Der Tag, an dem Matthew Crawford nach Paris kommen will, um sein neues Buch vorzustellen, fängt nicht gut an. Der Philosoph verschläft, wegen des Jetlags. Am Vorabend ist er in Brüssel gelandet, dort wacht er mit Brummschädel am helllichten Vormittag auf, also verpasst er den Zug, also auch unseren Termin, also schreibt er eine SMS voller Entschuldigungen, die ratlos fragt: "Und jetzt?" Ein neuer Zug nach Paris, ein neuer Treffpunkt, und dann kommt er an, außer Atem, mit Rucksack, tropfnass vom Regen, ein Intellektueller von zierlich-zäher Statur, Typus Axt im Hause, die den Zimmermann ersetzt, mit einer Tüte Erdnüsse in der Tasche. Mehr hat er in der Eile nicht zu essen gefunden. "Die Wiedergewinnung des Wirklichen" heißt sein Buch, es erscheint jetzt auch auf Deutsch. Das ist das Stichwort ...

ZEIT Wissen: Sie wollen das Wirkliche wiedergewinnen, die reale Welt außerhalb unserer Köpfe. Was heißt für Sie "wirklich", wenn Sie sich hier im verregneten Paris umschauen?

Matthew Crawford: Es heißt, außer Atem, erschöpft, aufgerieben, nass und ohne Orientierung zu sein. (lacht. Er greift zu den Erdnüssen) Diese Art Erschöpfung ist besonders real, sie ist an Leib und Seele oft wirklicher als alles andere, was uns tatsächlich umgibt, nicht nur in Paris. Das Gefühl der Erschöpfung, verbunden mit der modernen Befreiung des Selbst, das immerzu handeln muss, ist typisch für unseren gegenwärtigen Alltag. Wir sind wie gefangen in dieser zwanghaften Freiheit.

ZEIT Wissen: Was hat den Zwang geschaffen, in dem wir gefangen sind?

Crawford: Wir haben alle die Anforderungen des Wettbewerbs am Arbeitsmarkt internalisiert und rennen, als gehe es um unser Leben. Alle sind im dauernden Selbsttest, nirgends ist wirklich Ruhe zu spüren. Alexis de Tocqueville hat dies als Erster beobachtet, als er vor bald 200 Jahren aus Paris nach Amerika kam: Die moderne Demokratie bedeutet, sagte er damals, dass jeder Angst um seinen sozialen Wert und seine Anerkennung hat, dass niemand sich mehr stabil zu Hause fühlt, weil jeder sich immer mit anderen vergleicht und den Stillstand fürchtet, der den sozialen Absturz bedeuten könnte. Wir kämpfen darum, permanent in Bewegung zu sein. Dabei geht uns die Welt verloren, die uns durch ihre Schönheit Kraft geben könnte.

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT WISSEN Nr. 4/16.

ZEIT Wissen: Sie wollen den Geist sozusagen aus dem Käfig, in dem er ruhelos eingeschlossen ist, wieder zurück in die Welt setzen, damit wir erfinderisch werden können?

Crawford: Unser Geist ist inzwischen wie in unserem Kopf eingesperrt. Er ist nicht mehr unabhängig und frei von Autoritäten, wie die Philosophen der Aufklärung es zu Recht postuliert haben. Heute kreist er in sich selbst, auf der Suche nach etwas, worauf er sich konzentrieren könnte. Ich verstehe uns Menschen historisch: Aus der guten alten Idee Kants, dass wir als autonome Menschen rational und frei handeln können, ist der Zwang geworden, im Unendlichen dauernd auszuwählen. Dadurch kommen wir aus dem ruhelosen Reflektieren nicht mehr heraus.

ZEIT Wissen: Die Freiheit, die Kant meinte, ist dahin?

Crawford: Wir sind schwach geworden. Ich möchte, dass wir unsere Kraft der Aufmerksamkeit neu auf die Bindung an eine Fertigkeit richten können und an sie heften. Um der Freiheit eine Form der Selbstbindung zu geben, damit wir der Welt handelnd begegnen können. Ich halte das für den wirksamsten Widerstand gegen die neoliberale Auflösung aller Grenzen. Heute sind wir Aufklärer, wenn wir uns durch erlernte Fertigkeiten in der Welt verankern.

ZEIT Wissen: Aber was ist das Wirkliche, von dem Sie sagen, dass wir es wiedergewinnen müssen, um selbst kreativ zu sein? Was unterscheidet gehetztes Handeln vom schöpferischen Tätigsein?

Crawford: Wir machen von früh bis spät vorgefertigte Erfahrungen. Wir rasen über Oberflächen, in Einkaufszentren, Flughäfen, am Bildschirm, wir durchqueren im Netz körperlose Welten, ohne zu spüren, wo wir selbst gerade sind. Unsere Aufmerksamkeit wird angezogen und aufgesogen, dauernd müssen wir uns entscheiden, wie wir diesen Überfluss ausblenden, um zu wissen, wo wir eigentlich sind. Das strengt an. Und es bedeutet, sich oft ohnmächtig zu fühlen. Aber wir sind in Wirklichkeit als Menschen aus Fleisch und Blut körperliche Wesen, mit einem uralten Sinn dafür, wo rechts ist, wo links, oben und unten, wir sind Verkörperungen, die mit ihren Händen nach Dingen in Reichweite greifen. Diese physische Wirklichkeit können wir wiedergewinnen, um zu spüren, dass wir selbst wirksam sind, dass wir gestalten können. Das kann uns glücken, wenn wir uns, Handgriff für Handgriff, ans geduldige Erlernen von Fertigkeiten machen.