären kann: das Central-Governor-Modell ("zentraler Regulator"). Noakes ist überzeugt, dass in unserem Kopf eine unbewusste Steuerinstanz sitzt, die während intensiver Aktivität ständig den aktuellen Zustand des Körpers und den bewusst gefassten Plan mit früheren Erfahrungen abgleicht und Körper und Geist so gut wie möglich darauf einstellt. Ermüdung ist demnach kein unmittelbares Zeichen körperlicher Erschöpfung, sondern ein Signal des Central Governor. Wer sich vornimmt, zehn Kilometer zu laufen, dem reicht es auch nach zehn. Wenn er nach diesen zehn Kilometern erfährt, dass er noch 90 Kilometer laufen soll, wird er wohl scheitern. Wenn er sich aber von vornherein hundert Kilometer vornimmt, fühlt er sich nach zehn Kilometern wie gerade erst gestartet. Vermutlich wäre ich auch nach 50 oder nach 110 Kilometern völlig fertig gewesen, je nachdem, worauf ich meinen Central Governor programmiert hätte.

Natürlich kann der kleine Diktator im Kopf keine Wunder vollbringen. Die Ressourcen jedes Körpers sind endlich, und der Central Governor schützt sie, bevor es wirklich gefährlich wird – es sei denn, er wird durch Doping oder andere Drogen außer Kraft gesetzt. Aber es lohnt sich, ihn mal herauszufordern und sich mehr vorzunehmen als die übliche Feierabendrunde durch den Stadtpark. Die Chancen sind gut, sich selbst zu überraschen.

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