Es war einmal ein Märchen, das handelte vom Schlaraffenland. Noch in den 1970er Jahren lernten Kinder es in Erzählungen der Großeltern kennen. In den Shopping-Zonen der Metropolen ist es wahr geworden. Erdbeeren aus Südafrika im Winter, Lammfleisch aus Neuseeland, Kleidung aus Tunesien, Smartphones aus Korea und Kalifornien und vieles mehr. Rund um den Globus werden heute Produkte in einer Menge transportiert und verkauft, die noch vor 40 Jahren unvorstellbar war. Die damals einsetzende Globalisierung entfesselte den Welthandel. Sie hat das "Güternet" der Container hervorgebracht, das Warenpakete transportiert, und das Internet der Computer, das Datenpakete um die Welt schickt.

Die Globalisierung wird oft als recht neues Phänomen beschrieben, aber ihr Ursprung liegt weit zurück. 1947 schlossen 23 Länder das Allgemeine Zoll- und Handelsabkommen Gatt. Handel, so die Idee dahinter, verbinde Nationen und mehre ihren Wohlstand, auf dass sie nicht mehr mit dem Gedanken an Krieg spielen. In acht Handelsrunden wurde das Gatt immer feiner ausgearbeitet, stießen immer mehr Länder dazu. Von 1948 bis 1995 verhundertfachte sich das globale Handelsvolumen. Dieses Wachstum sollte die Welthandelsorganisation WTO, die am 1. Januar 1995 in Genf ihre Arbeit aufnahm und heute 162 Mitgliedstaaten zählt, noch ausweiten. Der Welthandel vervierfachte sich noch einmal, auf knapp 24 Billionen Dollar im Jahr 2014, Dienstleistungen eingeschlossen.

Doch das neue Schlaraffenland hat dunkle Hinterhöfe. Neue Kriege, wachsende Ungleichheit, zunehmende Migration und eine globale Finanzkrise hat das Handelswunder nicht verhindern können. Die Unzufriedenheit von Entwicklungs- und Schwellenländern ließ die neunte Welthandelsrunde, die sogenannte Doha-Runde, 2008 ohne Ergebnis in sich zusammensacken. Auch in den alten Industrieländern regt sich längst heftiger Protest gegen neue Handelsabkommen wie TPP oder TTIP. Der Welthandel selbst wuchs seit 2012 nur noch um magere 2,5 Prozent jährlich, kein Vergleich zu den Boomjahren vor dem Finanzcrash. Business as usual funktioniert nicht mehr. Hier sind drei Szenarien für ein Welthandelssystem der Zukunft.

Szenario 1: Globaler Freihandel

Wer im Internet Produkte aus anderen Weltgegenden kauft, bekommt mitunter Post vom Zoll. Das Paket wartet im Zollamt und wird erst dann herausgerückt, wenn der Empfänger die Einfuhrumsatzsteuer und einen Zollsatz von einigen Prozent bezahlt hat. In einer Welt mit globalem Freihandel gäbe es diese Prozedur nicht mehr: Jeder dürfte Produkte überallhin verkaufen und von überall kaufen. Die Staaten könnten ihre Zollbehörden abschaffen.

Das würde zum Beispiel Unternehmern in Kenia nützen. Sie könnten aus dem Kakao, der dort angebaut wird, Schokolade herstellen und direkt nach Europa verkaufen. Bislang geht das nicht: Die Einfuhr ist nur für Kakao als Rohstoff frei, nicht jedoch für daraus verarbeitete Produkte. Wenn die kenianische Tafel Schokolade lecker und günstig zugleich ist, könnten die Hersteller den hiesigen Schokofabrikanten das Geschäft streitig machen. Diese könnten im Extremfall pleitegehen, sodass am Ende in den Supermarktregalen nur noch Schokolade aus afrikanischen Ländern stünde.

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT WISSEN Nr. 3/16.

Nicht schön für die heimischen Hersteller. Für die Weltwirtschaft insgesamt wäre es jedoch gut, argumentierte der Begründer der Freihandelstheorie, der Engländer David Ricardo, schon vor 200 Jahren. Nach seiner Theorie des komparativen Kostenvorteils führt Freihandel dazu, dass sich jedes Land auf das spezialisiert, was es am effektivsten herstellen kann: Kenia beispielsweise Schokolade, während Deutschland sich etwa noch mehr auf Maschinen konzentrierte. Ricardo rechnete vor, dass bei einer solchen Arbeitsteilung zwischen zwei Ländern unter dem Strich nicht nur mehr produziert wird als vor einem Freihandel, sondern beide Länder auch besser dastehen als vorher. Nun war Ricardos Modell noch sehr simpel und abstrakt. Ökonomen späterer Generationen verfeinerten es, vor allem die Schweden Bertil Ohlin und Eli Heckscher um 1930 und der Amerikaner Paul Krugman mit seiner Neuen Ökonomischen Geographie 1991 (er wurde 2008 mit dem Nobelpreis geehrt). An der Konsequenz, die Ricardo formuliert hatte, änderte sich jedoch nichts.

Zahlreiche Modellrechnungen, die in den vergangenen Jahren verschiedene Handelsszenarien verglichen haben, zeigen: Beim globalen Freihandel stiege das volkswirtschaftliche Einkommen am stärksten, in vielen Studien sogar für alle Beteiligten. Die OECD sagte 2006 einen globalen Einkommenszuwachs von 287 Milliarden Dollar bis 2015 vorher. Eine Studie der Carnegie Endowment for International Peace, die zur gleichen Zeit die Zukunftsaussichten für Entwicklungs- und Schwellenländer modellierte, kam auf 168 Milliarden Dollar. Auch hier schnitt kein Szenario, bei dem es noch irgendeine Form von Handelsbarrieren gab, besser ab. Zum Vergleich: Die Vorschläge, die damals in den WTO-Verhandlungen in Doha auf dem Tisch lagen, hätten nur einen Zuwachs von knapp 59 Milliarden Dollar gebracht. Der Praxistest blieb jedoch aus – die Doha-Runde scheiterte.