Eine Sprache erlernen

Fast zwei Millionen Menschen in Deutschland melden sich jedes Jahr bei einer Volkshochschule an, um eine Sprache zu lernen. Einer von ihnen ist Thomas Müller aus München. Er heißt zwar wie der Durchschnittsdeutsche, ist aber zwei Jahre jünger, also 47, und lernt seit sieben Jahren Bahasa-Indonesisch. Müllers Motivation, um es gleich zu sagen, war die Liebe. In Sanur, einer Hotelstadt im Süden Balis, lernte er seine heutige Frau kennen. Die sprach aber kein Deutsch, und Englisch auch nur ein bisschen. Und Müller war ein Tourist, der im Restaurant auf die bunten Bilder der Speisekarten zeigte, wenn er bestellte. Auf eBay ersteigerte er Wörterbücher und Sprachlernprogramme für den Computer, in München meldete er sich zum Sprachkurs an. Donnerstagabends von halb acht bis neun Uhr lernt er seitdem Indonesisch.

Wer Sprache lernen mit Liebe verbinden kann, darf sich glücklich schätzen. Hier wird Motivation mit Emotionen verknüpft. Kaum etwas ist motivierender als der Wunsch, sich besser mit seiner Partnerin oder seinem Partner verständigen oder mit Freunden und Verwandten kommunizieren zu können. Aber niemand wird ernsthaft eine Beziehung beginnen, um eine Fremdsprache zu lernen. Wie können sich die 99 Prozent Nicht-Verliebten motivieren, die einfach nur ihr Englisch verbessern oder Italienisch lernen wollen? Darüber diskutieren Sprachlernforscher und Psychologen seit Jahrzehnten. Es geht dabei nicht nur um akademische Neugier, sondern auch um viel Geld, das Menschen für den Fremdsprachenunterricht ausgeben. Die gute Nachricht ist, dass man mangelndes Sprachtalent, politisch korrekt: language aptitude oder "Fremdsprachenlerneignung", durch hohe Motivation, guten Unterricht und Fleiß ausgleichen kann. Aber wie motiviert man sich oder seine Schüler am besten?

Der kanadische Psychologe Robert Gardner stellte Anfang der siebziger Jahre eine einflussreiche Theorie auf, die dem Potpourri unterschiedlicher Motivationen zwei weitere hinzufügte. Wer eine Fremdsprache lernt, sagte Gardner, sei entweder "instrumentell" oder "integrativ" motiviert. Integrative Motivation bedeutet: Man lernt eine Fremdsprache, weil einen die Sprache an sich und die Kultur interessieren. Man möchte die Menschen dieser Kultur besser verstehen, vielleicht sogar Teil dieser Kultur werden, sich integrieren. Wer dagegen "instrumentell" motiviert ist, lernt eine Fremdsprache, weil sie nützlich sein kann – man kann mit ausländischen Geschäftspartnern verhandeln oder im Ausland einen Job bekommen, man kann im Urlaub nach dem Weg fragen und bestellt im Restaurant nicht aus Versehen Hunde- oder Affenfleisch.

Gardners Theorie sei zu simpel, kritisierten Fremdsprachenforscher den Psychologen. Viele Menschen seien sowohl instrumentell als auch integrativ motiviert, das könne man gar nicht sauber trennen.

Zum neuen Guru der Fremdsprachenforschung wurde der ungarische Psycholinguist Zoltán Dörnyei, der an der Universität Nottingham arbeitet. Das neue Mantra: Motivation ist ein dynamischer Prozess. Sie ist nicht statisch, sondern fluide. Sie wird durch Misserfolge verringert und durch Erfolgserlebnisse verstärkt, etwa wenn man sich im Ausland oder im Internet mit dem Gelernten besser zurechtfindet.

Ein hohes Selbstvertrauen fördert die intrinsische Motivation. Ein guter Lehrer fördert die extrinsische Motivation. Aber Motivation sei eben auch sehr individuell, abhängig von der Persönlichkeit und der Umgebung, nicht generalisierbar. Böswillig könnte man sagen: Die Motivationsforschung des Sprachenlernens hat vor der Komplexität des Menschen kapituliert.

Es gibt kein Patentrezept. Es gibt aber eine Pointe: Werde dein eigener Motivationsforscher. Stell dir vor, du kannst die gewünschte Sprache schon sprechen. Was für ein idealisiertes Selbst siehst du dann? Solche mentalen Selbstbilder spornen an, sagt Zoltán Dörnyei. Er hat einen Fragebogen entworfen, den man für die Selbsterkundung nutzen kann, bislang nur auf Englisch (bit.ly/dornyei-motivation).

Die Bielefelder Sprachlernforscherin Claudia Riemer*, die in zwanzig Ländern mehr als tausend Deutsch-Lernende befragt hat, rät dazu, sich Erfolgserlebnisse im Alltag zu schaffen. Am besten, indem man mit Muttersprachlern kommuniziert. Sprachinstitute vermitteln dafür Tandempartner. Aber auch das Entschlüsseln einer Webseite oder das Bestellen einer Speise beim Italiener auf Italienisch sind kleine Schritte, die motivieren. "Die Sprache wird dadurch Teil des Lebens", sagt Riemer und erzählt von einer Gruppe Sechstklässler, die nach eineinhalb Jahren Englischunterricht zum Frankfurter Flughafen geschickt wurde, um Reisende auf Englisch zu interviewen. Ein Schlüsselerlebnis für die Kinder.

Thomas Müller und seine Frau leben inzwischen zusammen in München. Zu Hause darf Müller kein Indonesisch mehr sprechen, weil seine Frau ihr Deutsch verbessern will. Müllers Motivation hat seitdem nachgelassen. Aber wenn er mit seiner Frau nach Bali fährt, kann er der Schwiegermutter sagen, was ihm schmeckt.

Bei Stephan Biermann ist gerade wieder Diätphase. Wenn er nach dem Training um 23 Uhr nach Hause kommt, kocht er für den nächsten Tag vor. Im Moment isst Stephan Biermann jeden Tag Kartoffeln mit Hühnchen oder Salat mit Reiswaffeln.

Ali Shoshak wiegt jetzt 96 Kilo, das Gewicht hält er seit Monaten. Er hat einen Wochenplan, in den er genau notiert, was er an welchem Tag essen darf und wie viel Sport er machen muss. Seinen Job im Restaurant hat er gekündigt, er macht jetzt den Fitnesstrainerschein. Und er hat ein neues Ziel: In neun Monaten will er ein Sixpack haben. Sieht aus, als könnte er das schaffen.

Die Quellenangaben zum ZEIT-Wissen-Artikel finden Sie hier.

*Anmerkung der Redaktion: Der Name wurde nachträglich korrigiert.