Besonders ein Schlüsselbegriff rückte zuletzt ins Zentrum: Kreativität. Der selbstbestimmte Kreative, der im Flow seine Ideen verwirklicht, wurde zum Gegenentwurf des spießigen Angestellten, der um fünf Uhr nachmittags die Stechuhr ansteuert. Kreativ sein hieß Mensch sein. Aber dann kaperte die neoliberale Ideologie das Projekt, und damit begann das Missverständnis.

Der amerikanische Ökonom Richard Florida erfand in den nuller Jahren den Begriff der "kreativen Klasse". Die kreative Klasse sorgt demnach dafür, dass dem Land die Ideen nicht ausgehen. 30 Prozent der Arbeiter und Angestellten gehören dazu, meint Florida. Ärzte, Professorinnen, Ingenieure, Architektinnen, Facharbeiter, Designer, Schauspielerinnen, Künstler. Kreativ sein diente nun nicht mehr nur dem privaten Glück, sondern auch der Innovationskraft des Arbeitgebers. So geht das bis heute. Der Angestellte soll sich permanent neu erfinden. Die freie Mitarbeiterin sowieso.

"Rein menschliche Fähigkeiten wie Kreativität werden stärker gefragt sein", sagte der Telekom-Chef auf der jüngsten Hauptversammlung des Konzerns. Der Audi- Chef lobte vor seinen Aktionären "Know-how, Kreativität und unermüdliches Engagement" der "Menschen bei Audi". Der EnBW-Chef schwärmte von der "Kreativität und Kompetenz unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter". Der Siemens-Chef fragte rhetorisch, wie man "Kreativität, Kollegialität und Eigenverantwortung optimal fördern" könne. So geht das die Aktienkonzerne rauf und runter.

Wie gut, könnte man meinen, das ist eine Win-win-Situation. Der kreative Angestellte steigert nicht nur seine eigene Zufriedenheit, sondern nebenbei auch das Betriebsergebnis. So macht Arbeit Spaß, oder? Die Soziologen sind skeptisch. "Im Grunde ist das alles höchst merkwürdig", schreibt Andreas Reckwitz in seiner Analyse Die Erfindung der Kreativität: Von der Romantik bis zur New-Age-Bewegung sei die Idee der Kreativität auf kulturelle und soziale Nischen beschränkt gewesen. "Kreativität ist als eine Emanzipationshoffnung in Stellung gebracht worden, die den repressiv scheinenden Rationalismus von bürgerlicher Erwerbsarbeit, Familie und Bildung überwinden sollte." Kreativ war die Minderheit. Heute ist Kreativität die Norm.

Er schwanke zwischen Faszination und Unbehagen, gesteht Andreas Reckwitz. Faszination darüber, dass die ehemals gegenkulturelle Hoffnung auf Selbstentfaltung heute zum Mainstream gehöre. Und Unbehagen darüber, dass wir geradezu kreativ sein müssen. Die Hoffnung habe sich verwandelt, "in eine zwanghafte Zerstreuung der Aufmerksamkeit im unendlichen, niemals befriedigenden Zyklus der kreativen Akte". Brainstorming ist jetzt die Standardeinstellung der kleinen Angestellten. Heute schon ein Patent angemeldet? Hartmut Rosa spricht von Kreativitätsverdinglichung. "Im VW-Skandal kann man das gut beobachten. Die Ingenieure waren gezwungen, Vorgaben zu erfüllen, die sie nicht kreativ lösen konnten. Und dann haben sie es auf die krumme Tour gemacht." Von den Rolling Stones geträumt, bei Volkswagen aufgewacht, das ist das Missverständnis.

Hartmut Rosa möchte dieses Missverständnis aufklären. Worauf kommt es im guten Leben wirklich an? Es kommt darauf an, dass wir uns in der Welt aufgehoben und nicht in die Welt geworfen fühlen. Es kommt darauf an, etwas zu geben und etwas zurückzubekommen. So wie eine Stimmgabel, die eine andere Stimmgabel zum Schwingen bringt und von dieser wiederum zum Schwingen angeregt wird. Rosa nennt unseren Draht zur Welt, wenn er zu schwingen beginnt: Resonanz. In einem Satz verdichtet, lautet seine These: "Wenn Beschleunigung das Problem ist, dann ist Resonanz vielleicht die Lösung."

