Frage: Was ist in Ihrem Fachgebiet die wichtigste Frage, auf die es keine Antwort gibt?

Volkmar Sigusch: Theoretisch, wann unser sexuelles Zeitalter endet. Therapeutisch, wie ein pädosexuelles Begehren verlässlich in ein anderes umgewandelt werden könnte.

Frage: Welches vermeintliche Wissen in Ihrer Disziplin ist vermutlich falsch?

Sigusch: Die unkritische, affirmative Sexualwissenschaft betrachtet die Welt nach der Formel "1 Mann + 1 Frau (+ mindestens 1 Kind)". Alles, was davon abweicht, ist für sie problematisch, abnorm oder krank, also Asexualität und Agender, Transgender und Liquid Gender, Homoehe, Bisexualität, Polyamorie, Neozoophilie usw., kurzum unsere sexogenerische Entwicklung der letzten 50 Jahre. Kritische Sexualwissenschaft dagegen hat erkannt, dass keine Sexualität und keine Geschlechtlichkeit eines Menschen mit der eines anderen identisch ist. Daher meine Rede von Differentia generis specifica und Differentia sexualis specifica.

Frage: Was ist die wichtigste Voraussetzung dafür, das Nicht-Gewusste zu verkleinern?

Sigusch: In unserem System ist es eine enorme Freiheit für die Forschenden, geistig, politisch, zeitlich und finanziell.

Frage: Welche jüngere Erkenntnis in Ihrem Fachgebiet hat am meisten neues bekanntes Nicht-Wissen hervorgebracht?

Sigusch: Die sog. Viagra-Pille für die Frau.

Frage: Sie dürfen spekulieren: Was könnte ein bedeutendes "unknown Unknown" auf Ihrem Forschungsbiet sein?

Sigusch: Die weibliche Sexualität. Alle wissen Bescheid, und keiner hat eine Ahnung. Selbst sog. Experten kennen oft nicht einmal die überaus eindrucksvolle Anatomie der weiblichen Genitalien, insbesondere der Klitoris. Und sie wissen auch nicht, dass Frauen, insbesondere ältere, grundsätzlich sexuell potenter sind als Männer. Sehr problematisch ist auch die aktuelle internationale Konstruktion einer Krankheit der Frauen, genannt Hypoactive Sexual Desire Disorder (HSDD). Als sei es nicht ganz normal, dass viele Frauen keinen sexuellen Verkehr mit einem Mann haben möchten, schon gar nicht das, was ich Karnickelsex oder feiner Coitus germanicus simplex nenne.

Frage: Sie dürfen spekulieren: Welchen Anteil des Wissbaren wissen wir bereits?

Sigusch: Bezogen auf unsere Kultur und insbesondere unsere gegenwärtige Episteme: wenige Prozente. Da aber unser Fetisch Wissen/Wissenschaft ohne Rücksicht auf Mensch, Moral und Natur immer tiefer, immer schneller und immer totaler in alles eindringt und alles zerlegt, sollten wir vielleicht bei diesem Stand der "Erkenntnis" erst einmal innehalten und fragen, was wir in Hochachtung vor Natur und Mensch noch wissen sollten.

Frage: Gibt es etwas, das wir Menschen besser nicht wissen sollten und etwas, das Sie persönlich nicht wissen wollen?

Sigusch: Wir Menschen sollten besser nicht wissen, wie Atombomben und andere Massenvernichtungswaffen gebaut werden. Persönlich möchte ich nicht jeden Tag über Medien erfahren, dass Eltern ihr Baby in der Toilette ertränkt haben. Und ich möchte nicht wissen, wann ich sterben werde.

Frage: Sollte die Wissenschaft danach trachten, alles zu wissen?

Sigusch: Nein, auf keinen Fall. Übrigens auch, weil die Forschung oft in die falsche Richtung geht. Zum Beispiel ist die Körpermedizin nach wie vor davon besessen, alles somatologisch, das heißt körperlich fassbar, zu begreifen, was oft gar nicht möglich ist. Oder sie geht davon aus, dass gleiche Ursachen gleiche Wirkungen hätten.

Frage: Was wäre dann anders als heute?

Sigusch: Ein menschliches Leben ohne Geheimnisse wäre auch das, was ich als Hylomatie beschrieben habe: Lebendiges wird totgestellt und Totes wird verlebendigt. Dieser Prozess läuft ja schon in unserer Kultur auf Hochtouren. Dazu nur eine Bemerkung. Unsere Ordnung des Wissens, die vor wenigen Jahrhunderten im Übergang vom Fideismus zum Szientismus entstand, opponierte Leben und Tod fundamental. Wissenschaften wie Biologie und Psychologie entstanden. Das Anorganische wurde zum unfruchtbaren Nichtlebendigen, das Organische zum fruchtbaren, wachsenden Produzierenden. Heute sind diese Oppositionen nicht mehr fundamental, weil Leben und Tod diversifiziert wurden und ineinander übergehen wie bereits am Klonen, an Robotern oder am Leben im WWW zu erkennen ist.

Frage: Würden Sie etwas, was Sie wissen, gerne wieder vergessen?

Sigusch: Ja und nein. Ich bin zerrissen, wenn ich an meine Kriegs- und Fluchterlebnisse denke.

Frage: Existiert das Nicht-Gewusste überhaupt, solange wir es nicht wissen?

Sigusch: Ja, zum Beispiel auch als die "dunklen Vorstellungen", von denen Immanuel Kant sprach oder als das "Schattenreich", von dem Sigmund Freud sprach. Sagen wir heute deutlicher: zum Beispiel als das Unbewusste in der Seele.

Frage: Gibt es etwas, was wir für wahres Wissen halten, was in alle Zukunft wahr bleiben wird?

Sigusch: Nein, weil selbst die aus heutiger Sicht identischen Vorgänge anders eingeordnet und interpretiert werden können.

Frage: Wie schnell, schätzen Sie, wird Ihr eigenes Wissen überholt sein?

Sigusch: Hoffentlich sehr schnell, weil es ungewollt um Katastrophen, Krankheiten, Ungerechtigkeiten und sexuelles Elend kreist. Und vergessen wir nicht: Unser Szientismus hat die Barbareien der letzten Jahrhunderte vorgedacht, organisiert und gerechtfertigt. Er hat mehr Wissen über Menschenvernichtung und Kriege als über Menschenliebe und Frieden angesammelt. Das sollte uns zu denken geben.