Resonanz heißt in der Akustik, dass zwei schwingungsfähige Körper miteinander in Beziehung treten. "Die Körper bleiben unabhängig", sagt Rosa, "sie sprechen sozusagen mit eigener Stimme und fangen an, aufeinander zu antworten. Sie sind hinreichend offen, um sich berühren zu lassen von den Klangwellen, die vom anderen ausgehen, aber gleichzeitig geschlossen genug, um selber tönen zu können." Er sagt: "Resonanz ist ein menschliches Grundbedürfnis und eine Grundfähigkeit."

Tiefe Freundschaften ermöglichen Resonanzerfahrungen ("Wir sind auf einer Wellenlänge"). Resonanz kann sich auf einer Wanderung einstellen ("Der Berg ruft"), auf einem Konzertabend ("Der Saal knistert"), auch beim Europa-League-Viertelfinale (Jürgen Klopp: "Nach dem 1 : 2 konnte jeder sehen, spüren, riechen, dass hier etwas passiert"). Der Mensch kann mit anderen Menschen resonant sein, mit Dingen, mit der Natur, der Kunst, der Religion. Im Unterschied zu esoterischen Utopien ist der "schwingende Draht" zur Welt eine Metapher, keine Quanten- oder Metaphysik. Außerdem ist Resonanz unverfügbar, unkontrollierbar und nicht im Vorverkauf zu haben. Wer seine Lieblingsmusik in Dauerschleife hört, kann sie bald nicht mehr leiden. Und wer Freitag nach Feierabend ins Theater hetzt oder noch lustlos eine Walking-Einheit abreißt, weil der Schritt- und Kalorienzähler des iPhones es einfordert, hat keine Schwingungsgarantie.

Sicher, in manchen Situationen ist Resonanzerfahrung wahrscheinlicher als in anderen. Dazu gehört der Kanon bürgerlicher Freizeitbeschäftigung, vom Opernbesuch bis zum Wanderurlaub. Aber auch das Heavy-Metal-Festival in Wacken kann eine Resonanzoase sein und selbst ein Ort wie eine Tankstelle, meint Rosa: "Ich kann mich zum Beispiel an Erlebnisse erinnern, die sich dort in meiner Kindheit abgespielt haben. Oder ich kann mit einer Autobahntankstelle eine Sehnsucht verbinden."

Und eine Pegida-Demo? "Pegida ist der Versuch, sich wieder hörbar zu machen mit dem Ruf ›Wir sind das Volk‹", sagt Rosa. "Aber da geht es gar nicht um die eigene Stimme, sondern darum, in einem identitären harmonischen Ganzen zu fusionieren, in einem Volksganzen, und das nenne ich eine leere Echokammer. Alles, was anders ist, soll ferngehalten werden. Das ist ein repulsives Weltverhältnis und kein resonantes."

Halb im Scherz hat Hartmut Rosa den "Leuchtende-Augen-Index" als Maß für die Resonanz vorgeschlagen: "Das, was wir meinen, wenn wir davon reden, dass eine Begegnung jemandes Augen zum Leuchten gebracht habe, ist eine empirische Realität und keine esoterische Fantasie." Resonanz wirke sich auf Hautwiderstand, Atmung, Körperspannung, Herzfrequenz und mehr aus. Das habe mit Glücksgefühlen zu tun, es gehe aber nicht nur um subjektive Befindlichkeiten. Sondern um die politische Frage, wie eine Welt beschaffen sein muss, damit wir uns in ihr aufgehoben fühlen.

So leitet Rosa aus seiner Theorie die Forderung ab, dass jeder Mensch ein existenzsicherndes Grundeinkommen erhalten sollte. Man müsste dann nicht dauernd um die nächste Tariferhöhung kämpfen. Und damit ist er wieder bei den beiden Malern, Gustav und Vincent: Ein Grundeinkommen, sagt Rosa, würde den Menschen erlauben, "von der auf Ressourcensicherung zielenden Gustav-Strategie der Lebensführung auf eine resonanzsensible Vincent-Strategie umzustellen."

Hartmut Rosa graut allerdings davor, dass er nun als Resonanz-Guru durch die Medien gereicht wird, er war ja zuvor schon der Entschleunigungs-Guru, so hat ihn die FAZ genannt. Er sieht die Erfolgsratgeber schon vor sich: "Machen Sie Ihr Leben resonant!", "10 Tipps für ein resonantes Leben". Er wird dazu nichts sagen. Aber wer sich auf Rosas Kategorien einlässt, der kann einen anderen Blick auf sich und die Welt gewinnen. Und die Frage nach dem gelingenden Leben noch mal neu formulieren. Auf Resonantisch: Hast du einen Draht zur Welt? Bist du noch kreativ, oder lebst du schon resonant? Wer oder was hindert dich an Resonanzerfahrungen?